Das hätten uns die Web-Wichtig-Wichtel (schöne Beschimpfung in den Kommentaren bei Niggemeier) besser erspart, aber nun ist es passiert, jetzt kann ich auch nicht anders. Ich habe ein paar Sachen zu sagen zum so genannten Internet-Manifest, und in voll webmäßiger Geisteshaltung sage ich es jetzt eben auch. Kurz vorweg: Es ist meiner Meinung nach fast nichts dabei, das nicht überflüssig, bizarr oder ein Popanz wäre. Aber gucken wir uns das der Reihe nach an.
Es beginnt mit der Überschrift: “Internet-Manifest – Wie Journalismus heute funktioniert. 17 Behauptungen.” Damit die Tatsache, dass es dieses Manifest nun gibt, überhaupt einen Sinn ergibt, sollte es wahrscheinlich heißen “Wie Journalismus heute funktionieren sollte.” Aber schön, dass das Manifest wenigstens nur behauptet.
Nun geht’s los. Ich schreibe meine Anmerkungen kursiv in den Originaltext und hoffe, dass mir das übermäßige Zitat gerade in diesem Fall nicht negativ angelastet sondern begrüßt wird:
1. Das Internet ist anders.
Keine selbsterklärende Überschrift, deswegen lasse ich sie stehen, warte auf die Erklärung und bemerke nur den krampfhaften Versuch, Pathos zu erzeugen.
Es schafft andere Öffentlichkeiten, andere Austauschverhältnisse und andere Kulturtechniken.
Halleluja! Das ist jetzt viel Behauptung in einem Satz, und hier drängt sich dann doch die Frage auf: Anders als was? Andere Öffentlichkeiten als bisher? Als bei anderen Medien? Worauf gründet sich denn das, bitte? Sind Menschen (die Öffentlichkeit) entweder online oder Konsumenten anderer Medien und niemals beides? Oder meint der Satz, die Öffentlichkeit als Zustand ist anders als früher? Also: Die Öffentlichkeit ist eine Art Blase in der Mitte unserer Gesellschaft, in die ich mich hinein begeben kann oder nicht, und die Form der Blase ändert sich, je nachdem ob ich online lese oder auf Papier? Oder vielleicht, weil die Online-Öffentlichkeit tendenziell jünger ist als die Print-Öffentlichkeit? Ich wage einen vorsichtigen Versuch der Interpretation und stelle eine These in den Raum, wie ich den Text verstehen möchte: Eine Öffentlichkeit heute könnte ja dadurch eine andere Dynamik haben als früher, weil sie unmittelbarer zum Beispiel mit Texten auf Texte antworten kann. Das wäre auch eine Annäherung an die “Austauschverhältnise” (Leser und Schreiber können sich schneller austauschen) und möglicherweise könnte man die entstehende Diskussion als Kulturtechnik verstehen, wobei die Diskussion als Kulturtechnik nicht so neu und anders ist, aber vielleicht finden die Manifestoren eine Online-Diskussion doch irgendwie anders als jede Diskussion vorher. Die Öffentlichkeit hat sich dadurch verändert, dass der Kommentierende die Prominenz des Autors nutzen kann, um ihm mit gleichwertiger (nämlich seiner eigenen) öffentlicher Beachtung zu widersprechen. Dem würde ich zustimmen (habe ich hier ja schon oft): Der Leser ist dem Publizisten gegenüber in seiner Macht aufgewertet worden. Das ist meine persönliche Lesart des Satzes oben. Wenn er so gemeint ist, frage ich mich, warum er da nicht so steht. Doch nicht nur, weil da 15 Leute etwas Aufgeblasenes formulieren wollten? Das wäre uncool. Also gehe ich davon aus, ich verstehe den Satz oben nicht.
Die Medien müssen ihre Arbeitsweise der technologischen Realität anpassen, statt sie zu ignorieren oder zu bekämpfen.
Ich glaube, da steckt etwas Richtiges drin. Aber an dieser Stelle wird es noch uncooler: Die Medien “müssen”? Kann sein, aber dann sollte man sagen, warum. Um erfolgreich zu sein? Das würde ich unterschreiben. Aber der nächste Satz weist darauf hin, dass es so nicht gemeint ist.
Sie haben die Pflicht, auf Basis der zur Verfügung stehenden Technik den bestmöglichen Journalismus zu entwickeln – das schließt neue journalistische Produkte und Methoden mit ein.
Die Medien haben die Pflicht …? Wenn wir mal gutartig Medien gleichsetzen mit den Produzenten von publizistischen Inhalten, dann möchte ich doch gerne mal sehen, wie wir ihnen Pflichten aufbürden, ohne totalitär zu werden. Der Satz ist vielleicht nett gemeint, aber grandioser Bullshit: “Auf Basis der zur Verfügung stehenden Technik” zum Beispiel, meint das alle Technik? Also Zeitungen, Bücher, Radio und Internet? Könnte man sagen, die Medien haben die Pflicht, den bestmöglichen Journalismus im Radio zu entwickeln? Radio NRJ hat die Pflicht? Sonst was? Ich verstehe den Satz mal wohlwollend und der Subline entsprechend als: Die Medienhäuser haben die Pflicht, im Internet den bestmöglichen Journalismus zu entwickeln, und wenn noch was Besseres kommt, dann auch da. Das fände ich einen sympathischen Ansatz, aber er ist natürlich trotzdem noch mehr als nur fragwürdig: Die moralische Pflicht? Doch sicher nicht die gesetzliche. Also: Die moralische Pflicht, den bestmöglichen Journalismus zu entwickeln? Und was ist das dann? Entscheiden das die Web-Wichtig-Wichtel oder wer? Die Leser? Anhand von Klicks vielleicht? Visits? Fordert das Manifest dann da vielleicht gerade, dass alles so bleibt wie jetzt?
Ich glaube ich weiß, was die Wichtel wollen. Aber wie kann so eine große Gruppe Profis so viel Quatsch zusammen schreiben? Aber gut, aus Nettigkeit verstehe ich den Satz so: Jedes Medienhaus sollte alles daran setzen, bestmöglichen Journalismus zu produzieren. Auch im Internet. Das finde ich auch. Wenn es da so stände, würde man schneller sehen, wie platt die Forderung ist, aber darum kann es doch nicht gehen, oder?
