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	<title>Print Würgt &#187; Erneuerte Medien</title>
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	<description>Michalis Pantelouris über das Drucken von Wörtern und Bildern auf Papier für Geld</description>
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		<title>Tweet like an egyptian</title>
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		<pubDate>Tue, 01 Feb 2011 08:57:21 +0000</pubDate>
		<dc:creator>mikis</dc:creator>
				<category><![CDATA[Erneuerte Medien]]></category>
		<category><![CDATA[Kundenkontakt]]></category>

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		<description><![CDATA[Das ist beeindruckend clever und beeindruckend schnell: Google hat eine Möglichkeit für Ägypter entwickelt, zu twittern, obwohl das Internet abgeklemmt ist: per Anruf und Spracherkennung! (Nachtrag: Wie betabug in den Kommentaren feststellt, habe ich das falsch verstanden: Speak-to-tweet heißt nicht Spracherkennung, sondern es heißt, dass man eine Sprachnachricht hinterlassen kann, die dann jeder durch klicken [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Das ist beeindruckend clever und beeindruckend schnell: Google hat eine Möglichkeit für Ägypter entwickelt, zu twittern, obwohl das Internet abgeklemmt ist:<a href="http://twitter.com/#!/speak2tweet"> per Anruf und Spracherkennung!</a> (Nachtrag: Wie betabug in den Kommentaren feststellt, habe ich das falsch verstanden: Speak-to-tweet heißt nicht Spracherkennung, sondern es heißt, dass man eine Sprachnachricht hinterlassen kann, die dann jeder durch klicken auf den Tweet hören kann. Nicht ganz so schick, wie ich dachte).</p>
<p>Auf dem <a href="http://googleblog.blogspot.com/2011/01/some-weekend-work-that-will-hopefully.html">Google-Blog heißt es</a>: </p>
<blockquote><p>We worked with a small team of engineers from Twitter, Google and SayNow, a company we acquired last week, to make this idea a reality. It’s already live and anyone can tweet by simply leaving a voicemail on one of these international phone numbers (+16504194196 or +390662207294 or +97316199855) and the service will instantly tweet the message using the hashtag #egypt. No Internet connection is required. People can listen to the messages by dialing the same phone numbers or going to <a href="http://twitter.com/#!/speak2tweet">twitter.com/speak2tweet</a>.
</p></blockquote>
<p>Mein Textvorschlag wäre: Mister Mubarak, please proceed to your gate immediately – your plane is now boarding!</p>
<div id="fb-root"></div><script src="http://connect.facebook.net/en_US/all.js#xfbml=1"></script><!-- Do not remove --> <p><a href="http://print-wuergt.de/?flattrss_redirect&amp;id=726&amp;md5=ff58979fe8a22a0066c698ca728fabcd" title="Flattr" target="_blank"><img src="http://print-wuergt.de/wp-content/plugins/flattr/img/flattr-badge-large.png" alt="flattr this!"/></a></p>]]></content:encoded>
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		<title>Ich flattr Richard Gutjahr</title>
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		<pubDate>Mon, 31 Jan 2011 18:24:40 +0000</pubDate>
		<dc:creator>mikis</dc:creator>
				<category><![CDATA[Erneuerte Medien]]></category>
		<category><![CDATA[Wir sind so]]></category>

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		<description><![CDATA[Es gibt Momente, in denen kumuliert einfach alles, und während ich in den freien Minuten versuche, alles über die Lage in Ägypten zu erfahren (meine Frau ist halbe Ägypterin, hat eine Menge Familie in Bürgerwehren in Kairo), fällt mir nicht nur schmerzhaft wie nie auf, dass wir so genannte Nachrichtensender haben, die ihr Programm mit [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Es gibt Momente, in denen kumuliert einfach alles, und während ich in den freien Minuten versuche, alles über die Lage in Ägypten zu erfahren (meine Frau ist halbe Ägypterin, hat eine Menge Familie in Bürgerwehren in Kairo), fällt mir nicht nur schmerzhaft wie nie auf, dass wir so genannte Nachrichtensender haben, die ihr Programm mit Dokumentationen über Wühlmäuse füllen, während die Welt brennt – ich nehme auch in irgendwelchen Nebensynapsen eine ewig wiederkehrende, merkwürdige Diskussion wahr, deren nächste Zotte gerade darin besteht, dem Journalisten und<a href="http://gutjahr.biz/blog/2011/02/kairo-millionen/">Blogger Richard Gutjahr</a> vorzuwerfen, er würde <a href="http://lumma.de/2011/01/31/selbstdarstellung-vs-reportage/">aus Gründen der Selbstinszenierung nach Kairo fliegen</a> um von dort zu berichten. Das Thema der Diskussion ist &#8220;Selbstdarstellung von Journalisten&#8221;, und wir erleben es alle paar Wochen wieder, zuletzt beim Afghanistan-Einsatz von Johannes B. Kerner und der <a href="http://www.tagesspiegel.de/medien/er-ist-kein-star-holt-ihn-da-raus/3701452.html">Maschmeyer-Doku von Christoph Lütgert.</a></p>
<p>Ich bin wahrscheinlich <a href="http://www.stefan-niggemeier.de/blog/livestylejournalismus/#comment-134639">der Falscheste,</a> um darüber zu schreiben, aber ich habe trotzdem eine Meinung dazu, und deshalb sage ich sie auch: Ich wünschte, es gäbe mehr Journalisten, die es wagen, sich selbst zu einer Marke zu machen und mit ihrem Gesicht für die Geschichte zu stehen, die sie erzählen. Denn ich glaube, Journalismus unter dem Mäntelchen vermeintlicher Objektivität ist tot.</p>
<p>Ich kenne Richard Gutjahr nicht persönlich, und bisher ist er mir – wie wahrscheinlich vielen – vor allem als Apple-Fanboy aufgefallen, aber ich weiß nicht, warum er deshalb kein guter Journalist sein sollte (ich bin wahrscheinlich nicht so extrem wie er, aber ein Apple-Fan bin ich zugegebenerweise auch). Ich finde, im Gegenteil, einen Journalisten, der seine persönlichen Sympathien und Meinungen offenlegt, im Zweifel glaubwürdiger als einen, der denkt, er wäre objektiv. Denn Objektivität im Journalismus gibt es nicht, sie ist auch gar nicht nötig. Ein Journalist soll misstrauisch, kristisch und fair sein – und sein Handwerk beherrschen. Ansonsten haben wir uns mit der Berufswahl sowieso schon auf eine Seite geschlagen, wir sind Partei: Als Journalisten sind wir für Information, für Meinungsfreiheit und damit prinzipiell auch für die Demokratie. </p>
<p>All das liegt in Ägyten noch am Boden. Ich bin für jeden Kollegen dankbar, der hinfährt, um das zu ändern.</p>
<p>Das heißt nicht, dass jede Art der Selbstinszenierung jedem sympathisch sein muss. Man muss Kerner in Afghanistan nicht mögen, aber man kann ihm auch nicht absprechen, dass er im gegensatz zu vielen anderen tatsächlich hingefahren ist, und das ist keine Selbstinszenierung, sondern seine Arbeit. Christoph Lütgert mag in den Augen vieler Zuschauer zu oft im eigenen Film aufgetaucht sein, und er muss, wie jeder von uns, Kritik an seinem Werk aushalten. Aber er hat einen eigenen, eigensinnigen und engagierten Film gemacht, und das ist sein Job. Ich rede hier nicht über Geschmacks- und Stilfragen, sondern darüber, dass Selbstinszenierung für jeden, der in der Öffentlichkeit arbeitet, zum Job gehört. Und Journalismus gehört in die Öffentlichkeit, anstatt hinter die Mauern der offiziösen Institutionen, die gerne noch heute so tun, als hätten sie irgendwie ein Monopol auf die Interpretation dessen, was in der Welt passiert.</p>
<p>Ich fordere hiermit also alle Werbekunden von n-tv und N24 auf, die Spots bei den Versendekanälen von Wühlmaus-Dokus und krisseligen Wochenschau-Rollen zu stornieren, und stattdessen auf <a href="http://gutjahr.biz/Gutjahr/Home.html">gutjahr.biz</a> Anzeigen zu schalten. Die alten Zeiten sind vorbei.</p>
<div id="fb-root"></div><script src="http://connect.facebook.net/en_US/all.js#xfbml=1"></script><!-- Do not remove --> <p><a href="http://print-wuergt.de/?flattrss_redirect&amp;id=722&amp;md5=1134fa1fd9e73d2cb906975abe94c04b" title="Flattr" target="_blank"><img src="http://print-wuergt.de/wp-content/plugins/flattr/img/flattr-badge-large.png" alt="flattr this!"/></a></p>]]></content:encoded>
