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	<title>Print Würgt &#187; Mit Visionen beim Arzt</title>
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	<description>Michalis Pantelouris über das Drucken von Wörtern und Bildern auf Papier für Geld</description>
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		<title>Gutmenschen</title>
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		<pubDate>Fri, 29 Jul 2011 15:50:36 +0000</pubDate>
		<dc:creator>mikis</dc:creator>
				<category><![CDATA[Kundenkontakt]]></category>
		<category><![CDATA[Mit Visionen beim Arzt]]></category>

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		<description><![CDATA[Selbst in der über alle Maßen bewundernswerten Reaktion der norwegischen Öffentlichkeit auf den Massenmord vor einer Woche gibt es noch Dinge, die herausstechen. Angesichts der Katastrophe haben die Führer des Landes – allen voran Ministerpräsident Stoltenberg und Kronprinz Haakon – Worte und Haltung gefunden, die der ganzen Nation und darüber hinaus Menschen in der ganzen [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Selbst in der über alle Maßen bewundernswerten Reaktion der norwegischen Öffentlichkeit auf den Massenmord vor einer Woche gibt es noch Dinge, die herausstechen. Angesichts der Katastrophe haben die Führer des Landes – allen voran Ministerpräsident Stoltenberg und Kronprinz Haakon – Worte und Haltung gefunden, die der ganzen Nation und darüber hinaus Menschen in der ganzen Welt in dieser langen, dunklen Nacht der Seele Trost, Mut, Kraft und das Gefühl einer starken Gemeinschaft gegeben haben.</p>
<blockquote><p>Heute Abend sind die Straßen mit Liebe gefüllt. Wir wollen Grausamkeit mit Nähe beantworten. Wir wollen Hass mit Zusammenhalt beantworten. Wir wollen zeigen, wozu wir stehen. […]</p>
<p>Heute Abend sind die Straßen mit Liebe gefüllt. Wir stehen vor einer Wahl. Wir können das Geschehene nicht ungeschehen machen. Aber wir können uns entscheiden, was es mit uns als Gesellschaft und als Einzelnen macht. Wir können uns dafür entscheiden, dass niemand allein stehen muss. Wir können uns dafür entscheiden, zusammenzustehen.</p>
<p>Jeder Einzelne hat diese Entscheidung, Du hast sie und ich habe sie. Zusammen haben wir eine Aufgabe zu erfüllen. Diese Aufgabe steht an, wenn wir beim Abendessen zusammensitzen, in der Kantine, beim Vereinsleben, als Freiwillige, Männer und Frauen, auf dem Land und in der Stadt.</p>
<p>Wir wollen ein Norwegen in dem wir zusammenleben in einer Gemeinschaft, mit der Freiheit Meinungen zu haben und uns zu äußern. In der wir Unterschiede als Möglichkeiten sehen. In der Freiheit stärker ist als Angst. Heute Abend sind die Straßen mit Liebe gefüllt.</p></blockquote>
<p style="text-align: right;"><em>Kronprinz Haakon</em></p>
<p style="text-align: left;">
<p>Ich kann (und mag) mir niemanden vorstellen, der davon unbewegt bleibt. Aber natürlich wissen wir, wie sehr die Aufgabe verblassen wird mit jedem Tag Abstand von den Geschehnissen, so wie sie sicher blasser sind mit dem räumlichen Abstand vom Ort des Geschehens. Es werden Tage kommen, wo wir in Kantinen kaum zusammen sitzen mögen, geschweige denn zusammenstehen. Und ich kann mir sehr genau vorstellen, wie an einem solchen Tag ein erwachsener Mann genannt werden wird, der öffentlich von Liebe, Nähe und Zusammenhalt spricht. Es gibt in unserer Gesellschaft tatsächlich einen Kampfbegriff für jemanden, der ständig das will, von dem den meisten nur in Ausnahmesituationen bewusst wird, dass sie es eigentlich auch richtig finden.</p>
<p>Am Donnerstag vor dem Massenmord hätte man Haakon für dieselben Worte einen &#8220;Gutmenschen&#8221; genannt.</p>
<p>Es ist einer der schlimmsten Begriffe, die ich mir überhaupt vorstellen kann, weil er in Wahrheit die Tür zu einer ideologischen Gesamtladung aufstößt. Ich zitiere einigermaßen willkürlich ein winziges, unwichtiges Beispiel aus der bürgerlichen Presse, gerade um zu zeigen, wie weit es sich in die ganz normale Debatte gefressen hat: Am 1. Mai portraitierte Winand von Petersdorff in der <em>FAS</em> <a href="http://www.faz.net/artikel/C32552/muhammad-yunus-der-arme-bankier-30336021.html">den Friedensnobelpreisträger Muhammad Yunus</a> und bietet dabei eine erstaunliche Erklärung für dessen Erfolge. Yunus&#8217; Mikrokredite an die Ärmsten, um diesen einen Einstieg ins Geschäftsleben zu bieten, funktionierten zwar wahrscheinlich nicht, gefielen aber allen offenbar relevanten Gruppen, nämlich liberalen Ökonomen, Pragmatikern unter den Entwicklungshelfern, Linken und – natürlich – Gutmenschen.</p>
<p>Nun ist man wahrscheinlich selber schuld, wenn man sich wie ich überhaupt über einen Autoren ärgert, der Yunus in seinem Text mehrfach nur den &#8220;kleinen Bengalen&#8221; nennt, aber irgendwann reicht eben alles – und Petersdorff ist ja auch diesseits der Broders und ähnlicher Taschenwärmer-Reaktionäre nicht allein in seiner Verächtlichmachung von Menschen, die glauben, dass es Norwegen tatsächlich gibt. Denn das ist die Ideologie: Gutmenschen, lautet der immer implizierte Vorwurf, glauben an das Gute im Menschen, und das sei naiv. </p>
<p>Dass das Gegenteil des Vorwurfs richtig ist, dass nämlich eine Gesellschaft, die auf der permanenten Abwehr des Schlechten basiert nicht funktioniert, hat in letzter Zeit wohl niemand besser in Worte gefasst als Norwegens Premierminister Jens Stoltenberg.</p>
<blockquote><p>Inmitten dieser Tragödie bin ich stolz darauf, in einem Land zu leben, das es geschafft hat, in einem kritischen Moment aufrecht zu bleiben. Ich bin beeindruckt von der Würde, dem Mitgefühl und der Entschlossenheit die mir begegnet sind. Wir sind ein kleines Land, aber ein stolzes Volk.</p>
<p>Wir sind immer noch von dem, was passiert ist geschockt, aber wir werden nie unsere Werte aufgeben. Unsere Antwort ist mehr Demokratie, mehr Offenheit und mehr Menschlichkeit. Aber nie Naivität.</p></blockquote>
<p>Wenn es einmal ein Gutmenschen-Manifest geben sollte, dann sollten die letzten zwei Sätze seine Präambel werden, und wer immer ein Land zu führen hat, sollte seinen Eid darauf ablegen.</p>
<p>Mögen die Gutmenschen gewinnen.</p>
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		<title>Das Ende der Demütigungen</title>
		<link>http://print-wuergt.de/2011/02/24/das-ende-der-demutigungen/</link>
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		<pubDate>Thu, 24 Feb 2011 21:05:39 +0000</pubDate>
		<dc:creator>mikis</dc:creator>
				<category><![CDATA[Mit Visionen beim Arzt]]></category>

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		<description><![CDATA[Das hier wird schwierig. Ich habe in den letzten Wochen unendlich viel gelesen über die zwei aus meiner Sicht wichtigsten politischen Ereignisse in diesem Land, die Wahl in Hamburg und das Guttenberg-Drama, und ich habe das Gefühl, dass die wichtigste Erkenntnis aus beiden noch nirgendwo besprochen wurde. Was durchaus daran liegen kann, dass ich mit [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Das hier wird schwierig. Ich habe in den letzten Wochen unendlich viel gelesen über die zwei aus meiner Sicht wichtigsten politischen Ereignisse in diesem Land, die Wahl in Hamburg und das Guttenberg-Drama, und ich habe das Gefühl, dass die wichtigste Erkenntnis aus beiden noch nirgendwo besprochen wurde. Was durchaus daran liegen kann, dass ich mit meiner Einschätzung dessen, was daraus zu lernen ist, völlig allein stehe. Aber dann soll es halt so sein.</p>
<p>Es gibt eine einzige Erkenntnis, die mir gefällt an der Diskussion um den erschlichenen Doktortitel unseres Verteidigungsministers. Allerdings verstehe ich nicht, warum niemand in der Berliner Politik sie zu verstehen scheint – weder Regierung noch Opposition. Und ich glaube, dass sie sehr viel mit dem Hamburger Wahlergebnis zu tun hat. Aber auch hier wird sie nicht diskutiert, falls sie überhaupt erkannt wurde. </p>
<p>Fangen wir in Hamburg an: Seitdem Olaf Scholz die absolute Mehrheit in der Hamburger Bürgerschaft erreicht hat, fragen sich die politischen Beobachter in den Zeitungen des Landes, ob das &#8220;Modell Scholz&#8221; nicht auch für die Bundes-SPD Erfolg versprechend wäre, und Scholz-Modell meint in ihren Augen wirtschaftsnah, Schröder-Modell, Agenda-Modell. Also etwas, das einem großen, wenn nicht dem größten Teil der SPD-Mitglieder schlaflose Nächte bereitet. Denn sehr viele Sozialdemokraten hassen Hartz IV von ganzem Herzen. </p>
<p>Dabei scheint sich niemand mehr die Mühe zu machen, auch nur eine Minute darüber nachzudenken, was Hartz IV ist und bedeutet. Es ist ein Schlagwort. Am Ende streiten wir uns dann um fünf oder acht Euro, und jeder will gewonnen haben. Dabei ist es nicht schwer zu erkennen, worum es in der Hartz-IV-Diskussion wirklich gehen müsste, was der Kern-Fehler dieser Agenda ist und was es ist, das diese Reform so schwer erträglich macht – und warum es Olaf Scholz schafft, ganz offensichtlich darüber zu stehen. Hinweis: Es hat mit Wirtschaftsfreundlichkeit insofern nichts zu tun, als es noch nie einen sozialdemokratischen Regierungschef in diesem Land gab, der nicht wirtschaftsfreundlich gewesen wäre (der wirtschaftlich erfolgreichste Kanzler der bundesdeutschen Geschichte war Willy Brandt, nur nebenbei). Das ist eine absurde Scheindiskussion. Und die Menschenfeindlichkeit von Hartz IV liegt nicht in Regelsätzen. Sie lässt sich in einem Wort zusammenfassen: Demütigung.</p>