2. Das Internet ist ein Medienimperium in der Jackentasche.
Das Web ordnet das bestehende Mediensystem neu: Es überwindet dessen bisherige Begrenzungen und Oligopole. Veröffentlichung und Verbreitung medialer Inhalte sind nicht mehr mit hohen Investitionen verbunden. Das Selbstverständnis des Journalismus wird seiner Schlüssellochfunktion beraubt – zum Glück.
Das ist eine Behauptung, die ich unfassbar unfair finde. “Schlüssellochfunktion” behauptet jawohl, bisher wäre der Journalismus der Hüter der Information gewesen, der der Öffentlichkeit nach Gnaden einen Blick auf die Welt erlaubt. Das wäre nicht total falsch, wenn da nicht das “Selbstverständnis” reingeschrieben wäre: Ich weiß nicht, mit welchem Selbstverständnis Niggemeier, Knüwer und Bunz ihre Jobs angetreten haben. Bei Lobo will ich es nicht einmal wissen. Aber zu behaupten, das wäre zu irgendeiner Zeit das Selbstverständnis der Mehrzahl der Kollegen gewesen, ist weit unter der Gürtellinie. Spätestens hier gehen mir die selbsterklärten Selbsterklärer des Journalismus auf den Sack – abgesehen davon, dass ich sie kaum noch ernst nehmen kann.
Es bleibt nur die journalistische Qualität, die Journalismus von bloßer Veröffentlichung unterscheidet.
Was genau ist dann der Quelle-Katalog (sollte er veröffentlicht werden)? Diese Unterscheidung ist Unfug. Eine journalistische Veröffentlichung unterliegt den Regeln des Handwerks, unterlag ihnen immer (auch wenn sie oft nicht eingehalten wurden) und wird es hoffentlich auch in Zukunft. Ein Nullsatz, nichts Neues, ein Popanz.
3. Das Internet ist die Gesellschaft ist das Internet.
Für die Mehrheit der Menschen in der westlichen Welt gehören Angebote wie Social Networks, Wikipedia oder Youtube zum Alltag. Sie sind so selbstverständlich wie Telefon oder Fernsehen. Wenn Medienhäuser weiter existieren wollen, müssen sie die Lebenswelt der Nutzer verstehen und sich ihrer Kommunikationsformen annehmen. Dazu gehören die sozialen Grundfunktionen der Kommunikation: Zuhören und Reagieren, auch bekannt als Dialog.
Die Überschrift ist arrogant, aber Arroganz ist hier ein gutes Stilmittel, finde ich. Bis sie beim letzten Satz übertrieben wird. Leider steht zwischen erstem und letzten Satz praktisch kein Inhalt, insofern bleibt der kurze Satz: “Hört uns zu!” Das wäre ein guter Slogan, ein gutes T-Shirt – und dieses ganze Manifest hätte zu einer Bewegung werden können. Chance vertan – wegen Verbal-Diarrhoe.
4. Die Freiheit des Internet ist unantastbar.
Die offene Architektur des Internet bildet das informationstechnische Grundgesetz einer digital kommunizierenden Gesellschaft und damit des Journalismus. Sie darf nicht zum Schutz der wirtschaftlichen oder politischen Einzelinteressen verändert werden, die sich oft hinter vermeintlichen Allgemeininteressen verbergen. Internet-Zugangssperren gleich welcher Form gefährden den freien Austausch von Informationen und beschädigen das grundlegende Recht auf selbstbestimmte Informiertheit.
Zu sagen, die offene Architektur bilde das Grundgesetz […] des Journalismus bedeutet, es gab vor dem Internet keinen Journalismus. Insofern ist es Quatsch (auch wenn ich die Intention voll teile). Das Grundgesetz bildet das Grundgesetz, auch das des Journalismus, und es ist wertlos, wenn nicht mutige Journalisten ihre Nachrichten an den Mann bringen. Aber ich will nicht zu kleinlich sein.
5. Das Internet ist der Sieg der Information.
Bisher ordneten, erzwungen durch die unzulängliche Technologie, Institutionen wie Medienhäuser, Forschungsstellen oder öffentliche Einrichtungen die Informationen der Welt. Nun richtet sich jeder Bürger seine individuellen Nachrichtenfilter ein, während Suchmaschinen Informationsmengen in nie gekanntem Umfang erschließen. Der einzelne Mensch kann sich so gut informieren wie nie zuvor.
Und jetzt gehen wir einmal in eine moderne Werbeagentur und gucken uns an, wie die einzelnen Menschen durch Account-Farming, Seeding und den ganzen Dreck in noch nie gekanntem Ausmaß fehlinformiert werden. Dann denken wir nach und überlegen, was tatsächlich die Rolle des Journalismus in dieser Welt sein müsste.
6. Das Internet verändert verbessert den Journalismus.
Durch das Internet kann der Journalismus seine gesellschaftsbildenden Aufgaben auf neue Weise wahrnehmen. Dazu gehört die Darstellung der Information als sich ständig verändernder fortlaufender Prozess; der Verlust der Unveränderlichkeit des Gedruckten ist ein Gewinn. Wer in dieser neuen Informationswelt bestehen will, braucht neuen Idealismus, neue journalistische Ideen und Freude am Ausschöpfen der neuen Möglichkeiten.
Geschenkt. Galt natürlich schon bei Einführung des Zeitungsdrucks, des Radios und des Fernsehens. Aber Idealismus, Ideen und Freude – wer könnte was dagegen haben? Meine Güte, dass Marx das bei seinem Manifest vergessen hat, macht seine Niederlage verständlicher.
7. Das Netz verlangt Vernetzung.
Links sind Verbindungen. Wir kennen uns durch Links. Wer sie nicht nutzt, schließt sich aus dem gesellschaftlichen Diskurs aus. Das gilt auch für die Online-Auftritte klassischer Medienhäuser.
Danke, Jeff Jarvis! Und bitte, Spiegel Online: Bei Fußballspielen auch mal schreiben, wo es im Fernsehen läuft, und nicht nur auf den Live-Ticker verlinken. Das wäre dann ein Link in mein echtes Leben! Nach offline!