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		<title>Heute ein Strunz</title>
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		<pubDate>Fri, 10 Dec 2010 13:54:39 +0000</pubDate>
		<dc:creator>mikis</dc:creator>
				<category><![CDATA[Erneuerte Medien]]></category>
		<category><![CDATA[Kundenkontakt]]></category>

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		<description><![CDATA[Seit zwei Wochen ist Claus Strunz, Chefredakteur des im Prinzip altehrwürdigen Hamburger Abendblattes, nun mit einer Fan-Seite auf Facebook vertreten. Strunz hat sich seit seinem Amtsantritt vor zwei Jahren unter anderem durch weit reichende Ankündigungen Aufmerksamkeit verschafft – besonders berüchtigt ist dabei sein Plan, aus dem Abendblatt ein &#8220;Abendblatt 3.0&#8243; zu machen, wobei nie ganz [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Seit zwei Wochen ist Claus Strunz, Chefredakteur des im Prinzip altehrwürdigen <em>Hamburger Abendblattes</em>, nun mit einer <a href="http://www.facebook.com/claus.strunz">Fan-Seite auf Facebook</a> vertreten. Strunz hat sich seit seinem Amtsantritt vor zwei Jahren unter anderem durch weit reichende Ankündigungen Aufmerksamkeit verschafft – besonders berüchtigt ist dabei sein Plan, aus dem <em>Abendblatt</em> ein &#8220;Abendblatt 3.0&#8243; zu machen, wobei nie ganz klar war, was darunter eigentlich genau zu verstehen ist. Im Moment ist die Zeitung – immerhin Hamburgs größte und wichtigste, was angesichts der Konkurrenz allerdings noch nicht viel aussagt – geschlagen mit einem Online-Auftritt, bei dem man die meisten Inhalte über Google-News lesen muss, weil der Verlag etwas davor geschaltet hat, dass er &#8220;Bezahlschranke&#8221; nennt. Sie funktioniert genau wie eine Schranke auf einer grünen Wiese, über die ein Trampelpfad läuft: Man muss schon sehr faul sein, um nicht einfach drumherum zu laufen, aber gerade noch nicht faul genug, um einfach wieder nach Hause zu gehen. Vielleicht steht &#8220;Abendblatt 3.0&#8243; auch einfach für die angepeilte Zahl der Online-Abonnenten?</p>
<p>Claus Strunz hat also eine Seite auf Facebook, die aktuell 422 Personen gefällt, und postet dort Gedanken und kleine Begebenheiten rund um sein Dasein als Chefredakteur der wichtigsten Zeitung in Hamburg. Und im Prinzip bin ich begeistert von der Idee. Ich habe es inzwischen wahrscheinlich zu oft gesagt, aber ich bin der Meinung, dass Journalisten nicht nur für die Öffentlichkeit arbeiten sollten, sondern auch öffentlich – das heißt sichtbar, erreichbar und als Menschen, nicht (nur) als Teil von Organisationen und Institutionen. Und &#8220;The Facebook&#8221;, wie George W. Bush es nennt, ist ein sensationell einfacher Weg dahin. Rein technisch gesehen ist Strunz&#8217; Facebook-Fan-Seite ein richtiger Schritt. Und er ist, so weit ich das weiß, der erste deutsche Chefredakteur, der ihn macht.</p>
<p>Auf der Seite schreibt Strunz über das, was Tolles beim <em>Abendblatt</em> passiert (ein Reporter hat einen Preis gewonnen, das &#8220;Zukunftslabor entwickelt eine 1A-iPad-App), stellt die Art Fragen, die sonst Moderatoren in Foren stellen, um eine Diskussion in Gang zu bringen (Ist Assange ein Held oder ein Verbrecher? Ist Ole von Beust im Hamburger Wahlkampf eine Hilfe oder eine Belastung für die CDU?), spricht über Fußball (vor allem darüber, dass er schon vor Wochen gesagt hat, Dortmund wird Meister. Außerdem ist er Fan von irgendeinem der überflüssigen Vereine rund um Platz 14) und streut hin und wieder eine Anekdote ein (&#8220;Hans-Werner Kilz hat gesagt …&#8221;). Fast jeder seiner Beiträge generiert ein paar Kommentare, die meistdiskutierten etwa ein Dutzend, was ich in dieser frühen Phase des Experimentes eine achtbare Größenordnung finde, vor allem, weil wir von der Online-Plattform eines Chefredakteurs reden, dessen Online-Publikation sehr viel dafür tut, möglichst keine Leser zu haben. Für Strunz&#8217; Facebook-Seite gilt schließlich: Da muss man erstmal drauf kommen.</p>
<p>Man muss wahrscheinlich sagen, die Fan-Seite von Claus Strunz ist nicht unbedingt von Inhalten getrieben. Was bisher dort preisgegeben wird, ist banal bis egal. Die Einblicke in die Person des Chefredakteurs oder die besondere Arbeitsweise des <em>Abendblattes</em>, so es die denn gibt, sind bisher nichtig. Und ein ganz großer Humorist ist in den Statusmeldungen bisher auch nicht zu erkennen. Die Debatten, die dort geführt werden, bewegen sich sehr nah an der Nullschwelle der Relevanz, auch deshalb, weil Strunz sich in Debatten nicht einschaltet und außerhalb seiner Leitartikel, zu denen er verlinkt, bei fußballfremden Themen auch keine eigene Meinung durchscheinen lässt – abgesehen davon, dass er ein Anti-Hamburger-Grünen-Plakat der Jungen Union Paderborn abbildet, obwohl die Relevanz der Jungen Union Paderborn in einem Hamburger Wahlkampf dann doch eher zweifelhaft ist. Bisher muss man festhalten, die Leistung des Chefredakteurs auf Facebook besteht praktisch ausschließlich darin, dass es ihn gibt.</p>
<p>Das ist schade. Es deckt sich bisher mit dem Eindruck, den der ungemein selbstbewusst wirkende Strunz bisher bei mir ohnehin hinterlässt: Er ist eine Ankündigungsmaschine, der pausenlos die Bedeutung des <em>Abendblattes</em> zu einer der wichtigsten Zeitungen Deutschlands hochrechnet und es verstanden hat, in der hausinternen Innovationskultur des Axel-Springer-Verlages den Eindruck zu erwecken, er schwämme vorne mit. Das ist für ihn besonders schwierig, weil er vom Chefredakteur der riesigen <em>Bild am Sonntag</em> zum <em>Abendblatt</em>-Chef degradiert wurde. Vor diesem Hintergrund tut er offenbar, was für seine Karriere richtig ist, und das mit einiger Kreativität. Ich möchte das als Leistung nicht schlecht reden. Aber wenn man den Schritt hin zu mehr Offenheit gegenüber dem Leser inhaltlich bewerten will, muss man den Schritt, den er getan hat, mit dem vergleichen, was nötig wäre. Oder gar dem was möglich wäre. </p>
<p>Gerade für die Leser einer Lokalzeitung wäre es ein immenser Vorteil, wenn &#8220;seine&#8221; Journalisten für ihn erreichbar, ansprechbar und im weiteren Sinne auch kennenlernbar wären. Natürlich nicht nur die Chefredakteure. Erstes Ziel einer Offensive wie der von Strunz zugunsten der Leser müsste sein, dass er mit seinem Schritt eine Kultur einläuten würde, die dazu führt, dass bald alle <em>Abendblatt</em>-Redakteure mit ihren Lesern kommunizieren könnten, es müssten und im besten Fall – weil das Vorbild so gut funktioniert, oder weil sie die Zeichen der Zeit erkannt haben – auch wollten. Aber das Zauberwort ist hier schon eingeführt: Es bräuchte einen Wechsel der Kultur. Und der ist nicht einmal bei Strunz&#8217; eigenem Versuch sichtbar. Im Gegenteil: Was er tut, ist in Wahrheit das Gegenteil davon – er zementiert mit seiner Selbstdarstellung die falsche Selbstwahrnehmung von sich selbst als über die Masse erhobener Persönlichkeit. Dem <a href="http://meedia.de/nc/details-topstory/article/facebook-die-fan-page-des-claus-strunz_100031696.html">Mediendienst Meedia sagte er</a> zu seinen Beweggründen:</p>
<blockquote><p>&#8220;Ich habe mich bewusst dagegen entschieden, bei Facebook als Privatperson aufzutreten. Wenn ich ein privates Profil habe, bin ich im eigentlichen Sinne nicht öffentlich, sondern nur für meine Freunde zugänglich. Als Chefredakteur des Hamburger Abendblatts bin ich aber bis zu einem bestimmten Grad eine Person öffentlichen Interesses. Als solche berichte ich auf dieser Seite über meine Arbeit und stelle meine Meinung zur Diskussion. Persönliche Nachrichten behalte ich auch weiterhin meinen Freunden vor.&#8221;</p></blockquote>
