Ähm, nein?

1. Oktober 2014

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Ich wäre gern dabei gewesen, als die Werber den Verantwortlichen beim Stern erklärt haben, was genau sie mit dieser Anzeige bei den Lesern auszulösen gedachten. Mitleid?

Warum so viele Menschen in ihrem Job unglücklich sind

18. Juli 2014

Beim Reporter-Forum durfte ich in diesem Jahr ein Mini-Impulsreferat geben. Das Oberthema war “Wie wir arbeiten wollen”, deshalb habe ich über die Ideen gesprochen, die Grundlage meines Jugendbuches Werde das, was zu dir passt!, Vom Traum zum Berufsind: Die Mythen Begabung und Tätigkeit.

Bitteschön.

Michalis Pantelouris: “Werde das, was zu dir passt” from reporterforum on Vimeo.

Filter-Bubble von innen: Ich sag jetzt auch was zu Krautreporter

30. Mai 2014

Wenn meine internen Berechnungen stimmen dürfte irgendwann gestern Nacht der Moment gewesen sein, an dem jeder einzelne Pixel der Krautreporter-Seite in seiner Form, seinem Inhalt und auf einer philosophisch-politischen Ebene kritisiert wurde. Das muss ein Rekord sein!

Ich habe das möglicherweise nicht in allen Einzelheiten verfolgt, aber nach allem, was ich gelesen habe, leidet das Projekt an

 

Ich erhebe hier keinen Anspruch auf Vollzähligkeit. Ich will auch nicht als hundertster untersuchen, welche Kritik berechtigt ist und welche nicht. Ich würde allerdings festhalten wollen: Dem ersten Anschein nach ist das (noch nicht erschienene) Krautreporter-Magazin möglicherweise nicht perfekt.

Dass das für einige viele offenbar einer Katastrophe gleichkommt, liegt offenbar an einem Gedanken, den Thomas Knüwer in die Worte packt

Die Krautreporter stehen, gerade weil bekannte Namen unter ihnen sind, eben auch in der Verantwortung: Wenn sie scheitern, dürfte es auf absehbare Zeit keine, zumindest aber weniger journalistische Projekte ohne Konzernbeteiligung geben.

Und obwohl das ein eher butterweicher Satz ist (“dürfte es auf absehbare Zeit […] weniger journalistische Projekte […] geben” ist jetzt eher kein Katastrophen-Szenario), halte ich ihn – oder vielleicht besser: das Denken, das er (re-)präsentiert – für falsch.

Zum Stand heute haben die Krautreporter trotz aller ihrer möglichen Fehler die Bereitschaft von bisher knapp 6000 Menschen errungen, zusammen 360.000 Euro für Journalismus auszugeben. Das mag gemessen am selbstgesetzten Ziel von 15.000 Unterstützen und 900.000 Euro zu wenig sein – wenn das aber nicht, auch im Fall des möglichen Scheiterns der Krautreporter, noch mehr Journalisten darauf bringt, in absehbarer Zeit mit ihren guten Ideen neue Businessmodelle zu versuchen, dann sind das Problem sicher nicht die Krautreporter, sondern mangelnde Ideen.

Um es mal klar zu sagen: Ich halte Krautreporter für einen riesigen Erfolg.

Da draußen gibt es, nun nachgewiesen, hunderttausende Euro, die gern für guten Journalismus ausgegeben werden wollen. Warum dieser Nachweis ausgerechnet dazu führen soll, dass es in Zukunft weniger Bereitschaft (auf beiden Seiten) zu journalistischen Projekten gibt, ist mir ein Rätsel. Fällt denn niemandem was Geiles ein, das für 300.000 zu machen ist?

Insofern wundert mich die Heilserwartung, die an ein Projekt gehängt wird, das aus meiner Sicht vor allem ein völlig legitimes Experiment ist; Das nicht ohne Konzept antritt, sondern mit einer These: “Guckt mal, was passiert, wenn Journalismus unter okayen Bedingungen gemacht wird – wir glauben nämlich, Ihr werdet das mögen!” Journalismus-optimierung in relativer Sicherheit und ohne Renditedruck – das reicht unter anderem mir dazu, 60 Euro dafür auszugeben. Per Kreditkarte. Und das, obwohl im Moment weder die vollständige Gleichberechtigung der Frauen noch die proportional faire Berücksichtigung von Journalisten mit Migrationshintergrund sichergestellt sind.

Oder, um es einmal so zu sagen: Ich glaube nicht, dass Krautreporter jemals alles können wird. Ich glaube aber, dass sie bestimmte Sachen ganz besonders gut können werden, und die sind locker die 60 Euro wert. Und ich hoffe, dass Krautreporter nicht das einzige großartige Journalismus-Projekt bleibt, sondern dass da viele folgen – in der Masse dann auch inklusive der Lösung aller Probleme von der Diskriminierung bis zu den Zahlungsmodalitäten.

Zunächst bin ich aber dankbar, dass einer einfach mal angefangen hat.

Wenn Sie mir also bitte folgen wollen, zu den Krautreportern geht es hier entlang. 
 

*PS. Dieser Mann hat sicher recht:

Warum AfD-Lucke möglicherweise unverzichtbar ist

23. April 2014

Journalismus in Deutschland, Reality Check: Griechenland hat also einen Primärüberschuss erwirtschaftet. Es gibt eine Schulregel, was ein Primärüberschuss ist (der Saldo des Staatshaushaltes vor Bedienung der Schuldzinsen), allerdings gibt es auch durchaus sinnvolle Modifizierungen, je nachdem, wessen Primärüberschuss da gerade berechnet wird. Bei den deutschen Bundesländern zum Beispiel fließen die Leistungen der Geberländer im Länderfinanzausgleich nicht in die Berechnung ein. Bei Griechenland sind in den Berechnungen die Einmalzahlungen ausgenommen, die das Land in einen Fond zur Rettung seiner Banken leistet.