8. Links lohnen, Zitate zieren.
Suchmaschinen und Aggregatoren fördern den Qualitätsjournalismus: Sie erhöhen langfristig die Auffindbarkeit von herausragenden Inhalten und sind so integraler Teil der neuen, vernetzten Öffentlichkeit. Referenzen durch Verlinkungen und Zitate – auch und gerade ohne Absprache oder gar Entlohnung des Urhebers – ermöglichen überhaupt erst die Kultur des vernetzten Gesellschaftsdiskurses und sind unbedingt schützenswert.
Das ist, glaube ich, der wichtige Punkt und eine Erwiderung auf die Hamburger Erklärung. Okay, bin dabei.
9. Das Internet ist der neue Ort für den politischen Diskurs.
Demokratie lebt von Beteiligung und Informationsfreiheit. Die Überführung der politischen Diskussion von den traditionellen Medien ins Internet und die Erweiterung dieser Diskussion um die aktive Beteiligung der Öffentlichkeit ist eine neue Aufgabe des Journalismus.
Ich weiß nicht, wer von den Unterzeichnern wo politisch aktiv ist. Aber die echte politische Diskussion findet nicht in den alten Medien statt, sondern in Stadtteilen, Schulen, bei der million -räten in denen man plötzlich sitzt, wenn man Kinder hat und sie einem nicht egal sind. Ich glaube, hier wird ein Kernproblem sichtbar: Dieses ganze Internet- und Medien-Getue hat nur dann einen Sinn, wenn es den Kontakt zur echten Welt hält. Und da zeugt dieses Manifest von keiner sinnvolleren Haltung als der Planet Berlin und seine Bewohner. Hallo: Wir sind hier! Nehmt euch nicht ganz so wichtig, bitte! Das Internet ist toll. Aber weder war Fernsehen unser Leben, noch wird es das Netz je sein.
10. Die neue Pressefreiheit heißt Meinungsfreiheit.
Falsch. Pressefreiheit ist Pressefreiheit, denn auch wer sie nicht veröffentlichen will genießt die Freiheit, eine Meinung zu haben. Aber gemeint ist wohl: Freiheit der Rede. Oder so.
Artikel 5 des Grundgesetzes konstituiert kein Schutzrecht für Berufsstände oder technisch tradierte Geschäftsmodelle. Das Internet hebt die technologischen Grenzen zwischen Amateur und Profi auf. Deshalb muss das Privileg der Pressefreiheit für jeden gelten, der zur Erfüllung der journalistischen Aufgaben beitragen kann.
Jetzt wird es ganz obskur. Alles, was daran nicht falsch ist, ist zumindest überflüssig. Rekapitulieren wir kurz Artikel 5, Absatz 1 des GG: “Jeder hat das Recht, seine Meinung in Wort, Schrift und Bild frei zu äußern und zu verbreiten und sich aus allgemein zugänglichen Quellen ungehindert zu unterrichten. […]” Und dann die Forderung des Manifestes: Das Privileg der Pressefreiheit muss für jeden gelten? Wie formulieren wir das nur? Etwa so: Jeder hat das Recht, seine Meinung in Wort, Schrift und Bild frei zu äußern und zu verbreiten?
Qualitativ zu unterscheiden ist nicht zwischen bezahltem und unbezahltem, sondern zwischen gutem und schlechtem Journalismus.
Das ist, “wie Journalismus heute funktioniert?” Oder funktionieren sollte? Gemeint ist wahrscheinlich, ein guter Blogger bringt uns als Gesellschaft mehr als ein schlechter Redakteur. Aber da muss man doch keinen Wettbewerb draus machen: Wie formuliere ich das möglichst unelegant (“zu unterscheiden ist”) und wenig zielführend (was machen wir denn, wenn wir unterschieden haben? Lasst mich raten: etwas “anderes” als früher?).
11. Mehr ist mehr – es gibt kein Zuviel an Information.
Es waren einst Institutionen wie die Kirche, die der Macht den Vorrang vor individueller Informiertheit gaben und bei der Erfindung des Buchdrucks vor einer Flut unüberprüfter Information warnten. Auf der anderen Seite standen Pamphletisten, Enzyklopädisten und Journalisten, die bewiesen, dass mehr Informationen zu mehr Freiheit führen – sowohl für den Einzelnen wie auch für die Gesellschaft. Daran hat sich bis heute nichts geändert.
Die These ist nicht falsch, auch wenn Malcolm Gladwell in dem Buch “Blink” nachweist, dass es in verschiedenen Situationen durchaus ein Zuviel an Information geben kann. Geschenkt. Für die Freiheit wichtiger ist allerdings nicht die Masse an Informationen, sondern der Zustand der Aufgeklärtheit des Einzelnen. Emmanuel Todd hat in “Weltmacht USA” nebenbei nachgewiesen, dass Demokratie folgenden Weg nimmt: Alphabetisierung der Frauen, Rückgang der Geburtenrate, Demokratie. Auch geschenkt. Was ich mich frage ist: Was soll dieser Punkt hier? Nochmal GG, Art.5, Abs. 1: Die Pressefreiheit und die Freiheit der Berichterstattung durch Rundfunk und Film werden gewährleistet. Eine Zensur findet nicht statt. Haben wir jetzt wieder Angst vor den Kirchen?
12. Tradition ist kein Geschäftsmodell.
Mit journalistischen Inhalten lässt sich im Internet Geld verdienen. Dafür gibt es bereits heute viele Beispiele. Das wettbewerbsintensive Internet erfordert aber die Anpassung der Geschäftsmodelle an die Strukturen des Netzes. Niemand sollte versuchen, sich dieser notwendigen Anpassung durch eine Politik des Bestandsschutzes zu entziehen. Journalismus braucht einen offenen Wettstreit um die besten Lösungen der Refinanzierung im Netz und den Mut, in ihre vielfältige Umsetzung zu investieren
Es fängt nicht damit an, dass am Ende der Punkt fehlt. Es fängt damit an, dass inhaltlich der Punkt fehlt. Welcher Bestandsschutz soll das sein im Journalismus? Paid Content? Damit ist doch wohl nicht wieder die “Google-muss-zahlen”-Quatschforderung der Verleger gemeint, oder? Die fällt nicht unter Bestandsschutz (in ihrer Argumentation ist Google ja eben ein neuer Träger mit fremden Inhalten, also neuer Stand). Und ansonsten: Ihr macht es euch zu einfach mit dem “Ihr seid altmodisch”-Geschrei.