<p>Darin steckt der Denkfehler, der dem Journalismus mehr schadet als praktisch alle anderen. Denn ob der Journalist eine Person öffentlichen Interesses ist oder nicht ist vollkommen irrelevant. Natürlich ist Günther Jauch sowohl Journalist als auch eine Person öffentlichen Interesses, schon weil er prominent ist, aber er gibt praktisch nichts von sich preis und hat jedes Recht dazu. Strunz, der weit gehend unbekannt ist, ist keine Person des öffentlichen Interesses, sondern er füllt wie Jauch einen Job aus, der zu einem guten Teil öffentliche Interessen vertritt. Das ist ein fundamentaler Unterschied. Ich glaube, dass aufgrund des auszufüllenden öffentlichen Interesses an Information, Aufklärung und Unterhaltung durch eine Zeitung ein berechtigtes Interesse daran besteht, was für ein Typ das ist, der den Job macht. Aber er entspricht ganz genau dem Interesse, das Menschen daran haben, zu wissen, wer ihre Kinder unterrichtet oder ob die Putzfrau, die den Schlüssel zu ihrer Wohnung bekommt, vertrauenswürdig ist. Wir würden keinem Lehrer trauen, der sich weigert, mit uns zu sprechen. Wir haben ein Recht darauf, ihn einzuschätzen. Genau so verhält es sich mit Journalisten: Ich habe ein Recht darauf, den Menschen einschätzen zu können, der mir die Politik meiner Regierung erläutern soll. Denn er arbeitet für mich.</p>
<p>Jauch hat es geschafft, diese Vorstellung nebenbei zu erledigen und führt immer wieder Umfragen nach dem vertrauenswürdigsten Deutschen an. Die meisten Journalisten aber leben nur von der Glaubwürdigkeit des Mediums, für das sie arbeiten. Das kann gut oder weniger gut sein, je nachdem, ob man für die <em>Tagesschau</em> oder die <em>Bild</em>-Zeitung arbeitet, in jedem Fall wandelt es sich dieser Tage meiner Meinung nach sehr schnell. Mediennutzer erwarten heute, wie die Nutzer aller anderen Dienstleistungen auch, mehr Transparenz, mehr Interaktion und ein weniger institutionelles Auftreten, und diese Tendenz wird sich fortsetzen, weil immer mehr Unternehmen die Maßstäbe hin zu echter Kundenorientierung verschieben. Gleichzeitig wird es für Unternehmen immer wichtiger, darauf hinzuweisen, was sie besser können als alle anderen, wenn sie nicht einfach billiger sein können als die Konkurrenz. Für Nachrichtenunternehmen bedeutet das auch, sie müssen zeigen, was ihre professionellen Journalisten besser können als Algorithmen bei Google-News, was handwerkliche Nachrichtenproduktion besser macht als industrielle. Dafür sind Lokalzeitungen wie geschaffen, weil sie selber noch Nachrichten machen (einer meiner ersten Jobs war im letzten Jahrtausend als Pauschalist beim Abendblatt. Da habe ich zum Beispiel gelernt, wie man Demonstranten zählt). Um das Handwerk wieder ins Bewusstsein zu rücken, gibt es kaum einen besseren Weg, als den Handwerker in den Vordergrund zu stellen. Wer einmal mit einem guten Schuhmacher gesprochen hat, wird in Zukunft gute Schuhe besser zu schätzen wissen. Es ist also richtig, den Journalisten öffentlich und zugänglich zu machen. Aber als Handwerker, nicht als kleinen König.</p>
<p>Der Grat zwischen &#8220;öffentlich zugänglich sein&#8221; und reiner Selbstdarstellung ist nie ganz klar, aber auch so schwierig nicht zu beschreiten. Wenn man es denn will. Und er schließt nicht einmal aus, dass man dabei selbst zum strahlenden Helden wird, immerhin ist Bundeskanzler Helmut Schmidt auch deshalb heute eine Lichtgestalt der deutschen Politik, weil man ihm glaubt, dass er sich selbst als<a href="http://www.faz.net/s/Rub594835B672714A1DB1A121534F010EE1/Doc~E15583A27903D446D89EB3B2868CFB417~ATpl~Ecommon~Scontent.html"> &#8220;Leitenden Angestellten der Bundesrepublik Deutschland&#8221;</a> gesehen hat. Dazu gehört allerdings eine Demut, die in der journalistischen Kultur heute so wenig verankert ist wie in der politischen. Schon mit der Wortwahl der &#8220;Dienstleistung&#8221; für Journalismus können sich viele Kollegen nicht anfreunden. Es passt nicht in ihre Kultur.</p>
<p>Vielleicht ist es besonders hamburgisch, jedem zu misstrauen, der aus seinem öffentlichen Amt zu viel Glanz zu ziehen versucht, immerhin ist dies die Stadt, in der ein Finanzminister Hans Apel während seiner Amtszeit (und bis heute) mit seiner Privatnummer im Telefonbuch steht und in der Politiker keine Orden annehmen (Helmut Schmidt hat <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Verdienstorden_der_Bundesrepublik_Deutschland">bis heute kein Bundesverdienstkreuz,</a> weil er es mit der Begründung ablehnt, er sei schließlich ein ehemaliger Hamburger Innensenator). Aber bei mir Eindruck, Claus Strunz verwechselt Dienst am Leser mit dem Beeindrucken von Lesern, den Inhalt mit der Show. Und sich selbst mit dem Produkt Claus Strunz, das es zu verkaufen gilt. Ich halte das für aus seiner Sicht sogar ganz schlau. Aber ich hätte ihm den Zacken mehr Mut gewünscht, tatsächlich etwas Neues zu tun.</p>
<p>PS. Claus Strunz hat diesen Beitrag inzwischen auf <a href="http://www.facebook.com/claus.strunz">seiner Facebook-Seite verlinkt</a> und diskutiert ihn. Das finde ich dann schon wieder stark. Respekt!</p>
<div id="fb-root"></div><script src="http://connect.facebook.net/en_US/all.js#xfbml=1"></script><!-- Do not remove --> <p><a href="http://print-wuergt.de/?flattrss_redirect&amp;id=696&amp;md5=19403fe7d2b75406ee1f649cf47cfebf" title="Flattr" target="_blank"><img src="http://print-wuergt.de/wp-content/plugins/flattr/img/flattr-badge-large.png" alt="flattr this!"/></a></p>]]></content:encoded>
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		<title>Now leaking: The one and only Ich</title>
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		<pubDate>Thu, 02 Dec 2010 08:30:12 +0000</pubDate>
		<dc:creator>mikis</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Vor fünf Jahren, als Xing noch OpenBC hieß, und man eine Einladung brauchte, um überhaupt Mitglied werden zu können und sich entsprechend irgendwie wichtig vorkam, war es das erste Internet-Netzwerk, bei dem ich mich mit meinem echten Namen und meinen vollen Kontaktdaten angemeldet habe. Die Diskussion, die es damals unter Usern gab, war tatsächlich, ob [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Vor fünf Jahren, als Xing noch OpenBC hieß, und man eine Einladung brauchte, um überhaupt Mitglied werden zu können und sich entsprechend irgendwie wichtig vorkam, war es das erste Internet-Netzwerk, bei dem ich mich mit meinem echten Namen und meinen vollen Kontaktdaten angemeldet habe. Die Diskussion, die es damals unter Usern gab, war tatsächlich, ob OpenBC wirklich eine Business-Plattform ist, oder ob nicht die meisten der Nutzer sie nur dazu benutzen, sich gegenseitig abzuschleppen. Letzteres sollte die von einigen als hochtrabend empfundene Idee des Netzwerks offensichtlich abwerten. Der Gedanke, dass ein Netzwerk für beides gleichzeitig und noch viel mehr zu verwenden sein könnte, dass im Prinzip die Tatsache von Netzwerken an sich mehr Möglichkeiten eröffnet, als man sich beim Errichten überhaupt vorstellen kann, ist letztlich erst mit dem Durchmarsch von Facebook im Mainstream angekommen, und mit dieser Zentrale der eigenen Identität im Netz ein aus meiner Sicht viel wichtiger Durchbruch: Der echte Mensch mit seinem echten Namen. Für mich persönlich hat dieser Schritt eine ganz besondere Magie, die in viele Richtungen wirkt. Auch auf mich. Und das ist gut so.</p>
<p>Bis dahin galt medientheoretisch die Urlaubsmetapher für den Sender einer Botschaft: Wenn du von deinem letzten Urlaub erzählst, dann erzählst du teilweise völlig anders, je nachdem, wem du erzählst – ob deinen Eltern, deinen Kollegen, den Nachbarn oder einem neuen Liebhaber. Du erzählst andere Dinge, erzählst die gleichen Dinge anders, betonst und gewichtest unterschiedlich. Du eröffnest viele verschiedene Erzählstränge über die selbst, die ausgerichtet sind an dem Bild, das du bei unterschiedlichen Beobachtern hinterlassen willst. Und daran ist nichts auszusetzen, genauso machen wir es auch weiterhin, aber ergänzt durch eine Welt, in der Empfänger in der Lage sind, viel vollständigere und tiefere Eindrücke von einem Sender zu bekommen, weil sie – zum Beispiel wenn sie Freunde auf Facebook sind – plötzlich auch an Erzählungen teilnehmen können, die für sie allein nicht zugänglich gewesen wären, weil der Sender in ihrer Gegenwart in einem anderen Erzählmodus war.</p>