Bei der FAZ war genau das aber gestern der Grund, Griechenlands Primärüberschuss als “Primärüberschuss” zu bezeichnen, also als etwas, das nur so heißt, aber in Wahrheit etwas anderes ist. Der pöbelnde Mob der faz.net-Leser verstand das selbstverständlich als Aufruf zu dem, was sie eh immer machen: Den Griechen vorzuwerfen, sie würden betrügen. Im Prinzip lässt sich das ja auch nicht anders verstehen.

Ich habe, in zugegeben leicht genervter Laune, per Twitter nachgefragt, warum der mit den vorher aufgestellten Regeln übereinstimmende Primärüberschuss nur ein “Primärüberschuss” ist. Und ich erhielt Antwort: Ein FAZ-Wirtschafts-Redakteur (ich nehme an, der Autor des Artikels, aber ich finde da online die Autorenzeile nicht) erklärte es mir so:

Das artete ein bisschen aus und ich wollte unter anderem wissen, ob die FAZ jetzt alle Primärüberschüsse in der EU in Anführungen schreiben würde, weil die EU ja die Regeln für die Berechnung so festgelegt hatte.

Natürlich führt das zu nix. Ich werde weder FAZ-Redakteure von irgendwas überzeugen, die denken, sie wüssten alles, ohne die Dinge durchzulesen, über die sie schreiben. Und schon überhaupt gar nicht werde ich die ekligen Lallbacken zur Fairness bewegen, die dort solche Artikel kommentieren.

Ich nicht.

Aber Bernd Lucke. Denn der lurchige Professor für Volkszorn, nebenbei auch Vorsitzender der Partei Alternative für Deutschland, stellte (sinngemäß) fest, dass das ja ein Skandal wäre, wenn die scheiß Griechen sich so schon wieder zu neuen Hilfen schummelten, und offenbar gelang es ihm, das Bundesfinanzministerium in einen Briefwechsel zum “Primärüberschuss” Griechenlands zu verwickeln. Das Finanzministerium besteht darauf, dass es ein Primärüberschuss ohne Anführungszeichen ist und bedient sich in seiner Antwort Techniken wie Logik und klare Vereinbarungen, die als Grundlage von Entscheidungen dienen. Auch klar, einen Lucke überzeugt man so nicht.

Aber erstaunlicherweise die FAZ. Plötzlich scheinen Logik und Regeln doch wieder bessere Argumente zu sein als Lucke und Vorurteile, denn heute schreibt Werner Mussler zusätzlich zu einem langen Erklärstück den Kommentar “Kein Skandal in Griechenland”:

Luckes impliziter Vorwurf, die Troika habe erst jüngst ihre Definition angepasst, ist daher schlicht falsch. Diese ist schon zum Start des Programms so festgelegt worden.

Also ist Bernd Lucke wenigstens dafür nützlich: Als verlässlichster Marker für so richtig falsche Standpunkte. Wer seine Zustimmung bekommt denkt dann offensichtlich doch noch mal drüber nach, dass da irgendwo ein Fehler in der Argumentation sein muss.

Na gut, nicht ganz alle: Luckes impliziten Vorwurf erhebt zumindest einer ganz explizit und richtet sogar seine Berichterstattung danach aus.

Trickst die BILD heute die Kanzlerin aus?

11. April 2014

Bevor ich mir vorwerfe, gar nichts dazu gesagt zu haben, möchte ich minimalinvasiv eine Kurzanalyse der aktuellen Griechenland-Berichterstattung der BILD abarbeiten – oder, wie ich es inzwischen nenne, kurz Schlickrutschen.

Manche haben es möglicherweise gesehen: BILD fragt sich

Tricksen die Griechen heute Angela Merkel aus?

BILD sagt, worauf die Kanzlerin heute bei den Gesprächen achten muss:

Damit Merkel sich dabei nicht wie vor den Landtagswahlen in NRW von der BILD austricksen lässt und Europa weiter in die Krise stürzt, nur weil sie sich im Fachblatt der Dumpfnationalen, aus deren Sicht außer Deutschen sowieso alle Betrüger sind und keinen Staatshaushalt aufstellen können, mit Pickelhaube als “Eiserne Kanzlerin” dargestellt sehen will … puh, Luft holen, viel zu komplizierter Satz (aber ich kann hier machen, was ich will!) … damit Merkel sich also nicht austricksen lässt, sage ich mal kurz, warum sie auf die Berichterstattung der BILD nicht achten darf.

Kurzform: Weil die BILD-Berichterstattung zum Lachen dumm, falsch und auch noch offen rassistisch ist.

Wer Lust hat, liest ein bisschen Begründung. Als wäre das nötig! Aber ich habe gestern zwei unfassbar tolle Typen getroffen, Franziskaner-Mönche, die in der Bronx Jugendliche retten. Meine Botschaft ist heute ist also die Liebe, deshalb lasse ich die journalistische Fairness auch für rassistische *********** gelten und zerlege mal.

BILD sagt, worauf Merkel achten muss, zum Beispiel:

►Die Staatsschulden will Griechenland bis 2020 auf 120 % des Bruttoinlandsproduktes senken. Fakt ist: von 130 % (2009) stieg die Staatsverschuldung auf 177,3 % (2013) an. Und das trotz des Schuldenschnitts, bei dem 107 Milliarden Euro erlassen wurden!