<p>Hartz IV demütigt. Schon die Drohung von Hartz IV, die ja tendenziell über jedem von uns schwebt, demütigt. Diese Reform hat den Kern dessen, was sie versprochen hat, nicht gehalten: Die Zusammenlegung von Sozialhilfeempfängern und so genannten Langzeitarbeitslosen war angeblich als Versprechen gedacht, niemals aufzuhören mit dem Versuch, Menschen wieder in Arbeit zu bringen. &#8220;Wir glauben an euch&#8221;, &#8220;wir lassen euch nicht hängen&#8221;, &#8220;wir sorgen dafür, dass ihr wieder auf die eignen Beine kommt&#8221; – das sollten die Versprechen sein, die mit Hartz IV verknüpft waren. Das Gegenteil ist eingetreten: Noch schneller als vorher waren Menschen abgeschrieben. Ein Jahr arbeitslos, schon in der Hölle, unabhängig von der Lebensleistung: Daran muss man in diesem Land nicht körperlich verhungern – aber die eigene Würde hängt als feuchter Lappen in einem ständigen, tröpfelnden Regen. </p>
<p>Wer Olaf Scholz&#8217; Wahlkampf verfolgt hat, wird in seiner Rhetorik genau wie in seinem Auftreten möglicherweise ein Muster bemerkt haben, das er selbst als hamburgspezifisch verkauft hat, was es aber nicht sein muss. Er erinnere sich an das Hamburg seiner Jugend als eine Stadt, in der es zwar reichere und ärmere Stadtteile gegeben habe, aber es habe in reicheren Stadtteilen auch immer Menschen gegeben, die nicht so viel hatten, und Menschen mit mehr Geld in den einfacheren Vierteln. Das Schlagwort war &#8220;Zusammenhalt&#8221;. Das Bild, das es in den Köpfen erzeugt, ist aber nicht nur eines von Zusammenhalt, es ist eines von menschlicher Wertschätzung über den materiellen Stand hinaus. Und das ist die beste Absicherung vor der größten Angst unserer Zeit: der Angst vor Demütigung. In diesem Land muss keiner verhungern. Wir werden nicht verfolgt, gefoltert oder umgebracht. Aber wir haben große und oft auch berechtigte Angst davor, gedemütigt zu werden, und viele von uns werden es in viel zu vielen Lebenssituationen. Das so genannte Geheimnis von Olaf Scholz ist, dass er dem Versprechen von &#8220;Ich werde Sie nicht hängen lassen&#8221; ein glaubwürdiges Gesicht gegeben hat (übrigens etwas, dass er zur Einführung der Agenda 2010, als er SPD-Generalsekretär war, nicht einmal ansatzweise geschafft hat. Der Mann ist schon unglaublich gewachsen). </p>
<p>Ohne Frage wäre das ein Modell für die Bundes-SPD, aber eben anders, als es in den Leitartikeln gemeint ist, und man sieht es nirgendwo besser als am Beispiel der Causa Guttenberg. Da verzweifelt die Opposition daran, dass es dem Volk laut Umfragen scheißegal zu sein scheint, dass ein Bundesminister gelogen und betrogen hat. Dabei muss man die Zahlen nur lesen, um zu sehen, dass es so eben nicht stimmt: Es gibt inzwischen viele Umfragen zum Thema, aber im Kern besagen sie nach meinem Verständnis einerseits, dass die Menschen Guttenbergs Arbeit positiv bewerten und ihn als Verteidigungsminister behalten wollen, sie andererseits aber seine Glaubwürdigkeit enorm beschädigt sehen. Und das ist kein Widerspruch. </p>
<p>Wenn man sich die Debatten und Forderungen nach dem Aufpoppen der (inzwischen zweifelsfrei nachgewiesenen) Plagiatsvorwürfe ansieht, dann komme ich auch als Guttenberg-Kritiker, auch als jemand, der meint, der Mann müsse selbstverständlich diesen Ministerstuhl räumen, nicht umhin festzustellen, dass es in den Vorwürfen nicht nur darum ging. Ich glaube, Guttenbergs vorsätzliche Täuschung ist einigermaßen widerlich und er muss zurücktreten. Mir blutet das Herz, wenn ich mir dagegen ansehe, wofür Brandt zurückgetreten ist. Wofür Engholm zurückgetreten ist. Wofür selbst der farblose Rudolf Seiters zurückgetreten ist. Aber die in extremer Schärfe vorgetragenen Vorwürfe der Opposition hatten zusätzlich zu ihrem aus meiner Sicht richtigen Inhalt auch die Funktion, den Minister zu Guttenberg zu demütigen – und das ist der psychologische Moment, in dem bei vielen im Volk der Vorhang gefallen ist. Von da an haben sie Fakten und Argumente ganz einfach nicht mehr gehört. Denn mit Demütigung kennen sie sich aus, und Guttenbergs großer Trumpf ist ja gerade, dass er im Meer &#8220;jener da oben&#8221; für viele eine Art projizierte Rankhilfe darstellt, an der man sich aus dem Sumpf der eigenen Existenz zu einer Art gefühlter Größe hochfantasieren kann. Das bedeutet ganz offensichtlich nicht, dass die Menschen so blöd sind, dass sie Guttenberg alles glauben. Es muss auch nicht bedeuten, dass sie ihm alles nachsehen. Aber es bedeutet in jedem Fall, dass sie nicht zulassen wollen, dass er – zumal öffentlich – der Demütigung preisgegeben wird. Und jene Oppositionspolitiker, die das versucht haben, haben trotz der richtigen, überzeugenden Argumente in diesem Punkt überrissen. Und so sehr ich auch finde, dass Guttenberg sich gefälligst ein paar Jahre zurückziehen, eine ordentliche Doktorarbeit schreiben und erst dann den nächsten Anlauf auf die Kanzlerschaft unternehmen sollte; selbst obwohl ich glaube, dass er der parlamentarischen Demokratie schadet, indem er sein Amt dieser schäbigen Lächerlichkeit preisgibt, freue ich mich über den Reflex, festzuhalten, dass in diesem Land gefälligst niemand zur öffentlichen Demütigung freigegeben wird. Ich wünschte nur, dieser Reflex würde öfter greifen (nicht zuletzt bei Guttenbergs fünfter Kolonne in der Bild-Redaktion).</p>
<p>Jetzt werde ich noch einen Trick in guttenbergscher Dialektik vorführen, indem ich das beste Argument gegen meine These als Argument für meine These benutze: das Dschungelcamp. Mit gigantischen Einschaltquoten werden dort Menschen ihrer Würde beraubt, vorgeführt und gedemütigt. Ich glaube aber tatsächlich, dass die Faszination dieser Sendung für viele Zuschauer darin besteht, mitzuerleben, wie diese Gestalten ihre öffentliche Demütigung überleben. Ich glaube, dass viel zu viele von uns täglich metaphorische Kakerlaken fressen, und es unterhalt- und sogar heilsam sein kann, zu erleben, wie selbstverständlich Menschen nach einer solchen Herabwürdigung trotzdem noch im Fernsehen auftreten und sich irgendwie okay finden. Die Dschungelcamper erleben ihre Demütigung stellvertretend für uns alle, das macht sie zu Stars. So wie Guttenberg seine Reue stellvertretend zur Schau trägt, und damit den &#8220;Jetzt muss aber auch mal gut sein&#8221;-Reflex auslöst. Für mich erklärt das einiges.</p>
<p>Allerdings wäre es trotzdem schön, wenn sich Regierungsarbeit und Trash-TV noch irgendwie unterscheiden ließen.</p>
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		<title>Eine Rede für Mappus</title>
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		<pubDate>Sun, 03 Oct 2010 10:23:36 +0000</pubDate>
		<dc:creator>mikis</dc:creator>
				<category><![CDATA[Mit Visionen beim Arzt]]></category>

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		<description><![CDATA[Weil Ministerpräsident Mappus offensichtlich die richtigen Worte nicht findet, dachte ich, ich bereite mal eine Rede vor, die ihn aus dem Loch befreit, das er sich gegraben hat. Daran soll es schließlich nicht liegen. Sehr geehrte Damen und Herren, Mitbürgerinnen und Mitbürger, Wählerinnen und Wähler, wir sind alle gemeinsam in einer unangenehmen Situation. Die Bauarbeiten [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><em>Weil Ministerpräsident Mappus offensichtlich die richtigen Worte nicht findet, dachte ich, ich bereite mal eine Rede vor, die ihn aus dem Loch befreit, das er sich gegraben hat. Daran soll es schließlich nicht liegen.</em></p>
<p>Sehr geehrte Damen und Herren, Mitbürgerinnen und Mitbürger, Wählerinnen und Wähler,</p>
<p>wir sind alle gemeinsam in einer unangenehmen Situation. Die Bauarbeiten zu dem Projekt Stuttgart 21 haben begonnen, und Sie wissen alle, dass ich an dieses Projekt glaube. Über einen Zeitraum von 16 Jahren haben wir durch alle parlamentarischen und gesetzgeberischen Instanzen alle Hürden aus dem Weg geräumt, die unsere Demokratie einem solchen Unternehmen setzt. Wir sind, rein juristisch betrachtet, im Recht, wenn wir dieses Projekt jetzt umsetzen.</p>
<p>Aber Demokratie ist mehr als nur die Einhaltung von Verfahren. Und nun finden wir uns in einer Situation, die es gar nicht geben sollte, wenn Demokratie funktioniert. Wir finden uns in einer Konfrontation, in der plötzlich unsere Polizisten aufgefordert sind, die Bürger, deren Wohlergehen zu schützen sie angetreten sind, zu vertreiben und zu verletzen. Wir finden uns in einer Situation wieder, in der Schüler und alte Damen mit Pfefferspray traktiert werden müssen, um das Projekt umzusetzen. Und das ist eine Situation, die wir als Demokraten nicht wollen und nicht hinnehmen können. Wenn es zu einer solchen Situation kommen kann, dann waren unsere demokratischen Verfahren eben nicht gut genug. Dann müssen wir es jetzt besser machen. Denn ich als Landesvater, als Demokrat und als Mensch sage Ihnen hier ganz offen: Das ist nicht Demokratie, wie ich sie mir vorstelle.</p>