13. Im Internet wird das Urheberrecht zur Bürgerpflicht.
Das Urheberrecht ist ein zentraler Eckpfeiler der Informationsordnung im Internet.
Hat jeder schon gelacht über das Bild des “zentralen Eckpfeilers”? Mein Kollege OW baut gerade und kann großartige Geschichten erzählen. Der würde wahrscheinlich sagen, bei ihm haben die Kapalken sowas eingebaut.
Das Recht der Urheber, über Art und Umfang der Verbreitung ihrer Inhalte zu entscheiden, gilt auch im Netz. Dabei darf das Urheberrecht aber nicht als Hebel missbraucht werden, überholte Distributionsmechanismen abzusichern und sich neuen Vertriebs- und Lizenzmodellen zu verschließen. Eigentum verpflichtet.
Theoretisch richtig, ich erlebe nur selten jemanden, der sich neuen Lizenzmodellen entzieht. Der größte Teil der Diskussion geht doch wohl um Vertrieb ohne Lizenz, oder nicht? Eigentum verpflichtet übrigens nicht erstmal, sondern nur auch.
14. Das Internet kennt viele Währungen.
Werbefinanzierte journalistische Online-Angebote tauschen Inhalte gegen Aufmerksamkeit für Werbebotschaften. Die Zeit eines Lesers, Zuschauers oder Zuhörers hat einen Wert. Dieser Zusammenhang gehört seit jeher zu den grundlegenden Finanzierungsprinzipien für Journalismus. Andere journalistisch vertretbare Formen der Refinanzierung wollen entdeckt und erprobt werden.
Hahahaha! Ich seh sie da schon sitzen, die süßen anderen vertretbaren Formen der Refinanzierung, wie sie sich unter den Büschen verstecken und selig kichernd ihrer Entdeckung harren. Schönes Bild! Aber warum wird es immer lustig, wenn bei euch irgend etwas “anders” ist? Weil Ihr nicht wisst, wie genau? Warum schreibt Ihr dann drüber?
15. Was im Netz ist, bleibt im Netz.
Das Internet hebt den Journalismus auf eine qualitativ neue Ebene. Online müssen Texte, Töne und Bilder nicht mehr flüchtig sein. Sie bleiben abrufbar und werden so zu einem Archiv der Zeitgeschichte. Journalismus muss die Entwicklungen der Information, ihrer Interpretation und den Irrtum mitberücksichtigen, also Fehler zugeben und transparent korrigieren.
Finde ich richtig, aber gerade hier hätte ich mir einen Gedanken mehr erhofft: Was im Netz ist, liegt auf einem Server, der einem privaten Unternehmen gehört. Wer das Unternehmen kauft, hat sehr viel Macht in der Hand. Es gibt kein Menschenrecht darauf, dass ich alles immer im Netz wiederfinde. Da wären mal ein paar Forderungen fällig.
16. Qualität bleibt die wichtigste Qualität.
Das Internet entlarvt gleichförmige Massenware. Ein Publikum gewinnt auf Dauer nur, wer herausragend, glaubwürdig und besonders ist. Die Ansprüche der Nutzer sind gestiegen. Der Journalismus muss sie erfüllen und seinen oft formulierten Grundsätzen treu bleiben.
Die Sicherheit, mit der das formuliert ist, jagt mir wohlige Schauer den Rücken herunter. Meint Niggemeier hier etwa bild.de?
17. Alle für alle.
Das Web stellt eine den Massenmedien des 20. Jahrhunderts überlegene Infrastruktur für den gesellschaftlichen Austausch dar: Die “Generation Wikipedia” weiß im Zweifel die Glaubwürdigkeit einer Quelle abzuschätzen, Nachrichten bis zu ihrem Ursprung zu verfolgen und zu recherchieren, zu überprüfen und zu gewichten – für sich oder in der Gruppe.
Das muss die Generation sein, die sich von dem Lobo-Spot angesprochen fühlen soll. Vielleicht kann die, was hier behauptet wird, aber das ist ja eh nicht viel: Die Manifestoren gehen offenbar davon aus, dass die Quelle einer Nachricht im Internet zu finden ist. Wenn das die neue Auffassung von Journalismus ist, dann herzlichen Dank, das ist nichts für mich. Nach meinem Verständnis kommen die meisten Nachrichten aus der realen Welt, und ob die Generation “Singen im Bus” sich da zurecht findet, kann ich nicht mehr mit Bestimmtheit sagen.
Journalisten mit Standesdünkel und ohne den Willen, diese Fähigkeiten zu respektieren, werden von diesen Nutzern nicht ernst genommen. Zu Recht. Das Internet macht es möglich, direkt mit den Menschen zu kommunizieren, die man einst Leser, Zuhörer oder Zuschauer nannte – und ihr Wissen zu nutzen. Nicht der besserwissende, sondern der kommunizierende und hinterfragende Journalist ist gefragt.
Das stimmt. Einfach so. Das unterschreibe ich.
Und jetzt wünsche ich mir noch Blogger ohne Standesdünkel statt Besserwissern. Aber ich weiß, dass das viel verlangt ist.



16 Antworten bis jetzt ↓
1 heinrich // Sep 7, 2009 at 18:35
Gestern hab ich ein Internet-Manifest erstellt. Das war nach ein paar Stunden schon schrott, weil irgendwie Kritik ins Manifest gekommen ist. Fand ich schon wunderlich, weil ich nur in Blognähe war. Kostete mich dann über 9000 Stunden Reperatur, weil Sascha Lobo dafür keine Garantie übernehmen wollte. Heute hab ich es zurückbekommen. Dann sofort der nächste Schaden: Das Manifest wird kaputtgeredet. Einfach so. Ohne Akzeptanz ist das Manifest aber weitgehend wertlos. Mal schauen, was Sascha Lobo dazu sagt und ob diesmal die Garantie wenigstens zieht. Ich ärgere mich nur, dass ich soviel Zeit in ein Internet-Manifest investiert habe, das innerhalb von Stunden zum zweiten Mal kaputtgeredet wird. Und ich mich jetzt wieder mit dem Sascha Lobo rumärgern darf. Nochmal bin ich nicht bereit, Zeit dafür zu investieren.