Wenn BILD Fakten im Sinne von “Dinge, die in der Realität so sind” benutzen würde, könnte man ja mal “Klartext” schreiben, was das Geseier bedeutet: In realen Zahlen stieg die Staatsverschuldung Griechenlands in den vier Jahren um gerade einmal 20 Milliarden Euro (den Extrapunkt mit dem Schuldenschnitt für eine Sekunde außen vor) – was angesichts der Bankenkrise, die zu der Katastrophe geführt hat, ein lächerlich kleiner Betrag ist (die deutsche Staatsverschuldung stieg aus demselben Grund allein zwischen 2009 und 2010 um 315 Milliarden Euro oder neun Prozentpunkte im Verhältnis zum BIP, und nicht einmal das war schlecht gemanagt. Im Super-Beispiel-Wunderland Irland stieg die Staatsverschuldung um 100 Milliarden Euro, 40 davon allein zwischen 2009 und 2010, das waren 28 Prozentpunkte zum BIP. Und nochmal: In allen Ländern letztlich alles wegen der Bankenrettungen und der nötigen Folgemaßnahmen).

Nun wird irgendjemand auf die Idee kommen und sagen: “Ja, aber die 20 Milliarden PLUS die 107 Milliarden Schuldenschnitt, das sind dann doch …” Und das wäre tatsächlich eine andere Zahl, wenn man sie denn so aufaddieren könnte. Das kann man nicht, weil ein Schuldenschnitt eben nicht einfach ein Kappen der Schulden ist, bei dem alle anderen Faktoren gleich bleiben (erklärt zum Beispiel hier). Die spannende, wenn auch akademische, Diskussion wäre ja, wie sich die Wirtschaft in Griechenland entwickelt hätte, wenn es die Bedingungen des Schuldenschnitts u.ä. nicht gegeben hätte. Auf das zumindest kann man sich sicher einigen: Ein Schuldenschnitt hat noch nie irgendwo Wachstum und Investitionen befördert, man könnte sogar sagen, der Schuldenschnitt hat Investitionen für griechische Firmen (nicht alleine aber doch auch) völlig unmöglich gemacht, weil sie natürlich keine Kredite bekommen haben. Womit wir beim nächsten Punkt wären.

►Die Wirtschaftsleistung wollte Griechenland deutlich steigern, um seine Schulden zurückzuzahlen. In Wahrheit sank das Bruttoinlandsprodukt von 230 Milliarden Euro im Jahr 2009 auf 182 Milliarden Euro im Jahr 2013.

Es ist per se bizarr, jemandem vorzuwerfen, er steigere die Wirtschaftsleistung nicht so, wie er das vorhatte. So könnte man auch einfach fragen: Warum hören die scheiß armen Leute nicht auf, so arm zu sein?
Es muss zum Kotzen sein, im Kopf eines BILD-Schreibers gefangen zu sein: Man hat alle Lösungen für alle Probleme, und die Welt hält sich einfach nicht daran! Die Welt MUSS irre sein. In Griechenland zum Beispiel hätten sie doch echt allen Grund, mal einen Schlag reinzuhauen. Aber was machen sie, anstatt zu arbeiten? Rekordarbeitslosigkeit!

Aber weiter:

►Einsparungen im öffentlichen Dienst greifen oft nicht. Eine 2012 verhängte Gehaltskürzung für Polizisten und Soldalten (10 %) wurde vom obersten Verwaltungsgericht gekippt.

Das ist also einer der Tricks, mit denen Merkel heute fertig gemacht werden soll: ein Rechtsstaat! Kann ich diesen Punkt eigentlich anders verstehen, als dass die BILD findet, ein Staat sollte für seine Polizisten und Soldaten den Rechtsweg ausschließen, wenn man ihnen das Gehalt kürzt? Sind die Schreiberlinge dieses Blattes noch wenigstens irgendwie in Randbereichen demokratischer Grundhaltung beheimatet? Ich erkenne das nicht. Die nennen sich selbst APO? Interessant. Nach ihren eigenen Maßstäben könnte man sie wahrscheinlich längst “Rechtsterroristen” nennen. Aber meine Botschaft ist ja die Liebe, insofern würde ich sowas natürlich nicht sagen.

Mein Lieblings-“Fakt” ist aber der letzte in der Reihe:

►Griechen-Rettung absurd: Obwohl Griechenland noch Milliarden-Hilfskredite über 30 Jahre mit 1,8 % Zinsen bedienen muss, nahm die Regierung gestern an den internationalen Finanzmärkten eine neue teure Staatsanleihe von rund 3 Milliarden Euro auf – und zahlt dafür 4,75 % Zinsen – mit Geld, das es nicht hat.

Um das überhaupt denken zu können, muss man wahrscheinlich das haben oder nehmen, was sie bei BILD alle haben oder nehmen. Offensichtlich WOLLEN sie den von ihnen so empfunden korrupten, faulen Südländern Hilfskredite aufdrücken, damit sie sie hinterher als faule, korrupte Südländer beschimpfen können. Und dann wollen diese undankbaren Kanaken ihr Leben lieber eigenständig leben? Wo kommen wir denn da hin? Dabei weiß doch JEDER hier, dass die nur auf unsere Kosten leben wollen! Wieso halten die sich nicht an unsere Vorurteile? Da muss man sich als BILD-Schlickschleuder echt belogen vorkommen.

Weil ich aber beschlossen habe, mich heute über dumpfe Lallbacken nicht einmal aufzuregen, wenn sie vor Millionen Lesern antidemokratische Propaganda und ethnische Vorurteile verbreiten, möchte ich bitte, dass wir uns alle innerlich reinigen und einmal einen Blick auf das unfassbar großartige Werk der Franciscan Friars of the Renewal in der Bronx werfen, entweder hier in einem ZEIT-Artikel oder auf ihrer eigenen Seite. Wenn alle Katholiken so wären, dann wäre ich sofort dabei.