<p>Deshalb habe ich zum Wohle unseres Landes einen Beschluss gefasst. Ich kann nur um das Verständnis aller werben, und Sie bitten, mir zu vertrauen, dass ich entsprechend meinem Amt nur das Beste für unser Land und seine Bürger im Blick habe. In diesem Geist habe ich beschlossen, die Bauarbeiten für den Moment auszusetzen, zumindest so lange, bis wir einen Weg gefunden haben, die Bürger dieses Landes zu hören und sie an den Prozessen so zu beteiligen, wie es einer offenen Bürgergesellschaft gebührt. </p>
<p>Verstehen Sie mich nicht falsch: Ich glaube daran, dass Stuttgart 21 richtig und wichtig ist. Aber der Geist unserer Verfassung gebietet es, dass wir für das, was wir für richtig halten, werben. Wenn es sein muss, dann auch über die Anforderungen der Gesetze und Verordnungen hinaus. Die vernünftigen Bürgerinnen und Bürger dieses Landes werden am Ende die Entscheidung treffen, die richtig ist für die Zukunft. Und es wird mir eine Ehre sein, sie dann umzusetzen.</p>
<p><em>Ich glaube, da ginge was. Ich fände es einen guten Weg. Selbst wenn es am Ende dazu führt, dass er nächstes Jahr die Landtagswahl gewinnt …</em></p>
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		<title>Die Live-Reportage</title>
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		<pubDate>Sun, 18 Jul 2010 10:05:28 +0000</pubDate>
		<dc:creator>mikis</dc:creator>
				<category><![CDATA[Erneuerte Medien]]></category>
		<category><![CDATA[Kundenkontakt]]></category>
		<category><![CDATA[Mit Visionen beim Arzt]]></category>

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		<description><![CDATA[Vor ein paar Monaten, auf der Höhe der sogenannten Griechenlandkrise, als ich ein paarmal in verschiedenen Medien zu sehen, zu hören oder zu lesen war, war unter den Mails, die ich bekam, auch die einer Frau, deren Tochter vor drei Jahren in Athen unter bis heute nicht wirklich aufgeklärten Umständen gewaltsam ums Leben kam. Die [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Vor ein paar Monaten, auf der Höhe der sogenannten Griechenlandkrise, als ich ein paarmal in verschiedenen Medien zu sehen, zu hören oder zu lesen war, war unter den Mails, die ich bekam, auch die einer Frau, deren Tochter vor drei Jahren in Athen unter bis heute nicht wirklich aufgeklärten Umständen gewaltsam ums Leben kam. Die griechischen Behörden behandelten den Fall lange Zeit als Selbstmord, und die Mutter hatte erstens den Eindruck, es gäbe sehr viele Hinweise darauf, dass ihre Tochter sich nicht selbst das Leben genommen hat, und zweitens, dass die griechischen Behörden sich nicht ausreichend um die Aufklärung bemühten (und die deutschen Behörden sie nicht genug dahingehend unter Druck setzen). Die Mutter schrieb mir, weil sie sich seit drei Jahren an praktisch jeden wendet, der auch nur entfernt mit Griechenland zu tun hat. Sie nutzt, und sagt das auch genau so, jede Gelegenheit, um neue Bewegung in die Untersuchungen zu bringen. </p>
<p>Ich habe ihr freundlich geantwortet, wie leid mir das alles tut. Ich bin selbst Vater von zwei (allerdings noch sehr kleinen) Mädchen, und selbst wenn ich den Schmerz nicht einmal im Ansatz nachvollziehen kann, jagt allein die Vorstellung, ein Kind zu verlieren, kalte Schockstöße des Horrors meine Wirbelsäule hinab. Um ganz ehrlich zu sein, meine Grundstimmung war die: Ich habe unendliches Mitleid mit der Familie. Aber ich habe meine berufliche Laufbahn erstens als Polizeireporter begonnen und weiß, dass solche Albtraum-Erlebnisse die Urteilsfähigkeit schwächen können. Und ich weiß außerdem, dass es extrem unwahrscheinlich ist, dass griechische Behörden den Tod einer Deutschen in Athen nur nachlässig untersuchen. Ich bin in diesem Moment davon ausgegangen, dass die erschütterte Familie ganz einfach nicht wahrhaben will, dass ihre Tochter sich umgebracht hat. Und das fände ich total verständlich.</p>
<p>Allerdings habe ich die Energie der Mutter, Marion Waade, extrem unterschätzt. Sie schrieb mir noch einmal die Eckdaten des Falles rund um den Tod ihrer Tochter Susan (die zum Zeitpunkt ihres Todes knapp 27 Jahre alt war), wir haben telefoniert, und ich habe angeboten, mir zumindest einmal die Unterlagen anzusehen, auch um zu gucken, ob ich ihr mit meinem Bauerngriechisch irgendeine Unterstützung sein kann (mein Bauerngriechisch ist allerdings mit – teilweise handschriftlich verfassten – juristischen Unterlagen völlig überfordert). Und es ist ein Berg von Unterlagen – faul waren die Behörden jedenfalls nicht.</p>
<p>Dabei musste ich allerdings feststellen, dass eine ganze Reihe von Vorwürfen eine Grundlage haben. Das muss nicht heißen, dass sie stimmen, aber es gibt eine ganze Menge Fragen zu stellen. Nur als Beispiel, und um zu verdeutlichen, wo meine Überlegungen anfangen: Susan Waade soll sich erhängt haben, aber im Sitzen. Sie ist nach Ansicht der Polizei nicht von einem Hocker oder einer Kiste gesprungen, sondern hat sich sitzend so in die Schlinge eines aufgeknüpften Wollschals gelehnt, dass sie daran erstickte. Das ist technisch wohl möglich, aber es erscheint einigen Experten als unwahrscheinlich, zumal sie keine Betäubungsmittel genommen und wohl auch keinen Alkohol getrunken hatte. Es bleibt eine Frage zurück.</p>
<p>Und Fragen sind das, worauf Journalisten anspringen. Oder nicht?</p>
<p>Ich bin damals von Frau Waade weggefahren mit dem Versprechen, mir Gedanken zu machen. Und das habe ich getan. Und dabei stößt man sehr schnell auf ein Problem. Denn in Wahrheit springt der Journalismus längst nicht mehr auf Fragen an, sondern nur noch auf Antworten. Um diese Geschichte zu schreiben, würde ich mich entscheiden müssen und Partei ergreifen, denn wie soll man sonst als Autor diese Geschichte vorschlagen? Die Möglichkeiten sind in Wahrheit begrenzt: &#8220;Eine junge Frau wird ermordet und die Behörden schlampen bei den Ermittlungen – Skandal&#8221;? Oder als &#8220;Eine Berliner Familie glaubt, ihre Tochter ist ermordet worden und verlangt Aufklärung&#8221;, menschelnd, traurig, anklagend? Diese Geschichte hat es tatsächlich mehrfach gegeben, die Waades waren zum Beispiel bei <em>Stern TV</em>. Aber es ist eben nur die Hälfte der Geschichte. Warum, fragte ich mich, kann ich nicht die Geschichte vorschlagen: &#8220;Eine junge Frau kommt gewaltsam ums Leben, ob Mord oder Selbstmord weiß ich nicht, aber ich würde gerne darüber schreiben, ich würde gerne berichten, ohne dass Ende zu kennen&#8221;?</p>
<p>Es fällt für einen Freien wie mich schon schwer, mir eine Redaktion auszudenken, der man so etwas vorschlagen kann. Und das ist aus meiner Sicht ein Verlust für den Journalismus und den Beitrag, den Journalismus zu einer funktionierenden Gesellschaft beitragen kann. Es stellt die Reihenfolge auf den Kopf: Vor allem wir Freien müssten die echte Arbeit machen, bevor wir sie überhaupt für einen Auftrag vorschlagen können, die Recherche bis hin zur These vollendet haben, bevor wir Geld dafür verlangen können. Oder aber, und das ist es, was passiert: Wir müssen eine Geschichte vorschlagen, von der wir nicht sicher sein können, ob sie wahr ist – und stehen hinterher realistischerweise unter dem Druck, die recherchierten Fakten so zu beleuchten, dass wir für den Chefredakteur die Erwartung an die These befriedigen können – denn er hat mit der These seine Ausgabe geplant. Da läuft etwas falsch. Ich hatte also das Gefühl, da wäre eine Geschichte, die es sich zu erzählen lohnt, aber die Geschichte hatte eben kein Ende, keine These, keine echte Richtung. Diese Geschichte ist kompliziert, ausufernd, nicht klar zu greifen – genau so, wie das Leben eben ist. Aber der Journalismus nicht.</p>
<p>Ein paar Tage später bin ich mit der Idee aufgewacht, dass das vielleicht schon die Antwort ist. Warum erzählt man diese traurige Geschichte nicht ausufernd und kompliziert, warum gibt man nicht allen Lesern, die es interessiert, die Möglichkeit, sich ein Bild zu machen, ohne sich vorher zu entscheiden? Ohne es vorher in Rahmen zu pressen wie &#8220;Skandal&#8221; oder &#8220;menschliche Tragödie&#8221;? Warum berichtet man nicht das, was man herausfindet, während man es herausfindet, egal, wie wichtig oder nebensächlich das jetzt für irgendeine These ist? Das Internet gibt uns die Möglichkeit, warum probieren wir es nicht aus?</p>
<p>Ich habe Timm Klotzek von <em>Neon</em> zu einer unmöglichen Zeit am frühen Morgen eine SMS geschrieben, und er rief ein paar Minuten später zurück. Er mochte die Idee, aber er hatte auch Bedenken. Sie haben es sich bei <em>Neon</em> nicht leicht gemacht und den Vorschlag ein paar Wochen lang hin und her gewendet, denn natürlich hat diese Geschichte viele Anteile, die nach einer boulevardesken Crime-Story riechen, die eigentlich nicht zu <em>Neon</em> und <em>neon.de</em> passt. Umso mehr muss ich mich bei ihnen für das Vertrauen bedanken, dass ich es schaffen könnte, ohne eine billige, sensationsheischende Geschichte daraus zu machen, die <em>Neon</em> mehr schadet als nützt (und die ersten <a href="http://www.neon.de/kat/sehen/gesellschaft/justiz_und_verbrechen/314744.html">Kommentatoren auf neon.de </a>sind tatsächlich sehr, sehr kritisch deswegen – und das macht die Seite aus meiner Sicht zum besten denkbaren Ort dafür). </p>