<p>Der echte, große Unterschied zu früher dabei ist: Der Sender der vielen unterschiedlichen Geschichten über seinen Urlaub kann und wird weiterhin in verschiedenen Situationen verschiedene Berichte über seine Abenteuer abliefern. Aber weil es jetzt eine Identitätszentrale gibt, auf die im Zweifel alle seine Empfänger auch gleichzeitig zugreifen können, gibt es plötzlich den Zwang, dass diese Geschichten zueinander passen müssen. Auf Facebook postest du im Zweifel für deine Mutter und deinen besten Freund gleichzeitig, was eine Gesprächssituation ist, die irgendwann vor langer Zeit einmal unangenehm war, ist funktionierende Realität, weil wir kollektiv gelernt haben, was es heißt, eine konsistentere Botschaft zu senden. So ist zum Beispiel an die Stelle der Ängste, dass durch fahrlässig gepostete, peinliche Informationen in sozialen Netzwerken reihenweise keinen Job finden, weil ihre potenziellen Personalchefs sich über deren Partyfotos aufregen, eine Realität getreten, in der Jugendliche lernen, dass es einen fundamentalen Unterschied zwischen ihrer &#8220;offiziellen&#8221; und ihrer privaten Persönlichkeit nicht geben muss, besser nicht geben sollte. Und das &#8220;privat&#8221; in unserer Welt etwas anderes ist als eine Browsereinstellung oder ein Haken in einem Online-Formular. </p>
<p>Was also für hunderte Millionen junge und ältere Netznutzer auf der ganzen Welt simple Realität ist, mit der sich gut und komfortabel leben lässt, ist für das State Departement der USA offensichtlich eine Überraschung. Bis heute ist in den jüngst von <em>Wikileaks</em> veröffentlichten Dokumenten des US-Außenministeriums nichts aufgetaucht, das man nicht haargenau so dort vermuten musste, aber trotzdem finden sich die US-Diplomaten peinlich gefangen in der Differenz zwischen ihrer offiziellen Persönlichkeit und ihrer privaten. Sie haben ihre Geschichten einem Empfänger so erzählt, dass sie ein Bild von ihnen selbst zeichnet, von dem sie nicht wollten, dass andere Empfänger es von ihnen haben. In der Urlaubsmetapher ist es, als hätten sie am Esstisch ihrer Eltern so von ihrer Urlaubsaffäre erzählt, wie sie es eigentlich ihrem besten Freund erzählen wollten – mit allen schmutzigen Details.</p>
<p>Jede Empörung darüber, dass etwas öffentlich wird, zu dem offenbar zweieinhalb Millionen Menschen Zugang haben, entspricht in etwa einer Empörung darüber, dass jemand mitten in Hamburg mein nicht angeschlossenes Fahrrad klaut. Natürlich ist es verboten. Aber unter den vielen Millionen potenziellen Tätern wird sich immer einer finden, für den das gerade nur die zweite Priorität ist.</p>
<p>Wenn Staaten, die ihren Diplomaten eine ordentliche Arbeit ermöglichen wollen – was immerhin für das Zusammenleben auf diesem Planeten unerlässlich ist –, dann werden sie nicht nur lernen müssen, die neuen Regeln dafür, was privat ist, zu lernen. Es ist zwar heute möglich, 250.000 und mehr Dokumente sehr leicht und schnell zu vervielfältigen und zu veröffentlichen, und das mag eine neue Art von Bedrohung sein, aber die Botschaft aus dem Debakel ist doch eine andere: Kann es denn sein, dass ich zwar zweieinhalb Millionen staatliche Angestellte in meinem Land eine Einstellung über die Welt mitgebe, aber erwarte, dass die Welt sie nicht bemerkt?</p>
<p>Ich habe in den letzten Tagen immer wieder die Beschwerde gehört, amerikanische Diplomaten fürchteten nun, dass ihre Informanten nicht mehr mit ihnen sprechen würden, weil sie Angst haben müssten, ihre Einschätzungen und ggf. Indiskretionen würden öffentlich gemacht. Die Verantwortung dafür scheinen sie bei <em>Wikileaks</em> zu suchen. Ich halte das für abenteuerlich. Denn Tatsache ist wohl: Es spricht auf der einen Seite niemand mit Diplomaten einer fremden Macht, wenn er damit nicht irgendein Ziel verfolgt. Und es hätte auch bisher kaum einer geredet, wenn ihn sein Gesprächspartner wahrheitsgemäß angewiesen hätte: &#8220;Reden Sie einfach ganz offen, so als ständen Sie in einer Halle mit zweieinhalb Millionen Zuhörern.&#8221; </p>
<p>Ich habe eine Menge Zeug über die Veröffentlichung und über <em>Wikileaks</em> gelesen und gehört, bis hin zu den bizarren Vergleichen von der schrägen Wahl Dirk Niebel bei <em>Anne Will</em>, dann könnten ja auch hunderttausende Patientenakten mit medizinischen Geheimnissen veröffentlicht werden (Herr Niebel, ich weiß, dass Sie es gern hätten, aber der Staat ist kein Privatunternehmen, sondern er gehört uns. So traurig es für die FDP sein mag, aber der Staat ist verstaatlicht und ich sehe überhaupt nicht ein, warum er so selbstverständlich Geheimnisse vor seinem Volk hat). In einem Aufsatz in der <em>Welt</em> kam dann der Hinweis, dass eine Gesellschaft ohne Geheimnisse totalitär ist, was in die gleiche Leere geht, weil erstens ein Staat voller Geheimnisse genau so totalitär ist und es zweitens und vor allem eben genau in die andere Richtung geht, als hier behauptet wird: Nicht die Privatsphäre des Einzelnen gilt es zu durchbrechen, sondern die willkürlich behauptete Privatsphäre des Staates vor dem Einzelnen. </p>
<p>So, wie es die Bewahrer der alten Ordnung gerne hätten, wird es nicht bleiben. Bisher leben wir selbstverständlich damit, dass es irgendwo &#8220;eine Wahrheit&#8221; gibt, die wir nie erfahren (in den Dokumenten, hinter den Kulissen), eine &#8220;öffentliche Wahrheit&#8221;, nämlich das, was offen gesagt wird, das, was in der Zeitung steht – und unsere private Wahrheit, mit der wir leben und arbeiten. Es gibt also zum Beispiel einen Krieg in Afghanistan, es gibt das, was uns Politiker darüber erzählen und es gibt das, was wir über den Krieg zu wissen glauben. Und die drei Wahrheiten unterscheiden sich extrem. Ist das okay so?</p>
<p>Ich glaube, wir haben über Generationen damit leben gelernt. Aber es muss ja nicht so bleiben, wenn es besser werden kann. Wenn Staaten ihre innere und äußere Wahrheit einander annähern müssen, dann ist das ungewohnt, aber richtig.</p>
<p>Was bleibt, ist dass wir einen inkompetenten Außenminister haben und dass die Amerikaner unhöflich und tendenziell sogar arrogant sind, selbst als Diplomaten. Aber an wessen privater Sicht der Welt rüttelt den das?</p>
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		<title>Danke, dass Sie mich kritisieren</title>
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		<pubDate>Thu, 12 Aug 2010 17:54:03 +0000</pubDate>
		<dc:creator>mikis</dc:creator>
				<category><![CDATA[Erneuerte Medien]]></category>
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		<description><![CDATA[Journalisten gehören, das hören sie immer wieder, zu den am meisten verachteten Berufsgruppen überhaupt. Allerdings glauben sie das nicht. Insofern war das auch nie ein Anlass, etwas an ihrer Arbeit zu ändern. Dass selbst in den Online-Angeboten hoch respektierter Zeitungen in den Kommentarspalten oft rüde Kritik geübt wird, hat viele Kollegen in den letzten Jahren [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Journalisten gehören, das hören sie immer wieder, zu den am meisten verachteten Berufsgruppen überhaupt. Allerdings glauben sie das nicht. Insofern war das auch nie ein Anlass, etwas an ihrer Arbeit zu ändern. Dass selbst in den Online-Angeboten hoch respektierter Zeitungen in den Kommentarspalten oft rüde Kritik geübt wird, hat viele Kollegen in den letzten Jahren eher dazu verleitet, das Internet zu meiden oder Leser im Allgemeinen für nerviges Pack zu halten. Diskussionen zwischen Autoren vor allem von Print-Geschichten und ihren Lesern sind nach wie vor selten, und selbst Online-Redaktionen beachten die Kommentarspalten regelmäßig nicht. Nicht einmal Fehler, auf die in den Kommentarspalten hingewiesen wird, werden in Geschichten verbessert. Jede andere Branche, die derart ignorant mit ihren Kunden umginge, würde nicht nur untergehen, sondern auch noch von der Presse zerrissen. </p>