Liebe!

Dreieinhalb Jahre

13. März 2014

Strafe hat eine Menge Formen und eine Menge Funktionen. Sie dient der Sühne. Sie dient der Abschreckung. Und sie dient der Gemeinschaft derjenigen, die sich an die Regeln der Gemeinschaft halten, als einigendes Signal dafür, dass der Ehrliche eben nicht der Dumme ist. Er ist derjenige, der die Gemeinschaft am Laufen hält. Wenn man es genau nimmt, dann ist der Ehrliche erst derjenige, der überhaupt eine Gemeinschaft herstellt – denn eine Gemeinschaft der Unehrlichen ist keine. Es gab Zeiten, da war das Stadtrecht eine Art vertragliche Vereinbarung, auf die man einen Eid schwor. Wer die Gesetze brach, brach damit vor allem seinen Eid und wurde dafür bestraft – allerdings später, nämlich von Gott. Zu irdischen Zwecken bezahlte man für kleinere Vergehen eine Strafe, die den Ehrlichen zugute kam – und wurde für schwere Vergehen aus der Stadt geworfen, um in Zukunft vogelfrei auf das jüngste Gericht zu warten. Das ist Teil unserer Kultur- und Rechtsgeschichte: Es lohnt sich schon deshalb, ein ehrlicher Mann zu sein, weil man sonst kein ehrlicher Mann ist – und es nicht wert ist, Teil der Gesellschaft zu sein.

Alle Konstruktionen rund um Gefängnisstrafen und ähnliches sind Hilfskonstruktionen, die alle möglichen Funktionen erfüllen: als Sühne, als Abschreckung, als Signal an die Opfer, als Ort der Resozialisierung, als Sicherungsverwahrung. Keine dieser Konstruktionen ist in irgendeiner Weise voll befriedigend: Zu viele Taten können nicht gesühnt werden, schon gar nicht so, dass es die Verletzungen der Opfer heilt. Rache verbietet sich in zivilisierten Gesellschaften, und überhaupt besteht ein gefühltes Missverhältnis von Delikten gegen das Eigentum und Delikten gegen die körperliche und seelische Gesundheit von Menschen. Das Urteil gegen Uli Hoeneß war angesichts der schieren, monströsen Größe seines Diebstahls an der Gemeinschaft eins mit Augenmaß – im Mittelfeld des möglichen Strafrahmens –, aber es gibt kein befriedigendes Verhältnis zu anderen Taten, die mit ähnlichen Strafen belegt wurden: Es haben schon Kriminelle dreieinhalb Jahre Gefängnis aufgebrummt bekommen, die andere Menschen halbtot geschlagen haben.

Das gefühlte Missverhältnis lässt sich nicht lösen, wenn man Gesetze als den Rahmen einer Gesellschaft betrachtet, wie wir uns in den vergangenen Wochen mal wieder zu tun haben hinreißen lassen: Da kommt ein Edathy davon, obwohl er mit seinen Internet-Käufen Kinderschänder in ihrem Geschäft unterstützt hat. Die Taten eines Uli Hoeneß wirken dagegen fast lässlich, aber er muss teuer dafür bezahlen. Was läuft da falsch im System?

Zum Glück läuft da systemisch erstaunlich wenig falsch. Nur wir lassen uns hinreißen, nicht auf die wahre Stärke eines Systems zu schauen und zu vertrauen, das eben nicht durch Gesetze geregelt wird. Strafgesetze greifen erst, wenn das menschliche Miteinander längst nicht mehr funktioniert, und anders, als wir es uns im täglichen Denken zu glauben erlauben, ver- und gebieten die Strafgesetze im Umgang miteinander gar nichts. Es steht ja nicht im Strafgesetzbuch (StGB), dass Mord verboten ist. Es steht nur drin, was einen Mord ausmacht und wie er bestraft wird. Das StGB enthält keine Gebote im Sinne des “Du sollst …”, sondern eine Preisliste für die Abrechnung hinterher, wenn es längst zu spät ist. Natürlich hält man damit keine Gesellschaft zusammen, sonst würde ja niemand diese Straftaten begehen, wenn sie nur teuer genug wären. Uli Hoeneß’ Steuerstraftat war aber teuer, und er hat sie trotzdem begangen, so wie viele Kriminelle es tun. Die Gesetze spielen dabei kaum eine Rolle: Was Menschen tun oder nicht tun, das bestimmt sich aus ihrer Kultur.

Was Uli Hoeneß zum Straftäter und Dieb an der Gemeinschaft hat werden lassen ist ein kultureller Fehler, oder wahrscheinlich eine ganze Reihe davon: Die Kultur, dass selbst sinnentleert große Summen von Gewinnen aus völlig unproduktiven Devisengeschäften, bei denen keinerlei Mehrwert geschaffen sondern Geld aus dem Nichts geformt wird, dass diese Gewinne als echter Gewinn, als Erfolg, als etwas Wertvolles und Richtiges verstanden werden; als etwas hart Erarbeitetes; als etwas Gutes. Dann Hoeneß’ bis zuletzt vertretene Überzeugung, er sei ein guter Mensch, weil er schließlich gespendet habe – obwohl er das gespendete Geld vorher der Gemeinschaft gestohlen hatte, der es rechtmäßig gehörte. Die Vorstellung, einer der viel Steuern zahle habe schließlich schon so viel geleistet, so als wäre sein Lebenswerk mehr wert als das jedes anderen hart arbeitenden Menschen, weil seine Arbeitszeit offenbar teurer ist. So wird sein über Steuern zum Bau eines Krankenhauses geleisteter Beitrag wichtiger als der des Maurers, der das Haus gebaut hat, und des Arztes, der darin Verletzungen verbindet: Es ist ein kultureller Fehler, dass in dieser Gemeinschaftsleistung plötzlich einzelne nach virtuellen Zahlen in ihrem Wert herauf- und herabgesetzt werden, anstatt die Gemeinschaft für ihre gemeinsame Leistung zu feiern.