<p>Ich habe das noch nie gemacht, ich kenne auch niemanden, der so etwas schon einmal gemacht hat, und dafür gibt es gute Gründe. Der beste ist: Es kann schiefgehen. Es ist ja nichts wirklich geplant. Es gibt kein Script. Und ich kann jeden gestandenen Reporter verstehen, der sich nicht dem Risiko aussetzen will, zehn Tage lang darüber zu berichten, dass er vor verschlossenen Türen steht und dass niemand mit ihm reden will. Aber die Wahrheit ist doch auch: So, wie es heute ist, wo wir nicht wissen, was Journalisten tun, bis sie es uns &#8220;herausgeben&#8221; – wo wir nicht überprüfen können, welche Informationen sie tatsächlich haben und wie sie sie interpretieren, stehen die Journalisten vielleicht gefühlt besser da, aber ihre Auftraggeber, die Leser, nicht unbedingt. </p>
<p>Wenn ich eine Geschichte darüber gemacht hätte, dass Susan Waade wahrscheinlich umgebracht wurde, hätte das eine schöne, respektierte Reportage werden können. Wenn ich eine Geschichte darüber gemacht hätte, dass Susan Waade sich wahrscheinlich selbst umgebracht hat, ihre Eltern es aber einfach nicht wahrhaben wollen, genauso. Und das, obwohl ich nicht weiß, welche Version stimmt, es vielleicht nie wissen werde und trotzdem der festen Überzeugung bin, dass dieses eine Geschichte ist, die es wert ist, erzählt zu werden. Und bei der sich die Leser ihre eigenen Gedanken machen werden, sollen und können. </p>
<p>Bei all dem muss allerdings eine Sache immer im Vordergrund stehen: Es geht um das Schicksal eines Menschen. Und das ist die eine Sache, die ich auf jeden Fall erzählen möchte: Die Geschichte von Susan Waade, einer eigensinnigen, freiheitsliebenden, manchmal starrköpfigen, großherzigen und abenteuerlustigen jungen Sängerin aus Berlin, die nichts mehr liebte als die Musik. Und das allein ist es mehr als wert.</p>
<p>Am 21. geht es los, und zwar hier: <a href="http://www.neon.de/alle/livereportage">www.neon.de/alle/livereportage</a></p>
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		<title>Die Zukunft. Theoretisch.</title>
		<link>http://print-wuergt.de/2009/12/07/die-zukunft-theoretisch/</link>
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		<pubDate>Mon, 07 Dec 2009 14:28:22 +0000</pubDate>
		<dc:creator>mikis</dc:creator>
				<category><![CDATA[Erneuerte Medien]]></category>
		<category><![CDATA[Mit Visionen beim Arzt]]></category>

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		<description><![CDATA[Hinweis: Dank bodalgo.com, dem Online-Marktplatz für Sprecher, können Sie diesen Text jetzt auch hören, anstatt ihn selbst zu lesen. Weiter unten ist die Präsentation eingebunden, mit der die Sports Illustrated zeigt, wie sie sich ihre offenbar im nächsten Jahr erscheinende multimediale Ausgabe vorstellt – und sie ist großartig. Wolfgang Michal hat die Präsentation zum Anlass [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Hinweis: Dank <a href="http://www.bodalgo.com">bodalgo.com</a>, dem Online-Marktplatz für Sprecher, können Sie diesen Text jetzt auch hören, anstatt ihn selbst zu lesen.</p>
<p><a href="http://print-wuergt.de/audio/Die Zukunft. Theoretisch.mp3">Audio-Datei herunterladen (Die Zukunft. Theoretisch.mp3)</a></p>
<p>Weiter <a href="http://print-wuergt.de/2009/12/04/die-zukunft-der-zeitschrift/">unten</a> ist die Präsentation eingebunden, mit der die <em>Sports Illustrated</em> zeigt, wie sie sich ihre offenbar im nächsten Jahr erscheinende multimediale Ausgabe vorstellt – und sie ist großartig. Wolfgang Michal hat die Präsentation zum Anlass genommen, für das nächste Jahr endlich die Medienrevolution <a href="http://carta.info/19668/2010-das-jahr-der-medienrevolution/">in Aussicht zu stellen</a>. Ich wäre voll und ganz dafür.<br />
Allerdings habe ich nach gefühlten 50 Mal, die ich die Präsentation inzwischen gesehen habe, ein immer schlechteres Gefühl. Es stellt sich spätestens nach der ersten Minute im Video ein, wenn die Stimme des Chefredakteurs dazu auffordert, die Fotostrecke am Anfang der Ausgabe genau anzusehen: &#8220;Sie sind alle exklusiv in <em>Sports Illustrated,</em> jede Woche, und wir sind sehr stolz darauf.&#8221; Ich bin kein regelmäßiger Leser von <em>SI</em>, aber ich habe in meinem Leben einige Ausgaben gesehen. Wenn die ein Maßstab sind, dann ist der Stolz berechtigt. Es sind die besten Fotos der Woche. Jede Woche. Exklusiv. Welches deutsche Medium kann das für sich in Anspruch nehmen (Stefan Niggemeier weist im Gegenteil <a href="http://www.stefan-niggemeier.de/blog/die-ruegen-routine-journalismusfrei/">gerade wieder nach</a>, dass vor allem Online-Journalismus inzwischen sogar weitestgehend ohne eigene Recherche stattfindet)?<span id="more-262"></span><br />
Der gezeigte Tablet-PC, von dem ich annehme, dass Apple ihn zum nächsten Jahr am besten umsetzen wird, ist ein technischer Fortschritt, und ich könnte wetten, dass hinter seinen aufregenden Möglichkeiten mal wieder eine Diskussion in deutschen Verlagen unterbleibt, geschweige denn dass damit begonnen würde, ein Lösung zu erarbeiten: Kein deutscher Verlag hat für dieses neue Format irgendwelche nennenswerten Inhalte, geschweige denn exklusive Inhalte.<br />
Wöchentlich die besten Fotos zum Thema exklusiv? Klingt nicht nach <em>Sportbild</em>. Das klingt nicht einmal nach dem <em>Stern</em>. Vom <em>Spiegel</em> könnte man erwarten, dass dank der TV-Abteilung exklusiver Video-Content zur Verfügung steht, aber andererseits: Wenn es im Haus den Drang gäbe, multimediale Inhalte ästhetisch aufbereitet an den Leser zu bringen, dann hätte man es vielleicht schon irgendwann mal getan? Wäre <em>EinesTages</em> nicht der perfekte Ort dafür?<br />
Ich habe in vielen Häusern erlebt, das Technik als Lösung für Probleme missverstanden wird. Bei Online-Strategien gehen immer noch viele Menschen an entscheidenden Stellen in Verlagen davon aus, dass der User einfach das benutzt, das man ihm vorsetzt. Deshalb ist auf Webseiten von Verlagen meist ganz einfach alles drauf, was eben geht: Sie sind ein Magazin, eine Community, bieten Blogs und irgendwo eine Seite mit Video-Inhalten. Die Inhalte werden dann danach bestimmt, wofür Interesse im Anzeigenmarkt besteht. Und da jeder Artikel so lange online stehen kann, bis er die nötigen Anzeigenklicks generiert hat, scheint Masse immer noch ein vernünftiges System zu sein: Wenn ich eine Anzeige angeboten bekomme, die neben einem Gesundheitsthema stehen soll, dann lasse ich einen Gesundheitsartikel schreiben, stelle die Anzeige daneben und irgendwann hat der Anzeigenkunde genug Klicks gekriegt. So lange steht das halt da. Platz ist ja kein Problem mehr. Und jeder Inhalt interessiert irgendwann irgendwen.</p>
<p>Die Medienrevolution nach <em>Sports Illustrated</em> würde Magazin und Webseite zum ersten Mal gleichberechtigt zusammenführen, und das bedeutet, Platz wird wieder eine Rolle spielen, und damit plötzlich auch wieder die Qualität von Inhalt. Und dabei müssen wir feststellen, dass bei allem Gerede über Qualitätsjournalismus der qualitative multimediale Inhalt recht dünn gesät ist. Der aktuelle wöchentliche Journalismus wird das besonders zu spüren bekommen. Im Moment gibt es in den Verlagshäusern weder die Manpower, noch das Know-How, noch die Kreativität oder die exklusiven Inhalte um so etwas wie die <em>Sports Illustrated</em>-Ausgabe im Video zu produzieren. Wenn zum Beispiel das <a href="http://www.weltamsonntag.de">eMag der <em>Welt am Sonntag</em></a> ein Hinweis auf die multimediale Leistungsfähigkeit einer Redaktion sein kann, die wöchentlich einen aktuellen Titel produziert, dann bleibt nur eine Schlussfolgerung: Das reicht nicht. Es ist technisch vielleicht gefällig umgesetzt, aber inhaltlich ist da nichts, für das sich aufdrängen würde, das Magazin zu kaufen.<br />
Man muss das den Verlagen vorwerfen. Während sie sich intensiv darum kümmern, bizarre Erlösmodelle über <a href="http://print-wuergt.de/2009/10/21/das-leistungsschutzrecht-%E2%80%93-oder-wie-bastle-ich-mir-ein-gesetz/">Leistungsschutzrechte</a> einzufordern, kümmern sie sich nicht darum, die aufregendsten, schönsten und sinnvollsten Inhalte zu produzieren. Im Gegenteil: Selbst an den &#8220;alten&#8221;, gewohnten und erfolgreichen Inhalten wird gespart. Wenn etwas aufregendes ausprobiert wird, dann sicher nicht von einem der großen Verlagshäuser – was man auch den dort fest angestellten Kollegen vorwerfen muss.<br />
Das hat schon eine gewisse Kongruenz: Ein Leistungsschutzrecht für Verlage, durch das ja schon die bloße Existenz und Auffindbarkeit eines Artikels belohnt würde, fördert mit Sicherheit eher das Schaffen einer Masse von Artikeln als die Klasse der einzelnen Artikel. Dabei ist bereits heute kaum ein Leser bereit, für die Artikel, die er online liest, Geld zu bezahlen. Sollte irgendjemand glauben, das ändere sich deswegen, weil dieselben Inhalte auf einer anderen technischen Plattform – in diesem Fall einem Tablet-PC – angeboten werden, dann sollte er sich vielleicht noch einmal die Entwicklung der Medientechnik der letzten Jahre ansehen.<br />