<p>Ich habe in den letzten Wochen eine Geschichte machen können, die in der Form ein Experiment war. Bei der (unglücklich betitelten) <a href="http://www.neon.de/alle/livereportage">&#8220;Livereportage&#8221;</a> konnten Leser die Entstehung der Geschichte verfolgen und bereits dort kritisieren. Und das haben sie getan. Bezeichnenderweise drehen sich danach sehr viele Gespräche, die ich führe, um diese Kritik. Ich werde manchmal fast schon bemitleidet. Und das ist, wenn man es genau betrachtet, bizarr: Das Sammeln von Erkenntnissen und Erfahrung ist das Ziel von Experimenten, die ergebnisoffen geführt werden, und umfangreiche Kritik ist wahrscheinlich der direkteste Weg, den wir dorthin haben können. Ein echtes Problem wäre zu wenig Kritik.</p>
<p>Ich glaube, dass unsere Einstellung zu Kritik, namentlich die oft fehlende Bereitschaft von Medienschaffenden, auf Kritik einzugehen und aus ihr zu lernen, doppelt schädlich ist. Zum einen verhindert sie, dass unsere Produkte besser werden, und zwar besser für die, die sie konsumieren. Und das sind die, die zählen. Zum zweiten wirkt die Einstellung aber auch noch arrogant — vielleicht auch deshalb, weil sie es oft genug einfach ist. In jedem Fall zementieret sie den Graben zwischen Konsumenten und Medienschaffenden, der wie ein Burggraben wirkt, hinter dem Journalisten und Verlage ihre schwindenden Pfründe verteidigen. Aber funktionieren wird das nicht ewig.</p>
<p>Anstatt ein Modell zu verteidigen, das dazu geführt hat, dass unser Beruf zu den meistverachteten der Republik gehört, lohnt es aus meiner Sicht, in die Offensive zu gehen und Modelle auszuprobieren, die es ermöglichen, die systemrelevante Dienstleistung Journalismus erfolgreich und einträglich zu erbringen. Denn Journalismus an sich ist in seiner Wertigkeit unumstritten. Aus der Kritik zum Beispiel an meiner Livereportage kann man auch lesen, dass dem Journalismus im Prinzip sogar gigantische ethische Prinzipien unterstellt werden. Die Vorstellungen davon, welche Kriterien der Qualitätssicherung Verlage haben, sind manchmal bizarr übertrieben. Der Glaube an bestimmte Medienmarken genauso. Nur eben das Vertrauen in einzelne Journalisten eben nicht. Was aus meiner Sicht bedeutet, dass der einzelne Journalist transparenter, öffentlicher, erreichbarer und kontrollierbarer werden muss. Die Antwort auf Kritik, auch unsachliche und sogar ausfällige Kritik kann nicht sein, sich der Kritik zu entziehen. Sie muss im Gegenteil dazu führen, dass wir uns erst recht der Kritik aussetzen, um sie durch unsere offene und kontrollierbare Arbeit zu entkräften. Das wäre ganz nebenbei auch die einzige Möglichkeit, den bisher oft nur behaupteten Qualitätsvorsprung von Profis gegenüber den User-Journalisten zu belegen, wenn es ihn denn tatsächlich gibt.</p>
<p>Kritik ist kein Problem, sondern im Gegenteil die größte Chance des Journalismus in der Übergangsphase, wie wir ihn erleben. Denn Kritik bedeutet auch, dass da Menschen engagiert sind in der Debatte, dass sie uns ihre in der Masse riesige Weisheit überlassen und von uns im Gegenzug zu ihrer Zeit und Energie nur eins verlangen: Respekt.</p>
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		<title>Die Live-Reportage</title>
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		<pubDate>Sun, 18 Jul 2010 10:05:28 +0000</pubDate>
		<dc:creator>mikis</dc:creator>
				<category><![CDATA[Erneuerte Medien]]></category>
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		<category><![CDATA[Mit Visionen beim Arzt]]></category>

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		<description><![CDATA[Vor ein paar Monaten, auf der Höhe der sogenannten Griechenlandkrise, als ich ein paarmal in verschiedenen Medien zu sehen, zu hören oder zu lesen war, war unter den Mails, die ich bekam, auch die einer Frau, deren Tochter vor drei Jahren in Athen unter bis heute nicht wirklich aufgeklärten Umständen gewaltsam ums Leben kam. Die [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Vor ein paar Monaten, auf der Höhe der sogenannten Griechenlandkrise, als ich ein paarmal in verschiedenen Medien zu sehen, zu hören oder zu lesen war, war unter den Mails, die ich bekam, auch die einer Frau, deren Tochter vor drei Jahren in Athen unter bis heute nicht wirklich aufgeklärten Umständen gewaltsam ums Leben kam. Die griechischen Behörden behandelten den Fall lange Zeit als Selbstmord, und die Mutter hatte erstens den Eindruck, es gäbe sehr viele Hinweise darauf, dass ihre Tochter sich nicht selbst das Leben genommen hat, und zweitens, dass die griechischen Behörden sich nicht ausreichend um die Aufklärung bemühten (und die deutschen Behörden sie nicht genug dahingehend unter Druck setzen). Die Mutter schrieb mir, weil sie sich seit drei Jahren an praktisch jeden wendet, der auch nur entfernt mit Griechenland zu tun hat. Sie nutzt, und sagt das auch genau so, jede Gelegenheit, um neue Bewegung in die Untersuchungen zu bringen. </p>
<p>Ich habe ihr freundlich geantwortet, wie leid mir das alles tut. Ich bin selbst Vater von zwei (allerdings noch sehr kleinen) Mädchen, und selbst wenn ich den Schmerz nicht einmal im Ansatz nachvollziehen kann, jagt allein die Vorstellung, ein Kind zu verlieren, kalte Schockstöße des Horrors meine Wirbelsäule hinab. Um ganz ehrlich zu sein, meine Grundstimmung war die: Ich habe unendliches Mitleid mit der Familie. Aber ich habe meine berufliche Laufbahn erstens als Polizeireporter begonnen und weiß, dass solche Albtraum-Erlebnisse die Urteilsfähigkeit schwächen können. Und ich weiß außerdem, dass es extrem unwahrscheinlich ist, dass griechische Behörden den Tod einer Deutschen in Athen nur nachlässig untersuchen. Ich bin in diesem Moment davon ausgegangen, dass die erschütterte Familie ganz einfach nicht wahrhaben will, dass ihre Tochter sich umgebracht hat. Und das fände ich total verständlich.</p>
<p>Allerdings habe ich die Energie der Mutter, Marion Waade, extrem unterschätzt. Sie schrieb mir noch einmal die Eckdaten des Falles rund um den Tod ihrer Tochter Susan (die zum Zeitpunkt ihres Todes knapp 27 Jahre alt war), wir haben telefoniert, und ich habe angeboten, mir zumindest einmal die Unterlagen anzusehen, auch um zu gucken, ob ich ihr mit meinem Bauerngriechisch irgendeine Unterstützung sein kann (mein Bauerngriechisch ist allerdings mit – teilweise handschriftlich verfassten – juristischen Unterlagen völlig überfordert). Und es ist ein Berg von Unterlagen – faul waren die Behörden jedenfalls nicht.</p>
<p>Dabei musste ich allerdings feststellen, dass eine ganze Reihe von Vorwürfen eine Grundlage haben. Das muss nicht heißen, dass sie stimmen, aber es gibt eine ganze Menge Fragen zu stellen. Nur als Beispiel, und um zu verdeutlichen, wo meine Überlegungen anfangen: Susan Waade soll sich erhängt haben, aber im Sitzen. Sie ist nach Ansicht der Polizei nicht von einem Hocker oder einer Kiste gesprungen, sondern hat sich sitzend so in die Schlinge eines aufgeknüpften Wollschals gelehnt, dass sie daran erstickte. Das ist technisch wohl möglich, aber es erscheint einigen Experten als unwahrscheinlich, zumal sie keine Betäubungsmittel genommen und wohl auch keinen Alkohol getrunken hatte. Es bleibt eine Frage zurück.</p>
<p>Und Fragen sind das, worauf Journalisten anspringen. Oder nicht?</p>