Insofern ist Uli Hoeneß Verbrechen eines gegen jene Kraft, die unsere Gesellschaft im Innersten zusammenhält, und dementsprechend richtig und wichtig ist es, dass er die Wehrfähigkeit dieser Gemeinschaft auch in seiner Strafe spürt.

Trotzdem wird Uli Hoeneß die ultimative Strafe dieser Gemeinschaft aller Voraussicht nach erspart bleiben. Ich war einigermaßen schockiert ob seiner Einlassung vor Gericht, er wäre kein “Sozialschmarotzer”, denn es zeigt, wie wenig Einsicht er bisher gewonnen hat. Denn natürlich ist er das. Der finanzielle Schaden, den “Karibik-Klaus” dem Gemeinwesen zugefügt hat, war 22500 Euro. Bei Hoeneß liegt er um mehr als das tausendfache höher. Natürlich ist er ein Sozialschmarotzer, wenn er der Gemeinschaft zigmillionen Euro klaut. Aber er wird ja nicht für immer aus der Gemeinschaft ausgeschlossen sein. Schon heute gibt es viele, die ohnehin bedingungslos zu ihm halten – und wütende Gegnerschaft ist er gewohnt, die wird ihn nicht schockieren (ich ganz persönlich glaube tatsächlich, dass wir den besten Uli Hoeneß erst noch erleben, anders als den besten Muhammad Ali, den ein völlig ungerechtes Urteil auf dem Höhepunkt seiner Karriere gestoppt hat).

Sebastian Edathy hingegen ist tatsächlich so etwas wie vogelfrei. Es ist richtig und wichtig, dass ein Rechtsstaat klare Grenzen ziehen muss, und es muss seinen Bürgern natürlich erlaubt sein, sich an diesen Grenzen entlang zu hangeln (wobei ich für die Zukunft finde, wir sollten einen Weg finden, den gewerblichen Handel mit Bildern nackter Kinder zu unterbinden). Aber die Gemeinschaft basiert auf Kultur, und in diese Kultur passt weder die sexuelle Ausbeutung von Kindern, noch jemand, der sich dabei nur auf technisch-formale Details herausredet und die Problematik seines Handelns nicht erkennt.

Deshalb glaube ich, dass das System funktioniert: Weil wir das unterscheiden können. Weil ich einen Uli Hoeneß mögen kann und finden, er verdient zwar seine Strafe, aber damit muss es auch gut und getan sein, während ich andere für Vergehen bestrafen kann, auch wenn es formal keine sein mögen.

Ich bin provoziert worden

11. März 2014

Dirk von Gehlen hat mir offenbar ein “Blogstöckchen zugeworfen”, was bedeutet, ich bin jetzt so eine Art Geisel und kann nicht mehr ruhig schlafen, bis das hier erledigt habe.

Zähle 5 Bücher auf, die ganz oben auf deiner Wunschliste stehen, die aber KEINE Fortsetzungen von Büchern sind, die du schon gelesen hast – sie sollen also völlig neu für dich sein. Danach tagge 8 weitere Blogger und informiere diese darüber.

Ich halte das für eine Art Kettenbrief mit einem bescheuerten Namen, aber für Dirk würde ich selbst dabei mitmachen (außerdem ist mir gerade eingefallen, dass ich ja alle Bücher mit Amazon-Affiliate-Links versehen kann, oder? Ich versuche das). Ich warne vorweg, dass mein Literaturgeschmack unvorstellbar unoriginell und merkwürdig ist.

Also:

1. Tatsächlich ungelesen liegt bei mir ungelesen Zadie Smith – NW
auf dem Nachttisch. Weil ich sie ziemlich verehre und alle ihre Bücher geliebt habe. Ich fühle mich auf die bizarrstmögliche Art mit ihr verbunden: Ich habe das Gefühl, sie macht das, was ich tun würde, wenn ich es könnte (ähnliche Gefühle habe ich übrigens in der Musik in Bezug auf Badly Drawn Boy (Affiliate Link: Have You Fed The Fish),in der Mode für den unverschämt viel zu früh verstorbenen Alexander McQueen und beim Sport selbstverständlich für Iron Mike Tyson). Und ich lese gerne auf englisch, um mein Englisch zu erhalten.

2. Entsprechend werde ich sicher irgendwann Mike Tysons Undisputed Truth: My Autobiographylesen, wobei da wahrscheinlich noch ein paar Bücher dazwischenrutschen, an die ich im Moment noch nicht denke, die ich dann plötzlich wichtiger finde, obwohl sie es sicher nicht sind.

3. Das Geschäft mit der Musik: Ein Insiderberichthätte mich kein Stück interessiert, wenn ich nicht dieses irrwitzig spannende Interview mit ihm auf heise.de gelesen hätte, bei dam man (ich zitiere meinen Bürokollegen hier) “jeden Satz rausnehmen und küssen will”. Jetzt ist das wohl Pflicht.

4. Und als Politik-Nerd freue ich mich auf Das Hohe Haus: Ein Jahr im Parlamentvon Roger Willemsen.

5. Ich habe außerdem eine Schwäche für den Mond und fest vor, ihn noch in meiner Lebenszeit zu bereisen. Deshalb ist für mich das ohne Frage tollste, schönste und wichtigste Buch des vergangenen Jahres Norman Mailer: Moonfire: The Epic Journey of Apollo 11.Es liegt bei mir nicht ganz ungelesen, aber ich bin noch lange nicht damit fertig (ich kannte natürlich auch den Text von Norman Mailer schon und habe es wegen des Gesamtpakets gekauft. Unfassbare Fotos!). Insofern erfüllt das Buch nur so halb die Kriterien.