Tatsächlich zeigt die technische Entwicklung für alle Medien in den letzten Jahren eine Richtung: Content is king. In Wahrheit ist die Qualität der Darstellung in allen Bereichen zunächst schlechter geworden: Von der Schallplatte zur CD zur MP3-Komprinierung hat Musik an Klang verloren, jüngere User sehen wenn überhaupt dann Fernseh-Sendungen klaglos über das Internet in teilweise schauriger Auflösung und die durchschnittliche Fotoqualität ist mit den Digitalkameras derart abgefallen, dass es von meinen Kindern wahrscheinlich kein einziges Bild gibt, auf dem sie auch nur einen Ansatzweise gesunden Hautton haben. Und die Qualität der Bilder, die wir zuhause machen, ist immernoch 1000 Mal höher als die des durchschnittlichen <em>Bild</em>-Leserreporter-Fotos. Allein die millionenfach gesehenen Youtube-Videos beweisen doch: Guter, interessanter Inhalt setzt sich (gemeinsam mit einfach nur lustigem) durch, unabhängig von der technischen Qualität. Aber genau wie ein schlechter Film nicht deshalb Erfolg haben wird, weil es ihn auf BluRay gibt, wird ein langweiliges Magazin nicht deshalb verkaufen, weil man es auf dem iTablet ansehen kann und die Seiten mit den Fingern weiter flippen.<br />
Leider ist überhaupt nicht abzusehen, dass irgendwo ein Umdenken eingesetzt hat, das dazu führen könnte, dass irgendein Haus rechtzeitig die Strukturen implementiert, um regelmäßig in der Lage zu sein multimediale Inhalte ordentlich anbieten zu können. Es gilt immer noch das als Erkenntnis verkaufte Missverständnis, dass &#8220;die Leute online keine langen Texte lesen&#8221; und deshalb das Internet, <a href="http://www.focus.de/kultur/medien/medien-substanz-zuzeln_aid_225642.html">frei nach Giovanni di Lorenzo</a>, kein &#8220;originär journalistisches Medium&#8221; sei. Es ist ein bisschen, als hätte ein Autofahrer seinen Schlüssel verloren, ihn stundenlang gesucht und nicht gefunden und würde nun behaupten, es gäbe einfach keine Autoschlüssel. Meiner Meinung nach ist es doch eher so: Wir haben den besten Online-Journalismus noch nicht erfunden. In Wahrheit noch nicht einmal den guten. Nach heutigem Stand klicken die meisten Leser immer noch lieber auf Umfragen und Rätselspiele als auf unsere Inhalte. Aber daran sind, fürchte ich, vor allem unsere Inhalte schuld.<br />
Wir kriegen möglicherweise durch die Tablet-Technik die Chance, es noch einmal zu versuchen und besser zu machen. Das ist großartig. Aber die Zeit, sich Gedanken darüber zu machen, was denn auf diesen Tablets eigentlich genau zu sehen sein soll, ist jetzt. Und das auch nur, weil wir &#8216;gestern&#8217; nicht mehr schaffen, denn das wäre noch besser gewesen.</p>
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		<title>Die Zukunft der Zeitschrift?</title>
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		<pubDate>Fri, 04 Dec 2009 11:05:27 +0000</pubDate>
		<dc:creator>mikis</dc:creator>
				<category><![CDATA[Allgemein]]></category>
		<category><![CDATA[Erneuerte Medien]]></category>
		<category><![CDATA[Ideen]]></category>
		<category><![CDATA[Konzepte]]></category>
		<category><![CDATA[Mit Visionen beim Arzt]]></category>

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		<description><![CDATA[Auch bei Sports Illustrated hat man sich Gedanken gemacht, wie eine Zeitschrift in Zeiten besserer Lesegeräte (und gemeint ist hier ein Tablet PC) aussehen könnte. Das Ergebnis sieht – zumindest in der Präsentation – aufregend aus. Dank an Troggi für den Hinweis PS. Der Kollege Michal analysiert die Entwicklung auf Carta. Teilen]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Auch bei <em>Sports Illustrated</em> hat man sich Gedanken gemacht, wie eine Zeitschrift in Zeiten besserer Lesegeräte (und gemeint ist hier ein Tablet PC) aussehen könnte. Das Ergebnis sieht – zumindest in der Präsentation – aufregend aus.</p>
<p><object width="448" height="272"><param name="movie" value="http://www.youtube.com/v/ntyXvLnxyXk&#038;hl=de_DE&#038;fs=1&#038;"></param><param name="allowFullScreen" value="true"></param><param name="allowscriptaccess" value="always"></param><embed src="http://www.youtube.com/v/ntyXvLnxyXk&#038;hl=de_DE&#038;fs=1&#038;" type="application/x-shockwave-flash" allowscriptaccess="always" allowfullscreen="true" width="448" height="272"></embed></object></p>
<p><em>Dank an Troggi für den Hinweis<br />
</em></p>
<p>PS. Der Kollege Michal <a href="http://carta.info/19668/2010-das-jahr-der-medienrevolution/">analysiert die Entwicklung</a> auf Carta.<br />
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		<title>Nummer Eins lebt</title>
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		<pubDate>Wed, 11 Nov 2009 13:10:31 +0000</pubDate>
		<dc:creator>mikis</dc:creator>
				<category><![CDATA[Kundenkontakt]]></category>
		<category><![CDATA[Mit Visionen beim Arzt]]></category>

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		<description><![CDATA[Eines der unwürdigsten Manöver der Massenmedien wird immer dann exerziert, wenn betretenes Schweigen in Worte zu fassen ist. Und der Fall eines Nationaltorhüters, der sich das Leben nimmt, bietet ganz offensichtlich die Gelegenheit, den Satz &#8220;Mir fehlen die Worte&#8221; hundertfach in jede Ausgabe jeder Tageszeitung zu drucken. Robert Enke ist tot, und das geht mir [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Eines der unwürdigsten Manöver der Massenmedien wird immer dann exerziert, wenn betretenes Schweigen in Worte zu fassen ist. Und der Fall eines Nationaltorhüters, der sich das Leben nimmt, bietet ganz offensichtlich die Gelegenheit, den Satz &#8220;Mir fehlen die Worte&#8221; hundertfach in jede Ausgabe jeder Tageszeitung zu drucken. Robert Enke ist tot, und das geht mir näher als ich es jemals hätte vorstellen können. Aber natürlich gibt es darüber eine unglaubliche Menge zu sagen. Denn Robert Enke war offensichtlich einer von vier Millionen Deutschen, die an Depressionen leiden. Und es würde vielen Betroffenen helfen, wenn diese Krankheit, die jedes Jahr 12000 Deutsche in den Suizid treibt, endlich ihr Stigma und ihr Mysterium verlieren würde.<span id="more-121"></span></p>
<p>Ich habe heute etwa tausendmal bescheuerte Fußballfans gesehen, die in irgendeine Kamera die hirnlose Frage gestellt haben: &#8220;Warum nur?&#8221; Und noch mehr Journalisten, die all diesen Scheiß abfragen und ihre dämlichen Geschichten so beenden: <em>Zurück bleibt die Frage und so weiter blabla</em>. Es kotzt mich an.</p>
<p>Wir wissen, warum. Es ist eine Krankheit. Man kann sie in den allermeisten Fällen behandeln, in fast jedem Fall kann man helfen und lindern, oder man muss wohl sagen: könnte – denn in der Realität sind Depressionen immer noch etwas, für das sich der Patient schämt – und sie sind trotz der riesigen Verbreitung so unbekannt, dass jeder zweite Fall vom Hausarzt nicht erkannt wird. Wir haben für die am weitesten verbreitete psychische Erkrankung in unserem Land einen unvorstellbaren Aufklärungsbedarf. Aber im Rahmen der real existierenden Medienwirklichkeit lesen wir stattdessen über die verdammte Schweinegrippe (die in meinen Augen nichts ist als eine Hysterie).</p>
<p>Ich bin dafür, das zu ändern. Deshalb fordere ich uns alle auf, unsere Energie von der Hysterie ein bisschen auf die Realität zu richten und uns mit einer Krankheit zu beschäftigen, an der so viele mitten zwischen uns bestialisch leiden, ohne dass sie sich trauen, darüber zu reden. Ich habe irgendwann damit angefangen,<a title="Burn-Out bei Neon" href="http://www.neon.de/artikel/wissen/job/am-boden-zerstoert/684918" target="_blank"> über meine Begegnung mit der Krankheit zu reden,</a> und ich werde das weiter tun.</p>
<p>Wir sollten dafür eine Initiative starten und den <a title="Email an den DFB" href="http://print-wuergt.de/2009/11/12/lasst-robert-enke-die-nummer-1-bei-der-wm/" target="_blank">DFB auffordern</a>, das Trikot mit der Nummer Eins in der Zeit bis nach der WM in Südafrika – die wohl Robert Enkes Karrierehöhepunkt geworden wäre – nicht zu vergeben, sondern ihn auf diese Art symbolisch im Kader zu behalten und damit zu zeigen, dass an Depressionen Erkrankte in die Mitte unserer Gesellschaft gehören. Ich fände das ein gutes und starkes Zeichen.</p>
<p>Wenn ich ein entspannteres Verhältnis zum Beten hätte dann gälten meine Gebete heute Robert Enkes Familie und der Lokführerin oder dem Lokführer, die seine Verzweiflungstat zum Werkzeug seines Todes gemacht hat.</p>
<p>Aber so, wie es ist kann ich nur sagen: Es ist kein sonderlich guter Tag.</p>
<p><em>PS. In einer früheren Version dieses Textes stand an einer Stelle &#8220;Freitod&#8221; anstelle von Suizid. Eine absurde Formulierung. Natürlich bringt sich ein schwer depressiver Mensch nicht freiwillig um. Danke an Jan für den Hinweis (in den Kommentaren).</em></p>
<p><em>PPS. Ich habe inzwischen eine Email mit meiner Bitte an den DFB geschickt und würde mich freuen, wenn viele von Euch das auch täten. Sie steht <a title="Email an den DFB" href="http://print-wuergt.de/2009/11/12/lasst-robert-enke-die-nummer-1-bei-der-wm/" target="_blank">hier</a>. </em></p>
<div id="fb-root"></div><script src="http://connect.facebook.net/en_US/all.js#xfbml=1"></script><!-- Do not remove --> <p><a href="http://print-wuergt.de/?flattrss_redirect&amp;id=121&amp;md5=55ae531d670780395d801af08dbb2a47" title="Flattr" target="_blank"><img src="http://print-wuergt.de/wp-content/plugins/flattr/img/flattr-badge-large.png" alt="flattr this!"/></a></p>]]></content:encoded>
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	</item>
		<item>
		<title>Das Duell: Steinmerkel vs. Vier ????</title>
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		<comments>http://print-wuergt.de/2009/09/14/das-duell-steinmerkel-vs-vier/#comments</comments>
		<pubDate>Mon, 14 Sep 2009 14:49:48 +0000</pubDate>
		<dc:creator>mikis</dc:creator>