2 oohr // Sep 7, 2009 at 20:22
Eigentum verpflicht sehrwohl erstmal, das Grundgesetz gewährleistet das Eigentum nur, weil damit indirekt das Wohl der Allgemeinheit gefördert wird (durch wirtschaftliche Aktivität der Individuen). (Artikel 14 GG)
3 Mikis // Sep 7, 2009 at 20:33
Grundgesetz, Artikel 14, Absatz 2: Eigentum verpflichtet. Sein Gebrauch soll zugleich dem Wohle der Allgemeinheit dienen.
Es soll zugleich dem Allgemeinwohl dienen, also nicht erstmal, sondern nur auch. Wir können uns etwas anderes wünschen, aber im GG steht es nicht (und ich wünsche mir das auch nicht).
4 oohr // Sep 7, 2009 at 20:41
Nein, das ganze soll bedeuten, dass Eigentum durch das Wohl der Allgemeinheit erst legitim ist. Schließlich bedeutet Eigentum, dass man anderen ein Recht vorenthält. Das braucht eine Legitimation.
Setz dich mal in eine Jura-Vorlesung, bevor du hier deine eigenen Interpretationen einwirfst.
5 Mikis // Sep 7, 2009 at 21:01
@oohr Mein Staatsrechtsprofessor Ingo von Münch würde es lieben, wie du mich zerlegt, weil ich tatsächlich ein irre schlechter Jurist war (und das ist lange her), aber trotz allem habe ich eine Menge Staatsrecht gehört und diese Diskussion nehme ich gerne an: Nein, falsch, Besitz wird durch Gemeinwohl (zumindest in unserer real existierenden Staatsform) nicht erst durch Gemeinwohl legitim. Um beim Beispiel unseres Manifests (Urheberrecht) zu bleiben: Ich kann sehr wohl ein Lied schreiben und das Eigentum an dessen Urheberrecht erwerben, ohne gleichzeitig das Gemeinwohl zu fördern (warum wäre Dieter Bohlen sonst reich). Aber ohne Flapsigkeiten: Ich bin völlig einverstanden mit der Stoßrichtung des Kommentars. Nach dem Wenigen zu urteilen, was du hier gesagt hast, glaube ich, ich wäre glücklicher, wenn du recht hättest. Aber ein marktwirtschaftliches System funktioniert trotzdem anders. Ich halte es nicht für einen wahnsinnig wichtigen Punkt im Zusammenhang mit dem Internet-Manifest, insofern würde ich lieber andere Dinge diskuterieren, aber um beim Urheberrecht zu bleiben: Wenn ich einen Text schreibe und veröffentliche, und ich ihn dann nicht zum kopieren und weiterverbreiten freigebe, obwohl der Text möglicherweise eine gesellschaftliche Relevanz hätte und dem Gemeinwohl dienen könnte (das ist jetzt hier Theorie. Ich behaupte nicht, dass ich solche Texte schreiben könnte, okay?) – dann hätte ich nach unserer geltenden Rechtsauffassung recht. Ich muss nicht jedem meinen Text geben, nur weil er ihm helfen könnte. Das heißt nicht, dass ich nicht wollte und würde, aber ich müsste nicht. In Wahrheit ist dieser Teil des GG vor allem eine Einschränkung, damit ich Menschen enteignen kann, die ein Grundstück in der Trasse einer neu zu bauenden Autobahn besitzen.
Wie gesagt: Das ist nicht flapsig gemeint, aber ich habe in sehr vielen Jura-Vorlesungen gesessen. Philosophisch gesehen gebe ich dir recht. Juristisch nicht.
6 Mikis // Sep 7, 2009 at 21:02
Fehler im ersten Satz: Natürlich “wie du mich zerlegst”. Und jetzt fällt mir auf: Sorry fürs ungefragt duzen. Aber hast du bei mir auch, da sind wir quitt, oder?
Und: Wollen wir uns nicht duzen?
7 Wolfgang Michal // Sep 7, 2009 at 23:16
Lieber Michalis Pantelouris,
vermutlich haben Sie sich einfach entschlossen, das Ding komplett zu verreißen (obwohl ich in Ihrem schönen Blog auch öfter Mal Sachen gelesen habe, die dem kritisierten Manifest gefährlich nahe kommen – siehe z.B. These 16). Und dafür, dass es nach Ihrer Meinung ja nur Wichtig-Wichtel sind, die da ihre Thesen aufgeblasen haben, haben Sie sich wirklich zu viel Zeit dafür genommen. Ja, wir hätten einen wie Sie gebraucht – es wäre alles viel kürzer geworden und besseres Deutsch wäre es dann sicher auch. Ich war vermutlich, ich gebe es zu, nicht streng genug mit den jungen Leuten und habe alle fünf Eckpfeiler – wie wir in Bayern sagen – gerade sein lassen. Aber Sie müssen das Engagement sehen und den Optimismus! Wo gibt es das heute noch? Beim Playboy?
Als Antwort auf die Hamburger Erklärung finde ich die 17 Behauptungen (vielleicht waren es auch 17 Selbstbehauptungen!! wer weiß) ganz richtig. Da ist eine neue Generation, die allmählich sauer wird, weil die Alten und Satten “das Neue” partout nicht verstehen wollen. Das kommt mir ein bisschen so vor wie das jahrzehntelange Abwehrverhalten gegenüber den Erneuerbaren Energien. Der Frust darüber muss auch mal raus. Der ist überfällig. Denn hier sind zum größten Teil Leute, die seit vielen Jahren ein enormes tägliches Arbeitspensum haben, und deren Leistungsbereitschaft man auch mal würdigen muss. Die sind nicht eitler als andere Journalisten, und dass sie momentan viel (trollige) Kritik auf sich ziehen im Netz, muss man nicht so hämisch betrachten. An Ihrer “Zerpflückung” der Formulierungen ist vieles nachvollziehbar, im Ganzen jedoch schießen Sie übers Ziel hinaus, weil sie die Notwendigkeit dieser Selbstbehauptung verkennen.