Ich weiß, ich soll jetzt acht (ACHT?) Blogger benennen, die ihre Buchvorsätze aufzählen sollen. Mach ich aber nicht.

Kurz warten

14. Februar 2014

Ich bin Vater von zwei kleinen Kindern und es ist völlig richtig, dass die Rechtsordnung nicht ausgerechnet mich danach fragt, wie mit Menschen umzugehen ist, die Kinder sexuell missbrauchen oder den Missbrauch dadurch befördern, dass sie kinderpornografische “Schriften” kaufen und so aus dem Verbrechen auch noch ein Geschäft machen. Meine Antwort wäre nicht zivilisiert. Wer meinen Kindern etwas antut ist tot, wenn ich das irgendwie einrichten kann, und wer anderen Kindern etwas antut, dem muss es aus meiner Sicht nicht besser gehen.

Allerdings ist mir auf einem allgemeineren Level klar, dass das keine vernünftige Antwort einer zivilisierten Gesellschaft auf Verbrechen ist. Deshalb bin ich einigermaßen froh, dass ich da nicht konkret gefragt bin.

Allerdings setzt der Reflex schon viel früher ein. Wenn die Vorwürfe stimmen sollten, dass Sebastian Edathy Bilder von nackten Jungs einem Anbieter von solchen und schlimmeren Dingen bestellt hat, dann bin ich angewidert, wütend und wünsche ihm entstellende Pusteln, egal wie “legal” das gewesen sein mag. Gesetze sind nicht alles.

Aber so weit sind wir noch nicht. Im Gegenteil: Ich habe lange keinen öffentlich so “großen” Fall erlebt, bei dem nicht nur die Beweislage so dünn war, sondern bei dem nicht einmal ein einziger strafrechtlicher Vorwurf erhoben wurde. Und klar, es mag Feuer sein, wo hier Rauch ausgemacht wird, aber ich bin der Überzeugung, dass wir als zivilisierte Gesellschaft besser sein müssen, als ich es als Vater bin, und mit der Vorverurteilung eines Menschen warten müssen, bis wir das Feuer sicher als solches identifiziert haben.

Denn natürlich ist ein Szenario denkbar, in dem Edathy unschuldig ist. Es mag nicht wahrscheinlich sein, aber es ist möglich, und bevor sein Ruf und sein Leben zerstört werden, sollte man sich jenseits jedes vernünftigen Zweifels sicher sein.

Nur mal als Verschwörungstheoretiker: Edathy tritt als Vorsitzender des NSU-Ausschusses reihenweise Nachrichtendienstlern auf die Füße, und plötzlich kommt der Innenminister mit Erkenntnissen befreundeter Ermittlungsbehörden, Edathys IP-Adresse wäre da im Zusammenhang mit (nicht strafbarem) Schmuddel aufgetaucht. Klingt abstrus, ist aber trotzdem irgendwie auch so passiert (derselbe Innenminister verteidigt zeitgleich dieselben befreundeten Dienst auf abstruse Weise gegen belegte Vorwürfe gigantischen Ausmaßes). Danach werden Medien mit allen möglichen Details gefüttert, die alles mögliche aussagen können, aber nicht müssen (und kommt es nur mir so vor, oder sind es besonders oft der NDR und die SZ, die von dem investigativ-Team des für seine Geheimdienstkontakte gerühmten Georg Mascolo versorgt werden?). In dieser Situation wirkt selbst die Abwesenheit von echten Beweisen plötzlich wie ein Indiz für die Schuld (er war gewarnt!). Edathy ist politisch tot und seine bürgerliche Existenz vernichtet. Niemand wird ihm irgendetwas glauben. Es heißt nicht, dass es so war, aber wenn man ihn hätte wegen irgendetwas mundtot machen wollen, dann wäre das ein perfekter Weg.

Wie gesagt, das muss alles nichts bedeuten. Es kann sein, dass er schuldig ist und aus der Stadt gejagt gehört. Aber ich wäre froh, wenn wir Rechtsstaatler genug wären, auf Beweise zu warten, bevor wir die Existenz eines Mannes zerstören. Dazu bleibt uns danach auf jeden Fall noch genug Zeit.

PS. Und wenn er meine Tochter nur schief anguckt, dann hänge ich ihn an den Eiern auf. Das gilt übrigens für alle.

Being Matussek

13. Februar 2014

Die Welt-Gruppe im Axel-Springer-Verlag hat eine Aktion über das Altern gestartet. So wie Männer in Geburtsvorbereitungsgruppen falsche Schwangerschaftsbäuche umgehängt bekommen, um mal zu fühlen, wie anstrengend das Leben für ihre Partnerinnen ist, simuliert die Welt-Gruppe in einer Reihe von Kommentaren, wie es sich anfühlt, wenn man beginnt zu denken wie ein verkalkender alter Mann.

Als Großmeister des mentalen Fatsuits wurde sogar Matthias Matussek reanimiert, der eigentlich beim Spiegel schon im journalistischen Abklingbecken seinen sklerotischen Gedanken nachhing, Youtube-Filmchen drehte und zu Großem längst nicht mehr fähig schien.

Matussek hat eine einmalige Methode, vorzuführen, wie es wäre, wenn das Denkvermögen langsam aber stetig abnähme. Dazu schreibt er Kommentare, die sich anfühlen, als würde man sich Gips in die Synapsen gießen.