<p>Ich bin damals von Frau Waade weggefahren mit dem Versprechen, mir Gedanken zu machen. Und das habe ich getan. Und dabei stößt man sehr schnell auf ein Problem. Denn in Wahrheit springt der Journalismus längst nicht mehr auf Fragen an, sondern nur noch auf Antworten. Um diese Geschichte zu schreiben, würde ich mich entscheiden müssen und Partei ergreifen, denn wie soll man sonst als Autor diese Geschichte vorschlagen? Die Möglichkeiten sind in Wahrheit begrenzt: &#8220;Eine junge Frau wird ermordet und die Behörden schlampen bei den Ermittlungen – Skandal&#8221;? Oder als &#8220;Eine Berliner Familie glaubt, ihre Tochter ist ermordet worden und verlangt Aufklärung&#8221;, menschelnd, traurig, anklagend? Diese Geschichte hat es tatsächlich mehrfach gegeben, die Waades waren zum Beispiel bei <em>Stern TV</em>. Aber es ist eben nur die Hälfte der Geschichte. Warum, fragte ich mich, kann ich nicht die Geschichte vorschlagen: &#8220;Eine junge Frau kommt gewaltsam ums Leben, ob Mord oder Selbstmord weiß ich nicht, aber ich würde gerne darüber schreiben, ich würde gerne berichten, ohne dass Ende zu kennen&#8221;?</p>
<p>Es fällt für einen Freien wie mich schon schwer, mir eine Redaktion auszudenken, der man so etwas vorschlagen kann. Und das ist aus meiner Sicht ein Verlust für den Journalismus und den Beitrag, den Journalismus zu einer funktionierenden Gesellschaft beitragen kann. Es stellt die Reihenfolge auf den Kopf: Vor allem wir Freien müssten die echte Arbeit machen, bevor wir sie überhaupt für einen Auftrag vorschlagen können, die Recherche bis hin zur These vollendet haben, bevor wir Geld dafür verlangen können. Oder aber, und das ist es, was passiert: Wir müssen eine Geschichte vorschlagen, von der wir nicht sicher sein können, ob sie wahr ist – und stehen hinterher realistischerweise unter dem Druck, die recherchierten Fakten so zu beleuchten, dass wir für den Chefredakteur die Erwartung an die These befriedigen können – denn er hat mit der These seine Ausgabe geplant. Da läuft etwas falsch. Ich hatte also das Gefühl, da wäre eine Geschichte, die es sich zu erzählen lohnt, aber die Geschichte hatte eben kein Ende, keine These, keine echte Richtung. Diese Geschichte ist kompliziert, ausufernd, nicht klar zu greifen – genau so, wie das Leben eben ist. Aber der Journalismus nicht.</p>
<p>Ein paar Tage später bin ich mit der Idee aufgewacht, dass das vielleicht schon die Antwort ist. Warum erzählt man diese traurige Geschichte nicht ausufernd und kompliziert, warum gibt man nicht allen Lesern, die es interessiert, die Möglichkeit, sich ein Bild zu machen, ohne sich vorher zu entscheiden? Ohne es vorher in Rahmen zu pressen wie &#8220;Skandal&#8221; oder &#8220;menschliche Tragödie&#8221;? Warum berichtet man nicht das, was man herausfindet, während man es herausfindet, egal, wie wichtig oder nebensächlich das jetzt für irgendeine These ist? Das Internet gibt uns die Möglichkeit, warum probieren wir es nicht aus?</p>
<p>Ich habe Timm Klotzek von <em>Neon</em> zu einer unmöglichen Zeit am frühen Morgen eine SMS geschrieben, und er rief ein paar Minuten später zurück. Er mochte die Idee, aber er hatte auch Bedenken. Sie haben es sich bei <em>Neon</em> nicht leicht gemacht und den Vorschlag ein paar Wochen lang hin und her gewendet, denn natürlich hat diese Geschichte viele Anteile, die nach einer boulevardesken Crime-Story riechen, die eigentlich nicht zu <em>Neon</em> und <em>neon.de</em> passt. Umso mehr muss ich mich bei ihnen für das Vertrauen bedanken, dass ich es schaffen könnte, ohne eine billige, sensationsheischende Geschichte daraus zu machen, die <em>Neon</em> mehr schadet als nützt (und die ersten <a href="http://www.neon.de/kat/sehen/gesellschaft/justiz_und_verbrechen/314744.html">Kommentatoren auf neon.de </a>sind tatsächlich sehr, sehr kritisch deswegen – und das macht die Seite aus meiner Sicht zum besten denkbaren Ort dafür). </p>
<p>Ich habe das noch nie gemacht, ich kenne auch niemanden, der so etwas schon einmal gemacht hat, und dafür gibt es gute Gründe. Der beste ist: Es kann schiefgehen. Es ist ja nichts wirklich geplant. Es gibt kein Script. Und ich kann jeden gestandenen Reporter verstehen, der sich nicht dem Risiko aussetzen will, zehn Tage lang darüber zu berichten, dass er vor verschlossenen Türen steht und dass niemand mit ihm reden will. Aber die Wahrheit ist doch auch: So, wie es heute ist, wo wir nicht wissen, was Journalisten tun, bis sie es uns &#8220;herausgeben&#8221; – wo wir nicht überprüfen können, welche Informationen sie tatsächlich haben und wie sie sie interpretieren, stehen die Journalisten vielleicht gefühlt besser da, aber ihre Auftraggeber, die Leser, nicht unbedingt. </p>
<p>Wenn ich eine Geschichte darüber gemacht hätte, dass Susan Waade wahrscheinlich umgebracht wurde, hätte das eine schöne, respektierte Reportage werden können. Wenn ich eine Geschichte darüber gemacht hätte, dass Susan Waade sich wahrscheinlich selbst umgebracht hat, ihre Eltern es aber einfach nicht wahrhaben wollen, genauso. Und das, obwohl ich nicht weiß, welche Version stimmt, es vielleicht nie wissen werde und trotzdem der festen Überzeugung bin, dass dieses eine Geschichte ist, die es wert ist, erzählt zu werden. Und bei der sich die Leser ihre eigenen Gedanken machen werden, sollen und können. </p>
<p>Bei all dem muss allerdings eine Sache immer im Vordergrund stehen: Es geht um das Schicksal eines Menschen. Und das ist die eine Sache, die ich auf jeden Fall erzählen möchte: Die Geschichte von Susan Waade, einer eigensinnigen, freiheitsliebenden, manchmal starrköpfigen, großherzigen und abenteuerlustigen jungen Sängerin aus Berlin, die nichts mehr liebte als die Musik. Und das allein ist es mehr als wert.</p>
<p>Am 21. geht es los, und zwar hier: <a href="http://www.neon.de/alle/livereportage">www.neon.de/alle/livereportage</a></p>
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		<title>Du bist neue Medien</title>
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		<pubDate>Fri, 02 Jul 2010 06:29:37 +0000</pubDate>
		<dc:creator>mikis</dc:creator>
				<category><![CDATA[Erneuerte Medien]]></category>
		<category><![CDATA[Ideen]]></category>

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		<description><![CDATA[Mit Christian Wulff ist nur der zweitbeste Kandidat Bundespräsident geworden, zumindest, wenn man die Meinung der Bevölkerung zugrunde legt – aber was könnte man denn eigentlich sonst zugrunde legen? Irgendetwas muss es da geben, irgendeine Erklärung, an die sich viele der Wahlmänner und -frauen in der Kabine geklammert haben, als sie ein Kreuzchen da gesetzt [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Mit Christian Wulff ist nur der zweitbeste Kandidat Bundespräsident geworden, zumindest, wenn man die Meinung der Bevölkerung zugrunde legt – aber was könnte man denn eigentlich sonst zugrunde legen? Irgendetwas muss es da geben, irgendeine Erklärung, an die sich viele der Wahlmänner und -frauen in der Kabine geklammert haben, als sie ein Kreuzchen da gesetzt haben, wo sie wussten, dass es der Souverän – wir, das Volk – nicht haben wollte. Irgendwie müssen sie es sich innerlich schöngeredet haben, anders kann man ja sonst nicht mehr in den Spiegel schauen. Und erstaunlicherweise haben sie damit der Demokratie aus meiner Sicht einen Dienst erwiesen. Denn sie haben gezeigt, dass zwar die politische Klasse des Landes weitgehend vergessen zu haben scheint, was Politik eigentlich ist – aber wir nicht. Und dass das Desinteresse an den Winkelzügen dieser Klasse nicht Politikverdrossenheit ist, sondern Politikerverdrossenheit. Aber wer sagt denn eigentlich, dass wir diese Politiker überhaupt noch brauchen?</p>