Vielleicht sprechen wir uns ja noch mal offline.
Beste Grüße
Wolfgang Michal
8 oohr // Sep 8, 2009 at 00:04
Duzen ist okay, ich entschuldige mich mal, dass ich damit ungefragt angefangen habe.
Ich wollte nicht sagen, dass Eigentum im Einzelfall mit Allgemeinwohl abgewogen wird.
Es geht eher ums Philosophische: Das Grundgesetz könnte Eigentumsrechte definieren oder nicht. Eins von beiden muss gemacht werden. Nun hat die Tatsache, dass man Eigentumsrechte definiert, ein paar Probleme: Nämlich dass zum Beispiel der eine das Recht hat, auf einem bestimmten Stück Land etwas anzubauen, der andere nicht, da wird dieses Stück Land sein Eigentum nennen.
Warum ist es denn fair, derartige Gesetze zu machen, die den einen gegenüber dem anderen Privilegien einräumen? Ganz einfach: Weil insgesamt am Ende alle davon profitieren, da Eigentum das Fundament unseres Wirtschaftssystems ist. Ob das jetzt gut ist oder nicht, sei mal dahingestellt, das ist aber mit Sicherheit der Grund, warum das Eigentum überhaupt im Grundgesetz steht.
9 Mikis // Sep 8, 2009 at 00:14
Lieber Wolfgang Michal,
Sie haben vollkommen recht, ich bin ganz vielen Punkten gefühlt ganz nahe. Bei einigen habe ich ja sogar exakt zugestimmt, bei ein paar anderen den Versuch unternommen, das Manifest wohlwollend auszulegen. Aber erst einmal ist ein Text ein Text, und dieses Manifest ist nach meinem Verständnis in dreifacher Hinsicht kein guter. Zum ersten ist er in einer Art und Weise aufgeblasen und missverständlich, wie er es nicht hätte sein dürfen, wenn die ehrliche Intention ist, zu behaupten (was meine feste Überzeugung ist), dass das Netz die Chance ist, Journalismus denen zurück zu geben, denen er gilt. Der Ton dieses Manifests ist kein Deut weniger arrogant als der des abgehobenen “Mediums”, den er kritisiert (und ich glaube keine Sekunde, dass Sie wirklich unterschreiben würden, das “Selbstverständnis des Journalismus” wäre die “Schlüssellochfunktion” gewesen, also hier die Macht darüber, was der Leser sieht und was nicht. Ihre Geschichte als Reporter zeugt meiner Meinung nach von dem Gegenteil. Aber Sie haben dieses Manifest unterschrieben, und das gibt mir zu denken in Bezug darauf, wie durchdacht dieses Gebilde als Ganzes ist).
Sie haben vollkommen recht, ich hätte mir nicht die Zeit genommen, wenn das hier nicht 15 der wichtigsten Online-Publizisten gewesen wären. Aber wenn das hier die besten Argumente für das neue Verteilermedium sind, dann haben wir ein Problem. Ich habe vor sehr vielen der vielen Autoren dieses Manifests einen großen Respekt (und wenn nicht vor allen, dann weil ich nicht alle kenne), und ich möchte nicht in Frage stellen, dass es alle ernst meinen. Aber ich glaube nicht, dass es in irgendeiner Weise hilfreich, nötig oder sinnvoll ist, ein Manifest zu schaffen, das uns sagt, wie Online-Journalismus funktionieren muss. Und darum geht es hier. Es steht allgemein “Journalismus” drüber, aber gemeint ist Journalismus im Internet. Das halte ich für falsch. Journalismus ist überall Journalismus, und ich bin ein echter Fan des Internet, ein Unterstützer neuer Ideen und neuer Formen, wie Sie sagen in vielen Punkten diesem Manifest sehr nahe, aber: Wenn sich die Propheten der Internet als Hüter der Demokratie aufspielen, dann muss ich sie daran erinnern, dass die Demokratie in diesem Land in 60 Jahren von Kollegen (wie Ihnen, nebenbei) vertreten worden ist, die hier zu leicht abgetan werden; dass diese Thesen nett aber schlecht belegt sind und dass das dem eigenen Geist dieses Manifests widerspricht und das, nicht zuletzt, dieses gesamte Manifest nicht das Kind ist von den Kämpfern für die Freiheit, sondern das von Besserwissern innerhalb des Medienjournalismus. Bei allem Respekt: Hier ist eine Gruppe versammelt, deren Popularität zu einem nicht geringen Teil darin gründet, dass sie auf Fehlern von PR-Volontären herumhackt, Rechenfehler der Bild-Zeitung aufdeckt, eine auffällige Frisur hat oder großartig über das Internet reden kann, ohne im Falle einer leitenden Position in einem entsprechenden Medium den Erfolg vorweisen zu können, der den Standpunkt belegt. Mit anderen Worten: Besserwisser. Teilweise hochintelligente, amüsante Besserwisser, aber Besserwisser. Als Kämpfer für die Demokratie oder die Menschenrechte unter Druck sind sie – im Gegensatz zu Kollegen, die sich durch sie zurecht beleidigt fühlen könnten – jedenfalls nicht in Erscheinung getreten. Warum sollte sich irgendein verdienter Kollege von einem Werbetexter mit Irokesenschnitt erklären lassen, wie sein Job geht? Oder, einfacher: Ist es hilfreich für das, was Sie wollen, wenn ein Werbetexter mit Irokesenschnitt einem möglicherweise in Bezug auf Online zurückhaltenden Printkollegen mit 30 Jahren Fronterfahrung erklärt, wie sein Job nun zu gehen hat?
Es ist scheiße. Es ist arrogant. Und wenn es dann auch noch schlecht und blasiert formuliert ist, dann ist es auch für mich, der ich hier viele der Dinge, von denen ich glaube, dass Sie sie zu vertreten versuchen (so richtig verstehen kann man das Ding ja nicht) genau so vertrete, einfach nur kontraproduktiv. Ein Manifest – verdammt –, als würden wir gegen eine Unterdrückung aufstehen? Wo sind denn unter den Unterzeichnern die, die den geilen Scheiß gemacht haben? Mercedes Bunz als Tagesspiegel-Online-Chefredakteurin? Thomas Knüwer, dem nun echt kein Gegner zu klein ist? Stefan Niggemeier, dessen Leistung und Mut ich hoch, hoch schätze, aber dessen Beitrag zu neuen Formen und neuen Erlösmodellen sich beschränkt auf … einen Blog? Wo sind sie denn?