				<category><![CDATA[Erneuerte Medien]]></category>
		<category><![CDATA[Mit Visionen beim Arzt]]></category>
		<category><![CDATA[Old School]]></category>
		<category><![CDATA[Wir sind so]]></category>

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		<description><![CDATA[Über das TV-Duell kann man vieles sagen, im weiteren Sinne sogar, dass es ein TV-Duell gewesen sei, wenn auch eher das des Steinmerkel gegen die Vier ????. Eines kann danach aber wohl niemand mehr behaupten: Spätestens nach diesem Abend wäre es absurd zu sagen, die Krise wäre vorbei oder das Land wenigstens auf dem Weg [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p align="left">Über das TV-Duell kann man vieles sagen, im weiteren Sinne sogar, dass es ein TV-Duell gewesen sei, wenn auch eher das des Steinmerkel gegen die Vier ????. Eines kann danach aber wohl niemand mehr behaupten: Spätestens nach diesem Abend wäre es absurd zu sagen, die Krise wäre vorbei oder das Land wenigstens auf dem Weg der Besserung.</p>
<p align="left"><span id="more-73"></span></p>
<p align="left">Da wurde ein ganzer Abend auf allen Sendern in verschiedensten Runden geredet, ohne dass irgendwem eine Antwort auf irgendetwas eingefallen wäre – oder auch nur eine Frage. Ich habe meinen griechischen Vater einmal vor ungefähr zwanzig Jahren dabei überrascht, wie er beim (gerade erfundenen) Zappen bei einer Volksmusiksendung hängenblieb und sich Heino ansah. Als er meinen schockierten Blick bemerkte sagte er nur: &#8220;Ethnologisches Interesse&#8221;. Und vielleicht hat ihm Heino damals einen Hinweis darauf geben können, worum es uns im Großen und Ganzen geht in Deutschland.</p>
<p align="left">&nbsp;</p>
<p align="left">Das Duell der beiden einzig realistischen Anwärter auf die wichtigste Position in der wichtigsten Institution des Landes gestern abend hat keinerlei derartige Aufschlüsse zugelassen. Bei den beiden nicht, bei den Fragern nicht, bei den Diskutanten danach bei Anne Will nicht. Wohin Deutschland steuert oder steuern will, das wissen wir nicht. Beides nicht. Und das ist nicht nur das Problem der Merkels und Steinmeiers, denn sie sind ausführende Instrumente. Aber diese Instrumente haben ganz offensichtlich keine verlässliche Verbindung mehr zu den Regierten, was zu einem großen Teil unser Problem ist, denn diese Verbindung sollten wir sein. Beide Kandidaten sind im Umgang mit dem Wahlvolk live sehr viel überzeugender als im Fernsehen. Manchmal sogar begeisternd. Wie kann es da sein, dass an dem Abend, an dem sie in (nach Fernsehmaßstäben) epischer Breite ihre Vision darlegen sollen, nichts als <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Diethylether" title="Diethylether" target="_blank">Äther</a> über den Äther kriegen?</p>
<p align="left">&nbsp;</p>
<p align="left">Danach saßen dann mehr oder weniger Berufene bei Will und schlingerten um die Frage herum, warum die, die man da sieht, einfach gar nichts mehr sind, sagen, bewegen? Weil sie, wie Jauch vermutet, selbst nicht mehr wissen wie es geht? Weil sie falsch inszeniert waren, wie Wowereit meint oder weil sie so sehr nichts zu inszenieren haben, dass Claus Peymann sich einen Berlusconi oder Sarkozy wünscht, weil die wenigstens mal auf den Tisch hauen? Oder hat vielleicht sogar Patricia Riekel recht, die … auch was gesagt hat?</p>
<p align="left">&nbsp;</p>
<p align="left">Es gab einen bizarren Moment, in dem Peymann plötzlich der Riekel recht gab, die irgendwie darauf hinweisen wollte, dass in einem Land etwas falsch läuft, wenn 50-Jährige Männer für ihre Zivilcourage in der S-Bahn erschlagen werden. Sie hat keine Worte dafür gefunden, was sie eigentlich meint. Irgendwas mit &#8220;menschlich&#8221;. Und Peymann hat erst recht keine Worte gefunden und deshalb irgendwas mit &#8220;Angst&#8221; gesagt. Das Thema war dann schnell erledigt, weil es irgendwie nichts mit der Kanzlerwahl zu tun hat. Dabei war es der einzige Moment des Abends, an dem für ein paar Sekunden so etwas wie Wahrhaftigkeit aufblitzte. Leider auf den Tisch gebracht von den zwei am wenigsten geeigneten Anwesenden, eine kluge Debatte im Fernsehen zu führen. Peymann ist kein Fernsehmann und Riekel ist … sagen wir: menschlich?</p>
<p align="left">&nbsp;</p>
<p align="left">Die Wahrheit ist: Merkel und Steinmeier sind die Kandidaten, die wir geformt haben. Sie sind perfekt, was man schon daran sehen kann, das es vier hoch dekorierten Journalisten live im Fernsehen nicht gelingt, sie anders als durch impertinentes Unterbrechen und quatschige Vergleiche mit Spielzeug-Enten auch nur Sekundenbruchteile aus der Ruhe zu bringen. Es war eine Bankrott-Erklärung unserer Zunft. Jetzt, am Ende einer langen Entwicklung hin zum Medien-Politiker, ist unsere Krise auf jeden Fall da: Die sind jetzt besser als wir. Eigentlich könnten wir jetzt einpacken, denn wir haben in diesem Spiel nichts mehr hinzuzufügen. Ob wir die noch interviewen oder nicht ist für dieses Land scheißegal – sie sagen was sie wollen wie sie es wollen, und zumindest die Vier ???? konnten es nicht ändern – und ich würde mich schwer tun, einen Kollegen zu benennen, der es vielleicht könnte. Ehrlicherweise müssen wir feststellen: Echte, entscheidende politische Momente finden sicher nicht mehr in unseren Medien statt. Der letzte Beweis ist spätestens mit diesem so genannten Duell erbracht.</p>
<p align="left">&nbsp;</p>
<p align="left">Das ist der Status Quo: Die Politiker, die uns regieren sollen, sind so unangreifbar wie unergründlich. Sie haben gelernt, die Medien zu füttern mit einer Art Politik-Ersatzstoff, der stopft und nicht aufstößt. Und wir haben das Zeug gefressen und gefressen. Jetzt beschweren wir uns, dass er keinen Nährwert hat, aber vorher haben wir uns jahrelang über jeden Inhalt aufgeregt, weil er manchmal schwer verdaulich war. Und wir haben verlernt, die Fragen zu stellen, die dazu führen könnten, dass jemand zumindest zwischendurch einmal etwas auf den Tisch bringt, das wenigstens ein bisschen bissfest ist. Und das – für mich – Schlimmste ist: Wir haben nicht einmal mehr Worte für das, was uns fehlt. Etwas &#8220;menschliches&#8221;? Etwas gegen &#8220;die Angst&#8221;? Mehr Obama? Weniger Verwaltung und mehr … Führung? Aber Führung wohin?</p>
<p align="left">&nbsp;</p>
<p align="left">Deutschland hat sein Ziel verloren, und wir haben unseren Teil dazu beigetragen, und es war ein ordentlicher Teil. Denn wir haben einen großen, wichtigen Teil der richtigen Fragen verdrängt und versteckt, weil wir uns nicht getraut haben, uns ihnen zu stellen.</p>
<p align="left">&nbsp;</p>
<p align="left">Die Worte, nach denen Riekel und Peymann gesucht haben, sind: spirituelle Führung. Sie klingen unangenehm, pompös, verdächtig und fremd wenn wir sie sagen, weil sie im Deutschen eine esoterische Dimension haben, die über die eigentliche Bedeutung hinausgeht, aber sie beschreiben exakt den Unterschied zwischen einem Obama und einem Steinmerkel. Es klingt nicht einmal komisch, wenn Obama darüber spricht. Die Worte beschreiben auch den Unterschied zwischen einem Steinmerkel und Willy Brandt, Helmut Schmidt und sogar Helmut Kohl. Merkwürdig ist: Ich bin mir relativ sicher, dass das Steinmerkel eine übergeordnete, geistig-moralische Empfindung dafür hat, wohin es das Land führen will (nicht hundertprozentig sicher, aber doch 51-prozentig). Aber es kommt nicht darauf, darüber zu sprechen. Zum Teil auch deswegen, weil wir nicht danach fragen.</p>
<p align="left">&nbsp;</p>
<p align="left">Wir tun sogar das Gegenteil: Als Steinmeier im TV-Duell für einen Moment so etwas wie eine Emotion zeigte, die man mit Überzeugung hätte verwechseln können, fragte ihn Plasberg mit einem findigen Lächeln, ob wir jetzt gesehen hätten, wie ein Steinmeier die SPD-Stammwähler mobilisiert. In Wahrheit ist unser Misstrauen Politikern gegenüber so groß, dass wir ihnen schon ihren Machtanspruch übel nehmen. Wer bei uns gewählt werden will, ist dadurch automatisch suspekt.</p>
<p align="left">&nbsp;</p>
<p align="left">Als gäbe es an diesem Land nichts, was man gerne regieren wollen könnte.</p>
<p align="left">&nbsp;</p>
<p align="left">Ich erinnere mich an zwei Momente – das Sommermärchen 2006 und an den Zusammenhalt nach der Oder-Flut – in denen die Politiker beschworen, dieses Gefühl nicht zu vergessen, und die Energie, die sichtbar wurde, über das Ereignis hinaus zu retten. Es ist uns nicht gelungen: Den Politikern nicht, den Medien nicht, den Menschen nicht. Vielleicht auch, weil uns die Worte fehlten, es zu beschreiben.</p>
<p align="left">&nbsp;</p>