<p>Politik ist am Ende nur die Kunst, möglichst große Einigkeit herzustellen. Und wir hatten eine weit gehende Einigkeit: Den Umfragen nach wollten plusminus zwei Drittel der Deutschen Joachim Gauck als nächsten Bundespräsidenten. Und das wiederum – und hier liegt der Knackpunkt – offenbar deshalb, weil sie sich von ihm versprochen hatten, er könne Einigkeit in Deutschland herstellen. Was, wenn man es richtig bedenkt, eine genau so schöne wie bizarre Vorstellung ist: In einem Amt, dessen ganze Gestaltungsmacht darauf beruht, dass man Reden hält, bedeutet die Fähigkeit, Einigkeit herzustellen, ja letztlich nur: Der Mann wäre nach unserer Ansicht in der Lage gewesen, die Dinge so in Worte zu fassen, dass wir festellen, dass wir uns in den meisten Fragen ohnehin einig sind. Genau wie in dem tiefen, berechtigten Glauben an die Macht des Mediums Wort für den Fall, dass wir es in wichtigen Fragen einmal doch nicht sind (auf die Frage, wie er zum Krieg in Afghanistan steht, sagte Gauck &#8220;ich ertrage ihn&#8221;. Das war für mich nicht nur das Schlaueste, was ich dazu gehört habe, sondern vielmehr meine eigene Haltung, für die ich noch keine Worte gefunden hatte. Das zu hören war für mich einen Moment lang wie nachhause kommen).</p>
<p>In der Welt der Politiker gelten beide Prinzipien in Wahrheit nichts. Im Gegenteil: Anstatt Einigkeit herzustellen, gilt es als karrierefördernd und unumgänglich, Unterschiede &#8220;zuspitzen&#8221; zu können. Und die Macht des Wortes ist der Fähigkeit gewichen, Zuspitzungen oder teflonartige Nichtpositionen in Soundbytes als Statements für die <em>Tagesschau</em> abzusondern. Es lässt sich ja nicht von der Hand weisen, dass die Wahrscheinlichkeit eher hoch ist, dass selbst aus Philipp Mißfelder im Sinne einer politischen Karriere &#8220;noch einmal irgendetwas wird&#8221;. Und das liegt nicht unwesentlich an dem, was Politiker als &#8220;die Gesetzmäßigkeiten der Medien&#8221; verstehen. Die allerdings ändern sich gerade für immer.</p>
<p>Die große, öffentliche und unaufhaltsame Kampagne ganz normaler Menschen, die gefragt und ungefragt ihre Präferenz für ein notorisch langweiliges Amt erklären, zeigt, dass Menschen ein Interesse daran haben, wer sie regiert. Die sinkenden Wahlbeteiligungen zeigen, dass sie allerdings nicht das Gefühl haben, durch Wahlen etwas zu verändern. Dass sich ausgerechnet bei einer Wahl, bei der das Volk gar nicht zur Urne gerufen wird, so viele Menschen emotional oder gar mit Briefen und Online-Kampagnen engagieren, liegt aus meiner Sicht an einer einfachen Tatsache: Durch die besondere Konstellation dieser Bundespräsidentenwahl sah es während eines begrenzten Zeitraumes so aus, als würden die ganz normalen Menschen mit ihren Wünschen tatsächlich gehört werden. Jemand, der seine Meinung irgendwo online veröffentlichte, konnte davon ausgehen, einen winzig kleinen Beitrag zum großen Meinungskanon beizusteuern. Aus denen, die im politischen Betrieb durch die &#8220;Gesetze der Medien&#8221; eigentlich als Empfänger der Botschaft vorgesehen sind, wurden zu Sendern ihrer eigenen. Das, und nur das, sind neue Medien.</p>
<p>Wie stark diese neuen Sender, wir alle, sind, wenn wir uns einer Sache einig sind, zeigt die Tatsache, dass die Anhänger der alten &#8220;Gesetze der Medien&#8221; genau das tun mussten, was sie am schlechtesten können, weil es in ihrem Gesetzbuch nicht vorkommt: zuhören. Die Macht der Worte hat sie zumindest dazu gezwungen. Und wenn wir das einmal schaffen, warum nicht immer wieder?</p>
<p>Ich glaube, dass sich letztlich alle Probleme der Medien darauf zurückführen lassen: Sie sollten ein Vehikel des Austauschs von Informationen zwischen Menschen sein. Aber Austausch hat zwei Richtungen, und das sehen die alten Gesetzmäßigkeiten bis heute nicht vor. Dabei brauchen wir nur auf die Qualität von Kommentaren unter Beiträgen im Internet nachzusehen, um das Gesetz der neuen Medien zu lernen: Wenn an dem einen Ende ein Mensch steht, der sich zu erkennen gibt, dann wird der am anderen Ende sich im Regelfall auch benehmen wie ein Mensch. Steht aber an dem einen Ende nur eine Institution, eine Funktion, eine gesichtslose Maschine, führen sich auch Kommentatoren in vielen Fällen in einer Art auf, die weit jenseits ihres alltäglichen Umgangs liegen dürfte. </p>
<p>Für Politiker gilt das neue Gesetz der Medien &#8211; der Zwang zum Zuhören &#8211; umso mehr, weil wir sie ja überhaupt nur als Medium der Übertragung unserer Wünsche, Lebens- und Gesellschaftsmodelle nach oben in ihre Position gewählt haben. Wer von ihnen, egal wie unbewusst, sich nur als Sender einer Botschaft zu uns versteht, als Institution, der wird es im Zeitalter der neuen Medien bald so unerträglich schwer haben wie die Medienhäuser, die nur in eine Richtung funktionieren &#8211; und sie werden möglicherweise nicht einmal wissen, was ihnen zugestoßen ist. </p>
<p>Aber wir wissen, was ihnen zugestoßen ist: wir. </p>
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		<title>Auf Kommentare antworten</title>
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		<pubDate>Mon, 21 Jun 2010 17:11:23 +0000</pubDate>
		<dc:creator>mikis</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Texte hat es vor &#8220;dem Internet&#8221; gegeben. Videos hat es vorher gegeben. Radiobeiträge auch. Und bei aller Freude an echt multimedialen Inhalten glaube ich persönlich, dass die journalistischen Möglichkeiten noch nicht im Ansatz so gut genutzt werden, wie sie es könnten. Man kann eine Weile darüber diskutieren, ob das Internet ein Medium ist (ich bin [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Texte hat es vor &#8220;dem Internet&#8221; gegeben. Videos hat es vorher gegeben. Radiobeiträge auch. Und bei aller Freude an echt multimedialen Inhalten glaube ich persönlich, dass die journalistischen Möglichkeiten noch nicht im Ansatz so gut genutzt werden, wie sie es könnten. Man kann eine Weile darüber diskutieren, ob das Internet ein Medium ist (ich bin der Überzeugung: nein, es ist ein Marktplatz), aber in jedem Fall bleibt meiner Meinung nach, dass das Netz dem Journalismus noch nicht besonders viel hinzugefügt hat. Wie denn auch, wenn sich die größten Häuser der Branche immer noch weit gehend darauf beschränken, entweder vorhandenen &#8220;Content&#8221; einfach online zu stellen, oder aber zusätzliche Inhalte zu Preisen zu produzieren, über die gestandene Journalisten lachen müssten, wenn es nicht so traurig wäre. Nein, aus meiner Sicht ist im Netz eigentlich nur eine Sache wirklich neu. Aber die ist so gut, dass sie allein alle Energie wert war, die in die Entwicklung von Online-Journalismus bisher geflossen ist. Es ist die Kommentarspalte.</p>
<p>Natürlich liebe ich die Tatsache, dass ich zu jeder Tages- und Nachtzeit in meinem bescheidenen Rahmen alles schreiben kann, was ich will. Und selbstverständlich mag ich lieber dafür gelobt werden, als kritisiert. Aber das hat an meinem Beruf relativ wenig geändert. Erst seitdem ich die Reaktionen auf das, was ich schreibe, als organischen Teil eines Textes betrachte, und das Antworten auf Kommentare als Teil der (in diesem Fall freiwilligen, unbezahlten, aber dennoch) Arbeit, hat sich tatsächlich etwas weiterentwickelt, das unbedingt weiterentwickelt werden musste. Der direkte Austausch mit Lesern, Kritikern, Gegnern und manchmal auch Spinnern hat meiner Meinung nach das Medium Geschriebenes Wort wieder zu einem echten Teil des öffentlichen Diskurses werden lassen, an dem mehr als ein paar Auserwählte teilnehmen. Und das ist wertvoll.</p>
<p>Aber es ist – darum darf man nicht herumreden – unendlich mühsam. Es gibt eine Menge Menschen, mit denen zu diskutieren anstrengend ist, die manche Dinge, die aus Sicht eines Autoren glasklar sind, nicht verstehen wollen oder können, was natürlich genauso gut daran liegen kann, dass sie nicht ganz so klar sind, wie der Autor sie sieht – aber früher hätte er das gar nicht gemerkt.</p>