Nehmen wir sein neuestes Werk, ein Kommentar, in dem eine Figur “Matussek” ihre homophobe Grundhaltung verteidigt. Sie endet in einem Crescendo aus aufsteigenden gedanklichen Blubberbläschen, so als würde Opa einfach wieder und wieder vergessen, dass er schon eine Corega-Tabs-Tablette in das Glas mit seinen Zähnen geworfen hat – und immer noch eine nachlegen.

Matussek schreibt dort

Ich lasse mir meine Gedankenfreiheit nicht nehmen, das gehört zu meinem Stolz als Publizist. Ich weiß, dass ich damit keine Beliebtheitswettbewerbe im “Grill Royal” oder anderen Szene-Tränken gewinnen werde, aber ich habe nach wie vor Reserven, wenn ich im Fernsehen zwei schwule Männer serviert bekomme, die perfekte Eltern sind und völlig normaaaal einen kleinen Jungen adoptiert haben, oder eine andere Kleine mit ihrer Liebe beschenken, die sie sich über Leihmütter in der Ukraine oder Indien organisiert haben.

Seine Gedankenfreiheit besteht hier darin, weiterhin Gedanken zu haben, die seit Jahrhunderten Männer vor ihm hatten. Insofern darf man sie hier nicht als “Die Freiheit der Gedanken” missverstehen, sondern muss sie wahrnehmen als “Freiheit von Gedanken” – was er zusätzlich deutlich macht daran, dass seine “Reserven” dann bestehen, wenn Schwule als Eltern perfekt und normal sind, obwohl sie ihre Kinder auf offenbar unnormalen Wegen bekommen, also adoptiert haben.
Das ist als Gedanke ja erst einmal nur Kritik an der Adoption, denn die schwulen Eltern beschreibt er doch als perfekt. Er meint das ironisch, aber es gibt ja hier nicht den Hauch eines Anhaltspunktes, dass sie nicht perfekt sind, außer eben der unnormalen Empfängnis, der Adoption – und die ist zunächst mal nicht homo oder hetero.*

Da blitzt sie, die Brillanz des Matussek hinter dem “Matussek”: Die Gedanken bewegen sich in engen, versandeten Gedankenbahnen, in einer Welt des Mangels, in einer Wüste – es ist das Gegenteil von der Freiheit, die wir meinen, wenn wir Gedankenfreiheit sagen. Etwas ironisch zu sagen bedeutet in der Regel, man meint etwas anderes, meist sogar das Gegenteil dessen, was man sagt – aber von Mattusseks genial parodiertem Altherrendenken existiert eben kein Gegenteil. Etwas, das normal aussieht, “normaaaaal” zu nennen, macht es eben nicht unnormal. Aber irgendwann sind wir wahrscheinlich alle zu alt, das noch zu erkennen.**

Ich glaube nicht, dass die Ehe zwischen Männern oder Frauen gleichen Geschlechts derjenigen zwischen Mann und Frau gleichwertig ist. Punkt. Nicht, dass die Veranlagung Sünde wäre – ich glaube, der liebe Gott liebt alle seine Geschöpfe. Doch ich glaube auch an die Polarität der Schöpfung und daran, dass es für Kinder wichtig ist, diese Polarität zu erleben.

Zur Polarität kommen wir gleich, nehmen wir erst den wichtigeren Punkt, der hier aufgegriffen wird. Denn Matussek greift sich hier virtuos eine der wichtigen philosophischen Fragen, die jeder Mensch, zumindest aber jeder Gläubige im Verlauf seines Alterns zu klären hat. Denn natürlich scheitert auch ein jeder Katholik letztlich an seinem eigenen Anspruch an sich selbst, niemand ist so gut, wie er sein will. Man nennt das Leben. Man muss sich selbst unter realistischem Licht betrachten und sich vergeben können, man muss Gottes Liebe und Vergebung annehmen können. Das sollte zur Demut erziehen.

Im Verlaufe der eigenen Verkalkung erreicht der alternde Gläubige da aber oft genug einen erstaunlichen Punkt, und Matussek legt mutig seinen Finger in die Wunde: Gott liebt und verzeiht allen, der verkalkende Mann aber eigentlich nur sich selbst. Seine Lebenserfahrung, seine Haltung, seine eben nicht mehr freien Gedanken zwingen ihn, auch da zu richten, wo Gott es nicht tut. Da ist dann Homosexualität für Gott okay (“Gott liebt alle”), für “Matussek” aber minderwertig und ein Vergehen an den Kindern, denen zumindest die Polarität vorenthalten wird. Der echte Matussek verpackt den Gedanken des verkalkenden “Matussek” dabei überragend komisch in einen Freudschen Versprecher der gendermäßigen politischen Überkorrektheit, indem er von “Männern und Frauen gleichen Geschlechts” redet, so als würden die Kinder in einer homosexuellen Ehe mit zwei Männern unterschiedlichen Geschlechts die von ihm geforderte Polarität durchaus erleben können. Auf der Metaebene entlarvt “Matussek” den bröckelnden Gips, der aus diesen vermeintlich freien Gedanken rieselt.

Da wirkt der Schlusssatz fast schon ein bisschen zu einfach, als ein fast zu billiges Finale, aber Matussek richtet sich an ein Massenpublikum und will sicher verstanden werden, so dass er plakativ in dem Satz endet:

Wahrscheinlich bin ich homophob wie mein Freund, und das ist auch gut so.

Mir persönlich ist das zu grell, auf den Selbsthass alternder Klemmschwestern abzuzielen, aber wenn er sein Ziel dadurch am Ende sicher trifft, soll es mir recht sein. Zwei alte Freunde, die sich ihre Liebe nie gestehen konnten …okay, irgendwie 1950er, aber was soll’s.