<p align="left">Ich habe mit noch einmal das <a href="http://www.youtube.com/watch?v=2fZHou18Cdk" title="Yes, we can" target="_blank">&#8220;Yes, we can&#8221;-Video</a> von Will.i.am mit der Obama-Rede angesehen, und ich bin immer noch bewegt, wenn ich es sehe. Tatsache ist: Wir haben viele der Probleme nicht, um die es in dieser Rede ging. Aber wir verstehen sie trotzdem, weil wir natürlich viele Werte, Ziele und Hoffnungen mit den Amis teilen. Nur schaffen sie es, ihre Ziele und Hoffnungen zu formulieren, bis hin zum &#8220;Streben nach Glück&#8221; in der Verfassung, und wir nicht. So richtig schlecht sind wir auch nicht: &#8220;Jeder hat das Recht auf die freie Entfaltung seiner Persönlichkeit&#8221; steht bei uns in Artikel 2, aber wir sprechen ansonsten ungern darüber. Nur, um das noch einmal klar zu sagen: Die freie Entfaltung der Persönlichkeit ist nicht nur ein Grundrecht, es ist der Grund, warum wir alles andere tun. Wir haben eine Wirtschaft, damit wir leben und uns entfalten können. Nicht anders herum. Aber anstatt darüber zu reden, was denn unsere Gemeinsamkeiten dabei sind, warum es für so viele von uns immer noch erstrebenswert scheint, sich in diesem Land zu entfalten statt irgendwo anders, lassen wir nicht einmal bei unseren Kanzlerkandidaten Entfaltung zu. Wir reduzieren sie auf Machtmaschinen, die alles sagen, so lange sie da oben bleiben dürfen. Wollen wir das wirklich? Ist das unser Land? Soll es das sein?</p>
<p align="left">&nbsp;</p>
<p align="left">Ich glaube, wir haben unter all den Alltagssorgen, unter all den Geldproblemen und Ängsten vergessen, dass unser Leben nicht erst beginnt, wenn &#8220;die Krise&#8221; überwunden sein sollte. Wir haben in der täglichen Arbeit als Journalisten ein Stadium von Abgewichstheit erreicht, das zwischen uns und den Fragen steht, die wirklich wichtig sind. Und dadurch schießen wir uns selbst ins Knie, denn unter all dem unverständlichen Brabbeln und Stottern haben in diesem Fall ausgerechnet die Riekel und der Peymann recht: Die Menschen sind nicht abgewichst und sie nehmen das Ganze nicht als Inszenierung wahr – zumindest nicht freiwillig – sondern mit Hoffnungen und Ängsten. Sie würden gerne die echten Menschen mit ihren echten Überzeugungen sehen, die sich um die Kanzlerschaft bewerben. Und wenn wir ihnen die nicht zeigen können, obwohl wir sie im Studio vor uns stehen haben, dann ist etwas ganz grundlegend falsch gelaufen – und da ist nicht das Steinmerkel dran schuld. Denn das hat ganz fehlerfrei getan, worauf wir es dressiert haben.</p>
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		<title>Wie begeistert man Print-Journalisten für &#8220;Online&#8221;?</title>
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		<pubDate>Wed, 09 Sep 2009 17:56:00 +0000</pubDate>
		<dc:creator>mikis</dc:creator>
				<category><![CDATA[Erneuerte Medien]]></category>
		<category><![CDATA[Mit Visionen beim Arzt]]></category>

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		<description><![CDATA[Vor gut zehn Jahren war der junge Fußballer Lars Ricken ungefähr zehnmal das, was Mesut Özil gerne werden würde. Er hatte mit dem spielentscheidenden Tor für Borussia Dortmund im Champions-League-Finale das Tor des Jahres 1997 geschossen und hatte eine gigantische Zukunft vor sich. Zu dieser Zeit drehte er einen Werbespot für seinen Ausrüster Nike, in [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p align="left">Vor gut zehn Jahren war der junge Fußballer Lars Ricken ungefähr zehnmal das, was Mesut Özil gerne werden würde. Er hatte mit dem spielentscheidenden Tor für Borussia Dortmund im Champions-League-Finale das Tor des Jahres 1997 geschossen und hatte eine gigantische Zukunft vor sich. Zu dieser Zeit drehte er einen Werbespot für seinen Ausrüster Nike, in dem es um die alten Helden im Fußball ging, um die Großen, die Ricken nun im Voice-Over herausforderte. Ich habe den Spot online nicht gefunden, deshalb zitiere ich den zentralen Satz aus dem Kopf. Ricken sagte etwas wie: &#8220;Voller Respekt sage ich: Kommt nicht zwischen mich und den Ball!&#8221;</p>
<p align="left">Er konnte nie an seine ersten großen Erfolge anknüpfen und galt bald als ewiges Talent. Aber der große Sieg und das unfassbare Tor bleiben.</p>
<p align="left">Mich erinnert die Situation um das <a href="http://www.internet-manifest.de/" target="_blank" title="Internet-Manifest">Internet-Manifest</a> ein bisschen an Rickens Nike-Spot: Eine Gruppe der vielleicht besten deutschen Onliner stellt sich mit breiter Brust (und aus meiner Sicht ungefragt) aufs Spielfeld und sagt &#8220;kommt nicht zwischen uns und den Ball.&#8221; Sie glauben erklärterweise, wie das Spiel gespielt werden muss, und der Tonfall des Dokumentes strahlt nicht nur zwischen den Zeilen, sondern geradezu zwischen allen Zeichen aus, dass sie überzeugt davon sind, dass sie es selbst können. Ich habe schon deutlich gemacht, dass mir das unangenehm ist, und das es mir ungleich leichter gefallen wäre, diesen Text zu akzeptieren, wenn die Verfasser selbst schon spielentscheidende Tore geschossen hätten. Auch aus diesem Grund halte ich das Manifest für missraten, aber es ist zu einfach, Dinge einfach schlecht zu machen. Deshalb will ich versuchen zu erklären, was meiner Meinung nach heute sinnvoller gewesen wäre als der Text. Und während ich das sage, muss ich auch gleich auf einen echten Fehler in meiner Argumentation gegen das Manifest hinweisen: Diejenigen Kollegen, die tatsächlich schon spielentscheidende Tore geschossen haben, haben sich bisher nicht aufgerafft, eine Meinung zu den Möglichkeiten des Journalismus im Internet zu formulieren. Und das wird von vielen Kollegen offensichtlich als Lücke empfunden. Mir ging es nicht so, deshalb habe ich den Gedanken erst von (Manifest-Mitverfasser) Wolfgang Michal übernommen. Da hätte ich selbst drauf kommen können und sollen.</p>
<p align="left">Aber, wie gesagt, meine Gedanken gehen in eine andere Richtung: Wenn das Internet so viele Möglichkeiten bietet und so toll ist, wie ich glaube, warum gelingt es uns nur so mühsam, Kollegen davon zu überzeugen? Das muss etwas bedeuten, aber was?</p>
<p align="left"><span id="more-70"></span> Als der Sportreporter Christoph Biermann von der <em>Süddeutschen Zeitung</em> zum <em>Spiegel</em> gewechselt ist, war das allen Mediendiensten eine große Geschichte wert, denn erstens ist Biermann ein hoch dekorierter, großartiger Fußballfachmann, der die komplizierten taktischen Abläufe auf dem Platz außergwöhnlich gut analysieren und erklären kann, aber zweitens – und vor allem – wechselte er von der <em>SZ</em> nicht zum gedruckten <em>Spiegel</em>, sondern zu <em>Spiegel Online</em>. Es war der erste freiwillige, hochkarätige Wechsel eines Autoren von Print zu digital, an den ich mich erinnern kann. Und es blieb – zumindest in meinem Bewusstsein, ohne jemandem Unrecht tun zu wollen – der einzige. Die Dämme sind nicht gebrochen. Das Beispiel hat nicht Schule gemacht. Für die meisten Autoren bleibt online die zweite Wahl.</p>
<p align="left">Das ist nicht unverständlich: Noch immer ist das Internet neu. Noch immer gibt es keine journalistische Marke, deren Strahlkraft online an die des gedruckten Titels oder der Fernsehsendung heranreicht. Und natürlich wird im Regelfall für Texte, die nur online erscheinen, weit weniger gezahlt als für Autorentexte in Magazinen. Eine reine, journalistische Online-Medienmarke für Autoren gibt es nur als selbstfinanzierten Zusammenschluss von Autoren, aber so weit ich es weiß nicht als abend- und kontofüllenden Arbeitgeber. Es kann also keine Überraschung sein, dass Autoren und Reporter nicht in Scharen zu Online-Medien wechseln. Was mich aber erstaunt ist, wie zaghaft angestellte Print-Journalisten offenbar nur bereit sind, zu den Online-Ablegern ihrer eigenen Häuser beizutragen. Das kann nicht nur Faulheit sein, es liegt auch an der Geringschätzung des neuen Mediums (bzw. Vertriebsweges. Das Internet an sich ist ja kein Medium).</p>
<p align="left">Zum Teil liegt es an Kinderkrankheiten: Online war lange nur eine Abwurfstelle für ohnehin vorhandene Printtexte, die dann auf den Rankings gegen die Titten-Galerien verloren. Online-Redaktionen waren das, wohin man ungewünschte Redaktionsmitglieder abschob, die zu feuern zu teuer gewesen wäre. Und anstatt Journalismus zu machen, saßen die Online-Redakteure oft genug da und haben sich Quiz-Fragen ausgedacht, weil Quizze mehr Klicks bringen als Texte und weniger kosten als Tittenfotos. Vielen Journalisten kam es vor, als würde an das Sterne-Restaurant, in dem sie arbeiten, noch eine Pommesbude angebaut. Nur das die Pommesbude kein Geld verdiente und deshalb im Restaurant gespart werden musste. Und der Gestank des Fast Food von nebenan färbte auf die eigenen Räume ab. Online schien eher zu schaden als zu nützen. Tatsächlich waren die Kollegen von <em>Spiegel Online</em> die einzigen, die es rechtzeitig angefangen und es konsequent durchgezogen haben. Dass nun offenbar ihre Zeit als Klickführer vorbei ist tut mir deshalb richtiggehend leid.</p>
<p align="left">Auch das tut mir leid: Der historisierende Abschnitt ghet noch einen kleinen Tick weiter, die nächste Stufe der Entwicklung war nämlich, die Print-Redakteure von Magazinen &#8220;einzubeziehen&#8221;, was bedeutete, plötzlich sollten sie sich nicht nur zusätzliche Gedanken machen, wie ein Thema, das sie bearbeiteten, &#8220;online weitergespielt&#8221; werden kann – sie sollten am besten zu jedem Interview, dass sie führen, eine Videokamera mitnehmen und einen Film mit nach Hause bringen. Was bedeutet, dass gestandene Redakteure und Reporter plötzlich statt der noblen, geschliffenen Werke, die sie zu schaffen gewohnt waren, plötzlich die Autorenschaft über rohe, amateurhafte, zittrige und nichtssagende Filmchen innehatten. Das Netz brachte nicht nur zusätzliche Arbeit, sondern solche Arbeit, die vielen zurecht peinlich war. Seien wir ehrlich: Die Webseiten vieler Magazine waren (und sind teilweise auch heute noch) voll mit billigem Dreck. Seiten voll mit großartigem journalistischen Content sind dagegen selten. Wenn mich heute ein Kollege, der vielleicht Mitte 50 ist und seit 25 oder 30 Jahren in dem Job arbeitet, der ein ordentliches Auskommen hat und Freude an seiner Arbeit (okay, ich fantasiere. Aber bitte lasst mich für das Argument) – wenn er mich also fragt, welche Webseiten er sich ansehen soll, um vom Internet überzeugt zu sein, welche empfehle ich ihm dann? Und wenn er mich fragt, welche denn vielleicht einen Job hätte (keine freie Stelle, einfach nur einen Posten), der ihm, wenn er denn frei wäre, Spaß machen könnte, was erzähle ich ihm dann? Gibt es einen geilen journalistischen Online-Posten in Deutschland?</p>