<p>Das führt aus meiner Sicht nicht unbedingt dazu, dass Autoren durch das direktere Feedback besser werden. Manche sicher, viele nicht. Es hat einen viel direkteren Effekt, der offensichtlich schwer in Worte zu fassen ist, und der deshalb meist negativ umschrieben wird als der Faktor, der macht, dass &#8220;klassische Medienhäuser das Internet nicht verstehen&#8221;. Und der Satz ist, leider, sehr wahr. Die Kommentarspalte macht deutlich, warum.</p>
<p>Denn die nach unten offene und von überall zugängliche Kommentarspalte zeigt einen im Netz angebotenen Text als das, was er im Print nur unsichtbar war: Als Treffpunkt für eine Vielzahl von Menschen, die sich für Momente Gedanken um das selbe Thema machen. Eben als Knotenpunkt in einem Netz. Während Texte früher nur in eine Richtung abstrahlten, vom Sender zum Empfänger, wie es die klassischen Kommunikationswissenschaften lehren, strahlen die Gedanken heute in jede Richtung, vom Autoren zu Lesern, von Lesern zu Lesern und von Lesern zum Autor. Das Medium ist aus meiner Sicht nicht das Netz, aber das Netz ist der Marktplatz, auf dem das Medium Wort in unendlich viele Richtungen verteilt und zurückgespielt werden kann. Und das wirklich Lustige daran ist: Nur dann macht es wirklich einen Sinn. </p>
<p>Wir haben uns an die Phrase gewöhnt, dass der Buchdruck für die Aufklärung das entscheidende Medium war, aber in Wahrheit ändert das Medium an der Realität der Welt gar nichts. Veränderung gibt es erst, wenn zwei Menschen – in diesem Fall: zwei Aufgeklärte – sich miteinander verbinden, austauschen und so die neue Erkenntnis Realität werden lassen. Ein einzelner Aufgeklärter, der allein zuhause sitzt und liest, hat einen netten Abend. Zwei, die sich erkennen und feststellen, dass sie eine gemeinsame Überzeugung teilen, sind die Keimzelle der Entwicklung der Welt. </p>
<p>Der Sinn, Informationen auszutauschen, besteht darin, seinen Platz in der Welt zu finden, seine Umgebung zu verstehen und sich oder die Umgebung so anzupassen, dass ein Leben daraus wird. Einen Gedanken zu lesen, in zu verarbeiten und für sich selbst zu akzeptieren macht im Kopf des Lesers einen Unterschied. Aber nur da – in einem Paralleluniversum. Wenn Journalismus für sich in Anspruch nimmt, das Handwerk des Beschreibens der Welt zu sein, zum Zwecke der Befähigung der Menschen zum Umgang mit der Welt, dann ist der eigentliche Sinn nicht nur der, Menschen zu informieren. Die Menschen müssen sich über die Informationen erst austauschen, bis sie wirklich sinnvoll werden. Wir sind Stofflieferanten, aber damit Stoff etwas nützt, müssen die Menschen sich Kleider daraus nähen. Aber der Umgang der Häuser, die &#8220;das Internet nicht verstehen&#8221;, war eben bisher genau gegenteilig: Die Auseinandersetzung in den Kommentarspalten, die Diskussionen, das Kleidernähen aus dem Stoff Information, werden an vielen Stellen immer noch missachtet oder ganz ignoriert. Das ist einigermaßen dämlich. </p>
<p>Ich habe das schon einmal geschrieben, und ich werde mich daran messen lassen: Ich glaube, dass ein Stefan Niggemeier, der <a href="http://www.stefan-niggemeier.de/blog/ein-innerer-reichsparteitag/">einen Artikel schreibt und dafür 953 Kommentare bekommt</a> (bis selbst er ermattet die Kommentarspalte schließen muss), die bessere Medienmarke ist als eine, die 953 Artikel schreibt und dabei nur einen Kommentar bekommt, den sie wirklich liest, beachtet und der sie zum Reagieren verleitet. Und bessere Marke heißt: Den einen wird es in 20 Jahren noch geben. All die anderen nicht.</p>
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		<title>Linktipp (4)</title>
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		<pubDate>Wed, 09 Jun 2010 14:20:11 +0000</pubDate>
		<dc:creator>mikis</dc:creator>
				<category><![CDATA[Applaus]]></category>
		<category><![CDATA[Erneuerte Medien]]></category>

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		<description><![CDATA[Die Journalisten Christian Frey und Kai Schächtele sind auf eigene Faust (und auf eigene Rechnung) unterwegs von Kapstadt nach Johannesburg und werfen einen Blick hinter die Kulissen der WM. Darüber berichten sie auf ihrem Blog &#8220;Die WM – Ein Wintermärchen?&#8221;, unter anderem in großartigen Audio-Slideshows. Es ist großartig. Und hat, nebenbei, verdient, dass man die [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Die Journalisten Christian Frey und Kai Schächtele sind auf eigene Faust (und auf eigene Rechnung) unterwegs von Kapstadt nach Johannesburg und werfen einen Blick hinter die Kulissen der WM. Darüber berichten sie auf ihrem Blog <a href="http://www.wintermaerchen2010.com/">&#8220;Die WM – Ein Wintermärchen?&#8221;</a>, unter anderem in großartigen Audio-Slideshows. Es ist großartig. Und hat, nebenbei, verdient, dass man die beiden mit einer Spende unterstützt, damit sie die Kosten wieder rauskriegen (und hoffentlich noch ein bisschen mehr).</p>
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		<title>Vier Sätze für den Journalismus</title>
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		<pubDate>Wed, 02 Jun 2010 13:08:13 +0000</pubDate>
		<dc:creator>mikis</dc:creator>
				<category><![CDATA[Erneuerte Medien]]></category>

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		<description><![CDATA[Großmeister Dirk von Gehlen, Chefredakteur von jetzt.de, macht über seinen Blog eine Umfrage unter bloggenden Journalisten. Da fühle ich mich angesprochen. Auch deshalb, weil er mich darauf angesprochen hat. Und weil selbst ich nicht machen kann, dass der VfL Bochum ordentlichen Fußball spielt, finde ich, wenigstens bei dieser anderen Sache könnte ich mitmachen und vier [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Großmeister Dirk von Gehlen, Chefredakteur von <a href="http://www.jetzt.de">jetzt.de</a>, macht über <a href="http://www.dirkvongehlen.de/index.php/netz/vier-satze-fur-den-journalismus/">seinen Blog eine Umfrage</a> unter bloggenden Journalisten. Da fühle ich mich angesprochen. Auch deshalb, weil er mich darauf angesprochen hat. Und weil selbst ich nicht machen kann, dass der VfL Bochum ordentlichen Fußball spielt, finde ich, wenigstens bei dieser anderen Sache könnte ich mitmachen und vier Sätze vervollständigen. Hier sind die Sätze.</p>
<blockquote><p>Das sollte jeder Journalist heute lernen:</p>
<p>Nutzerbeteiligung macht den Journalismus besser, wenn …</p>
<p>In zehn Jahren werden wir uns darüber wundern, dass in der heutigen Debatte …</p>
<p>So könnte ein Geschäftsmodell für den Journalismus von morgen aussehen:</p></blockquote>
<p>Und das sind meine Antworten.</p>
<p><em>Das sollte jeder Journalist heute lernen:</em> Das Selbstbewusstsein, dass er ein lebenswichtiges Produkt herstellt. Und das Handwerk, es ordentlich zu machen.</p>
<p><em>Nutzerbeteiligung macht den Journalismus besser, wenn …</em> man es erkennen und damit leben kann, dass viele Nutzer schlauer sind als man selbst.</p>
<p><em>In zehn Jahren werden wir uns darüber wundern, dass in der heutigen Debatte …</em> die Unterscheidung zwischen analog und digital so eine große Rolle gespielt hat. Es geht um den Inhalt, nicht um die Form, in der er vorliegt.</p>
<p><em>So könnte ein Geschäftsmodell für den Journalismus von morgen aussehen:</em> Nachrichten werden mit einem Laser auf Bratwürste tätowiert, so dass man sie vor dem Essen lesen kann. Das ist aber, wie gesagt, nur ein Modell. Es wird noch eine Million andere geben.</p>
<div id="fb-root"></div><script src="http://connect.facebook.net/en_US/all.js#xfbml=1"></script><!-- Do not remove --> <p><a href="http://print-wuergt.de/?flattrss_redirect&amp;id=569&amp;md5=41c3269ed9230159b03972552439d10e" title="Flattr" target="_blank"><img src="http://print-wuergt.de/wp-content/plugins/flattr/img/flattr-badge-large.png" alt="flattr this!"/></a></p>]]></content:encoded>
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