Der Punkt ist gemacht: Wer Homophobie so rechtfertigt wie “Matussek”, den hat Matussek nach allen Regeln der Kunst geoutet. Er hat einfach Angst vor der Welt, die er nicht mehr versteht. Und das ist irgendwie okay. Wenn Opa vom Krieg erzählen will, dann tun wir eben so, als würden wir zuhören, wenn das macht, dass er sich besser fühlt.

Sollte er allerdings nochmal Stiefel anziehen und in den Krieg ziehen wollen, müsste man ihm schon klarmachen, dass er in der Welt heut nichts mehr zu sagen hat.

*Über Katholiken und ihre Vorstellungen von Empfängnis will ich hier nicht anfangen, aber Jesus Christus hatte zwei Väter.
** Genau hier ist übrigens Harald Schmidt stehengeblieben und hat aus der besten Sendung im deutschen Fernsehen langsam aber sicher die Wiederholung der Wiederholung der Wiederholung der besten Sendung im deutschen Fernsehen gemacht. Ruhe sanft, alter Meister!

PS. In der ersten Fassung habe ich die Ursünde begangen und Matussek konsequent falsch geschrieben. Peimlich!

Wenn Diekmann sich korrigiert

10. Februar 2014

In der vergangenen Woche titelte die Bild “Griechen doppelt so reich wie wir”. Das war natürlich wissentlich falsch berichtet, also gelogen. Es war dann auch noch rein handwerklich-journalistisch unterhalb jedes professionellen Niveaus, weil nicht einmal ein Experte zu Wort kam, um die (fälschlich als “amtlich” deklarierten Zahlen) einzuordnen – das ging ja auch nicht, weil sie falsch waren. Allerdings hat die Bild ein  eingespieltes Verfahren, ihre Lügengeschichten nachträglich gefühlt zu rechtfertigen: Sie konfrontiert einen Angegriffenen damit und wertet die Tatsache, dass er mit der Bild überhaupt noch redet, als Beweis dafür, dass es so falsch nicht gewesen sein kann. Gemeinsam mit seinem Griechenland-Hetzbeauftragten Paul Ronzheimer (das ist der, der sich nicht traut, seine Berichterstattung mit mir zu diskutieren) flog Kai Diekmann also letzte Woche nach Athen, interviewte den griechischen Ministerpräsidenten und brachte dabei etwas unter, das auf den ersten Blick wie eine Frage zur Bild-Schlagzeile aussieht (Kai Diekmann nennt es dann auch auf Twitter so).

Tatsächlich lautet die Frage:

BILD: Laut einer Statistik der Bundesbank sind Griechen im Durchschnitt reicher als Deutsche. Was ist Ihre Meinung dazu?

Selbst Samaras kann die Implikation der Frage in Sekunden zerfetzen. Aber das ist nicht das eigentlich lustige. Viel spannender ist es, sich die Frage genau anzugucken:

“Laut einer Statistik der Bundesbank” – es geht natürlich erstens um die Europäische Zentralbank, nicht die Bundesbank (die natürlich sowieso keine Daten über griechische Vermögen hat), zweitens behaupten die Zahlen nicht, dass “Griechen” im Schnitt reicher sind, sondern griechische Privathaushalte (im Pro-Kopf-Vergleich ist das anders, und es macht einen Unterschied, weil in vielen Ländern vor allem Südeuropas mehr Menschen in einem Haushalt leben als in Deutschland), und drittens hätte man außerdem auch ruhig noch dazu anmerken können, dass nach denselben Zahlen auch Spanier, Italiener und Zyprer durchschnittlich teilweise um ein Vielfaches “reicher” wären als Deutsche (was den Unsinn noch deutlicher gemacht hätte). Noch einmal spannender wäre die Frage: Die Bild stellt diese Zahlen als angeblich “amtliche” im Februar 2014 auf den Titel, obwohl sie von 2009 stammen und im April 2013 veröffentlicht, diskutiert und als nicht aussagekräftig bewertet wurden – was ist ihre Meinung dazu? Und das ist dann überhaupt ein Knüller: “Was ist Ihre Meinung dazu” ergibt keine Sinn, wenn man nach den tatsächlichen Zahlen fragt, wie es Ronzheimer und Diekmann verdruckst tun. Die wahren Zahlen sind keine Meinung, sondern Fakten, so wie “Amtlich: Griechen doppelt so reich wie wir” keine Meinung ist, sondern eine falsche Tatsachenbehauptung. Eine Meinung dazu wäre: Wenn Sie so etwas veröffentlichen, dann sind Sie schon ein bisschen eklig!

Schiss-Reporter Ronzheimer und sein “Bart statt Rückgrat”-Chefredaktuer* Diekmann bringen es nicht über sich, ihre Fehler zuzugeben. Bizarrerweise passt das nicht einmal zu Diekmann, man würde fast erwarten, dass er in dieser Situation den offensichtlichen Fehler zugibt und so auf die ihm eigene, hipsterironische Art Glaubwürdigkeitspunkte sammelt. Aber man kann das eben nur fast erwarten, weil auch die Ironie nur eine Pose ist. Die Fehler sind so groß, zahlreich und offensichtlich, dass man den Vorsatz zur Lüge nicht wegdiskutieren kann. Kein Journalist der Welt konnte diese Zahlen aus Versehen so falsch verstehen.

Offenbar läuft in der Bild gerade eine Serie von Deutschen, die ihre Sünden gestehen. Wenn Bart Simpel auch nur halb so cool wäre, wie er tut, dann wäre es an der Zeit für ihn, da mitzutun.

 

*Chefredak-Tuer ist mein Lieblingstippfehler des Tages.