Lieber Wolfgang Michal, Sie passen nicht in diese Reihe, das gibt mir zu denken, und ich muss sagen, ich wäre noch viel genervter, wenn Sie nicht dabei wären. Dass Sie überzeugt sind von diesem Manifest lässt mich an meiner eigenen Einschätzung zweifeln und ein bisschen hoffen, ich hätte Unrecht. Ich glaube immer noch, die nötige Selbstbehauptung wäre sinnvoller durch Leistung geschehen, die man hätte vorzeigen können, als durch dieses Manifest. Aber natürlich ist Ihre Leistung unzweifelhaft und wenn Sie sie in die Waagschale werfen, kann ich nicht anders, als Ihnen zuzuhören. Vielleicht vereinbaren wir das: Wenn Ihr Manifest dazu führt, dass irgendjemand – ein Verlag, ein Kollege – seine Strategie ändert und besseren Journalismus macht, dann schneide ich mir einen Irokesenschnitt und färbe ihn in der Farbe eines Telefonanbieters Ihrer Wahl.
Wenn nicht, dann arbeiten wir einfach weiter daran, den guten, erfahrenen und verdienten Kollegen die Vorteile der Informationsverteilung über das Netz schmackhaft zu machen, ohne sie zu belehren. Denn wenn wir hier, online, in Diskussionen wie dieser, recht haben und sich das alles lohnt, dann werden wir uns auch durchsetzen.
Auf bald, die erste Runde geht auf mich,
mp
10 Mikis // Sep 8, 2009 at 00:28
@ oohr Das ist völlig richtig, da bin ich völlig bei dir. In Bezug auf das Urheberrecht bedeutet das, wir sind (als Gesellschaft) dafür, dass Menschen Onlineinhalte erstellen und damit Geld verdienen. Im Sinne des Internet-Manifests müsste man jetzt fordern, dass diese Menschen die Inhalte zum Beispiel auch dann online stellen (oder vielleicht realistischer: stehen lassen), wenn sie damit kein Geld (mehr) verdienen. Sagen wir also, ein Filmstudio hat einen politisch relevanten Film gemacht, stellt ihn online, verdient damit Geld und irgendwann haben ihn alle, die ihn sehen wollten, gesehen. Die Firma nimmt ihn vom Netz, um Bandbreite zu sparen. Im Prinzip müsste man nun fordern, dass der Film wegen seiner Relevanz online verfügbar bleibt. Hier müsste das Eigentum an dem Film verpflichten. Ich fürchte, in der Realität tut es das nicht juristisch, aber philosophisch würde dein Argument genau hier greifen. Da sind wir uns einig. Und jetzt gehe ich ins Bett. Gute Nacht!
11 oohr // Sep 8, 2009 at 03:30
Ich hatte noch eine lange Antwort geschrieben, aber die Websoftware hat sie gefressen.
Es war nett, auf Wiedersehen!
12 Marty // Sep 9, 2009 at 10:48
“Hier ist eine Gruppe versammelt, deren Popularität zu einem nicht geringen Teil darin gründet, dass sie auf Fehlern von PR-Volontären herumhackt, Rechenfehler der Bild-Zeitung aufdeckt, eine auffällige Frisur hat oder großartig über das Internet reden kann, ohne im Falle einer leitenden Position in einem entsprechenden Medium den Erfolg vorweisen zu können, der den Standpunkt belegt.”
Hervorragend auf den Punkt gebracht. Danke!
MD
13 Wolfgang Michal // Sep 9, 2009 at 16:17
Lieber Michalis Pantelouris,
ich glaube, man kann dieses Manifest nicht verstehen ohne seine Vorgeschichte. Ich will versuchen, es kurz zu machen: Da gibt es eine Handvoll netzbegeisterte ehrgeizige Leute, die seit vielen Jahren ein Thema von allen Seiten beleuchten: das Netz als tolle Möglichkeit für Information, Dialog, Austausch, Lernen, Aufklärung, Unterhaltung. Die sich – als Journalisten, Entertainer, Berater – viele Gedanken machen, wie dieses für Journalisten nahezu ideale Arbeitsinstrument genutzt werden könnte. Sie haben sich auch immer wieder Gedanken über „Geschäftsmodelle“ gemacht, hier nur ein Beispiel:
http://carta.info/4757/ein-geschaeftsmodell-ist-kein-dogma-plaedoyer-fuer-eine-offene-debatte-ueber-den-netzjournalismus/
Und dann gibt es Medienunternehmen (in denen die allermeisten Journalisten arbeiten), die genau dieses Instrument Internet als Angriff auf ihr Dasein empfinden. Deren Manager und Besitzer sich ängstlich zurückziehen und Gefahr, Gefahr rufen. Die sich zusammen tun, um eine Front/ein Kartell gegen das Netz aufzubauen (indem sie sich z.B. auf irgendwelchen Empfängen treffen und anschließend gemeinsame Hamburger oder andere Verlegerverbands-Erklärungen abgeben).
Hinzu kommt, dass die Glaubwürdigkeit und die Integrität des professionellen Journalismus in den letzten Jahren in vielen Bereichen stark in Zweifel gezogen worden ist (und zwar nicht erst durch die „plötzliche“ Finanzkrise). Diese Glaubwürdigkeitskrise spiegelte sich jahrelang in der verbalinjurienintensiven „Blogger vs. Journalisten“-Auseinandersetzung.
Aus dieser Gesamt-Situation heraus ist es nun zu einer arroganten, nicht ganz ausgefeilten und meinetwegen auch ein wenig sich selbst überschätzenden Gruppen-Erklärung gekommen. So what? Sie war einfach überfällig (das vergessen manche, die jetzt im Netz herumtoben). Und dass bei dieser Gruppenerklärung keine gottgleichen 10 Gebote, kein kommunistisches Manifest, kein anarchistisches Bekenntnis zur Tat und kein sonstiges Heilsversprechen, ja nicht einmal große Literatur herausgekommen ist (versuchen Sie doch mal mit 14 Kollegen zusammen einen Text zu verfassen!), sondern nur eine banale mittelmäßige pragmatische Zusammenfassung des Ist-Zustandes – ich finde das ganz o.k. Es ist ein Anfang.
Zu kritisieren ist m.E. etwas ganz anderes. Dass nämlich die vielen verdienten und guten Kollegen in den Printmedien (die Sie so nett in Schutz nehmen vor der Arroganz der Besserwisser) noch nie den Mund aufgemacht haben in ihren Verlagen, um zu fragen, ob man dort immer weiter nur Hamburger Erklärungen gegen das Internet abzugeben gedenke. Diese Kollegen glauben möglicherweise, der Umbruch werde sie nicht betreffen. Sie schweigen. Dieses Nichtstun und Nichtssagen hat zweifellos den enormen Vorteil, dass man nicht als arrogant und geltungssüchtig gescholten werden kann. Aber beschleicht Sie nicht wenigstens in stillen Stunden manchmal das leise Gefühl, dass ein gut formuliertes, nicht aufgeblasenes, für die Freiheit eintretendes Internet-Journalismus-Manifest eigentlich von den angestellten Printjournalisten hätte kommen müssen? Also von denen, die seit vielen Jahren in diesen Medien arbeiten, und deren Besitzer sich nun seit Mitte der neunziger Jahre hartnäckig der Realität verschließen, weil die Rendite im Netz nicht gleich am Anfang schon bei 20 Prozent liegt?
Ich weiß, Sie stören sich sehr am Ton des Manifests. Als Reporter gehören Sie Gottseidank zu den angenehm uneitlen Zeitgenossen, die falsche Töne bei anderen schnell heraus hören. Aber schießen Sie nicht mit Ihren professionellen Formulierungskanonen auf Internetspatzen? Verdrehen Sie nicht die Machtverhältnisse? Die Unterzeichner haben sich im Internet eine kleine Position erschrieben, aber da draußen – im echten Leben – sind sie kleine Selbstständige. Mit einem begrüßenswerten Unterschied: Sie stellen sich zur Diskussion. Sie wollen etwas. Sie arbeiten dafür. Und sie wollen, wie jede neue Generation, ihre Zeit nach ihren Vorstellungen prägen.
Ihr Bestreben, lieber Michalis Pantelouris, unsere Journalistenkollegen gegen Besserwisser in Schutz zu nehmen, ehrt Sie. Im Netz steht man als Journalist sowieso immer zwischen Baum und Borke. Siehe z.B.:
http://carta.info/4895/heiteres-berufe-zertreten-oder-der-blog-als-beichtstuhl-und-pranger/
Wir sollten also weiter auf Differenzierung und Analyse setzen. Die Oberflächlichkeit, die uns viele selbsternannte Kritikergrößen nun vorwerfen, kann ich nur an diese zurückgeben. In der bisherigen Kommentierung überwiegt bei weitem der oberflächliche Unmut (Gereiztheit, Ärger, Missfallen). Die nüchterne politische Analyse – warum dieser Text so, warum dieser Text jetzt – ist dagegen äußerst schwach besetzt.
Die zweite Runde geht natürlich auf mich.
Herzliche Grüße
Wolfgang Michal
14 Mikis // Sep 9, 2009 at 16:36
Lieber Wolfgang Michal,
vielen, vielen Dank für die ausführliche Erklärung. Sie macht mir ein paar Dinge verständlicher, und ich muss Ihnen tatsächlich in einem Punkt recht geben, der mir weh tut, weil ich ihn nicht rechtzeitig bedacht habe. Mein persönlicher Standpunkt war und ist der: Wir verdanken als Gesellschaft und als junge (ich werde 35, aber ich zähle mich noch dazu) journalistisch Tätige unseren Vorgängern sehr viel. Und wir sind meiner Meinung nach an einem Punkt, an dem das Netz uns großartige Möglichkeiten aufzeigt, deren Relevanz aber noch längst nicht bewiesen ist. In diesem Moment den alten Kollegen gegenüber mit Forderungen aufzutreten, die auch noch formuliert sind als “Wie es heute funktioniert” und damit die Tradition als überholt darzustellen, halte ich immer noch für überheblich. Aber in mindestens dem einen Punkt haben Sie absolut und einfach nur recht: Der Hinweis auf die – zumindest theoretisch – offensichtlichen Möglichkeiten hätte längst viel stärker auch von den verdienten Kollegen kommen müssen. Das ist wahr, es ist überfällig und nötig. Und dafür, dass ich das in meiner Polemik einfach übergangen habe muss ich mich entschuldigen. Das hätte da bei allem Unmut fairerweise reingehört und hätte dem Ganzen insgesamt eine wichtige zusätzliche Dimension gegeben. Ich bin, ehrlich gesagt, einfach nicht rechtzeitig darauf gekommen.
Ich werde versuchen, meine Vorstellung davon, was sinnvoller gewesen wäre als dieses Manifest in einem eigenen Blog-Eintrag darzustellen und hoffe, Sie sehen das als erweiterte Antwort auf Ihren großzügigen Kommentar und verbleibe deshalb hier einfach so und auf halber Strecke.
Ich freu mich auf unsere Runde!
15 ThorstenH // Sep 10, 2009 at 12:05
Ich möchte mich bei Ihnen beiden an dieser Stelle für die interessante und vor allem weitestgehend sachliche Diskussion bedanken. Ich habe in diesen wenigen Kommentaren sehr viel mehr sachlichen Argumentaustausch gelesen als an anderen Stellen, an denen ich nach mehreren Dutzend Troll-Beiträgen abgebrochen habe die Kommentare zu lesen.
Dankebar und mit Hoffnung auf mehr solcher Kommentare
Thorsten
16 Mikis // Sep 10, 2009 at 12:13
Boah!
“Dankbar und mit Hoffnung auf mehr solche Kommentare” – das beschreibt meinen Zustand gerade ganz genau!
Danke!
mp
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