<p align="left">Das ist der Zustand von Online aus Sicht eines Print-Kollegen mit einem halbwegs gesicherten Job: nicht erstrebenswert. Aber wir sprechen im Zuge der Diskussion um das Internet-Manifest nicht davon, was war, sondern was werden kann und soll. Wenn wir versuchen wollen zu locken, dann können wir das nur mit dem theoretisch möglichen. Das real Existierende ist meiner Meinung nach nicht verlockend genug. Und hier liegen zwei Knackpunkte begraben, von denen ich glaube, dass sie von den Internet-Propheten, von den Manifestoren, den großen Jarvisses und den vielen kleinen, so genannt internetaffinen Bloggern und Schreibern wie mir viel zu lange nicht ernst genommen wurden. Den ersten Punkt habe ich schon einmal dargelegt: Ich glaube, dass Publizistik im Internet von Autoren verlangt, dass sie sich mitten in die<br />
Diskussion begeben, erreichbar, kritikfähig und direkter als bisher verantwortlich sein müssen (mehr dazu <a href="http://print-würgt.de/2009/08/18/achtung-sie-nutzen-nur-10-prozent-ihres-inneren-journalisten/">hier</a>). Und ich kann Kollegen verstehen, denen das sehr unangenehm ist. Ihnen immer wieder zu sagen, dass sie es nun einmal müssen, wird sie nicht umstimmen – sie müssten die Vorteile dieser Art zu arbeiten selbst erkennen können, um zu verstehen.Auf den zweiten Punkt, der hier wichtig ist, möchte ich näher eingehen, weil er meiner Meinung nach nur in eine Richtung diskutiert wird. So steht er auch im Internet-Manifest. Da steht:</p>
<p align="left">(Zitat Anfang) 6. Das Internet <strike>verändert</strike> verbessert den Journalismus.</p>
<p align="left"> Durch das Internet kann der Journalismus seine gesellschaftsbildenden Aufgaben auf neue Weise wahrnehmen. Dazu gehört die Darstellung der Information als sich ständig verändernder fortlaufender Prozess; der Verlust der Unveränderlichkeit des Gedruckten ist ein Gewinn. Wer in dieser neuen Informationswelt bestehen will, braucht neuen Idealismus, neue journalistische Ideen und Freude am Ausschöpfen der neuen Möglichkeiten. (Zitat Ende)</p>
<p align="left">Die Nachricht als Prozess: Der bekannteste und lauteste Verfechter dieser These ist <a href="http://www.buzzmachine.com" target="_blank" title="Jeff Jarvis' Buzzmachine">Jeff Jarvis</a>, und natürlich gehört es inzwischen nicht nur unter Bloggern sondern auch in den meisten Online-Redaktionen zum guten Ton, Verbesserungen, Korrekturen usw. an Texten zu kennzeichnen. Aber das ist nur ein Teil dessen, was gemeint ist. Gemeint ist auch und vor allem, das Wiki-Prinzip auch auf Nachrichten anzuwenden, also ständig und mit jeder neuen Information zu verbessern, zu erneuern und so immer näher an den Idealzustand der wahren Nachricht zu kommen. Zumindest in der Theorie ist das eine schöne Sache (in der Praxis ist es – zugegeben – eine dreckige Angelegenheit. Wir erleben das, wenn live und während eines Geschehens von dem Ort des Geschehens berichtet wird. Ein Gerücht jagt das nächste). Aber selbst der ärgste Internet-Kritiker muss meiner Meinung nach zugeben, dass Wikipedia überragend gut funktioniert – plusminus den einen oder anderen Wilhelm. Trotzdem finde ich, dass die These sehr, sehr schwer zu halten ist. Aus zwei Gründen: Zum einen ist nach meinem persönlichen Erleben die Überlebensdauer einer falschen Nachricht in einer Zeitung oder einem Magazin bisher kürzer als die im Internet, weil Magazine und Zeitungen Verfallsdaten haben, Onlinetexte aber nicht (und bevor jemand mit dem Argument kommt: Aber Zeitungen gehen ins Archiv und der nächste Idiot schreibt es ab – das Internet ist sein eigenes Archiv und sehr viel mehr Idioten schreiben es ab). Das hängt aber zweitens mit dem nächsten Grund zusammen, von dem ich glaube, dass er den Onlinejournalismus beschädigt: Journalisten wollen, müssen und sollen irgendwann fertig sein. Natürlich kann man Texte online nachträglich verbesern. Aber man muss es auch tun. Und je größer das eigene Archiv wird, umso größer wird der Zeitaufwand, alte Texte, die möglicherweise kaum jemand irgendwann mehr anklickt, nachträglich zu korrigieren.</p>
<p align="left">Ich habe es an zwei Stationen, in denen ich die Verantwortung hatte, eine Online-Redaktion zu organisieren und zu führen, erlebt, wie kompliziert es allein ist, alte Texte nachträglich mit neueren Texten zu verlinken. Stellen wir uns vor, der Journalist muss auch noch seine alten Texte verbessern, weil inzwischen neue Informationen aufgetaucht sind, und diese Verbesserungen dann auch noch transparent zu kennzeichnen. Stellen wir uns auch vor, wir würden durch das gesamte Schaffen der Manifestoren in den letzten fünf oder zehn Jahre flöhen und nach Behauptungen suchen, die sich nachträglich als falsch erwiesen haben. Natürlich würden wir fündig, aber der Arbeitsaufwand ist untragbar.</p>
<p align="left">Es steht außer Frage, dass die Nachrichtenbeschaffung und -darstellung ein Prozess ist, aber so zu tun, als wäre von dem alten Rhythmus zu heute einen Quantensprung von unzuverlässig zu nahezu unfehlbar gemacht, ist ganz einfach falsch. Und das noch aus einem weiteren Grund: Zu behaupten, der Nachrichtenfluss wäre von einem Stakkato von Momentaufnahmen quasi ins Fließen gekommen, beinhaltet die Forderung, man müsse überall zugleich sein oder zumindest die nachrichtenrelevanten Punkte der Welt pausenlos überwachen. Wir müssten einen unendlichen Fluss aller Nachrichten der Welt erzeugen, in den sich Leser nach belieben an jeder Stelle einklinken könnten. Wir wissen, dass dem nicht so ist. Wir lesen einmal im Jahr eine Nachricht aus Obervolta oder Katmandu und dann am nächsten Tag nicht mehr. Das ist kein Manko der Darstellung. Es ist so, wie Menschen funktionieren.</p>
<p align="left">Dargestellte Nachrichten entstehen nicht als Fluss, sie sind immer nur Momentaufnahmen, und das Internet steht da in Sachen Geschwindigkeit sogar noch hinter dem Radio zurück. Ich glaube also nicht, dass der Mythos von &#8220;Nachrichten als Prozess&#8221; den Journalismus verbessert (abgesehen von den transparenten Korrekturen, die allerdings jeder Zeitschrift, jeder Zeitung und jedem Sender auch gut stehen würden und nicht onlinespezifisch sein sollten). Stattdessen führt diese ständig wiederholte Behauptung meiner Meinung nach dazu, dass viele Kollegen Journalismus im Netz als unbeständig und eher wertlos betrachten. Denn was ist ein Werk wert, das in der Erwartung aufgestellt wird, ständig verändert und verbessert zu werden?</p>
<p align="left">&#8220;Life is beta&#8221; nennt Jarvis das, immer nur die unfertige Testversion. Ich finde das sympathisch. Es zeugt von Lockerheit, wenn man an jede Aufgabe immer in dem Bewusstsein herangeht, dass man es nicht perfekt hinkriegen wird. Dass man scheitern wird. Dass es einen nächsten Versuch brauchen wird. Wie gesagt: sympathisch. Aber es widerspricht jedem journalistischen Ehrgeiz und Ethos. Und, ganz ehrlich, ich würde jeden Journalisten verachten, der mit dem Bewusstsein an jede Recherche herangeht, dass er sowieso nicht alles herausfinden wird. Ich weiß, dass es wahrscheinlich nah an der Wahrheit ist, aber ich fürde keinen Kollegen vor allem locker und sympathisch finden, der seine Geschichten in dem Bewusstsein schreibt, dass es sowieso nicht die ganze Wahrheit ist, was er da publiziert. Ich wünsche mir Kollegen mit dem brennenden Ehrgeiz, alles herausfinden zu wollen. Und der verbohrten Überzeugung, alles, was sie schreiben, müsse wahrhaftig sein. &#8220;Life is beta&#8221; mag richtig sein. Aber ich möchte nicht, dass es der Leitsatz von Journalisten wird. Da sind Netzkultur und Journalismus für mich nicht vereinbar.</p>
<p align="left">Das heißt nicht, dass Journalismus im Internet nicht geht. Ich versuche nur zu erklären, warum meiner Meinung nach Journalisten, die nicht alles bejubeln und das Netz nicht für die Rettung der Menschheit halten, deshalb nicht automatisch altmodisch und im Unrecht sind. Vielleicht sind ihre Reflexe auch einfach ganz gut.</p>
<p align="left">Und jetzt wenden wir uns der Frage zu, was man meiner Meinung nach hätte tun sollen, anstatt dieses Manifest zu schreiben.  Ein Vorschlag steht ja sogar tatsächlich in dem Text selbst: &#8220;Wer in dieser neuen Informationswelt bestehen will, braucht neuen Idealismus, neue journalistische Ideen und Freude am Ausschöpfen der neuen Möglichkeiten.&#8221; Es wäre eine Freude gewesen zu sehen, wenn sie das selbst beherzigt hätten. Dass sie es unterlassen haben, liegt meiner Meinung nach in der Natur der Gruppe: Die Journalisten unter den Unterzeichnern bewegen sich in der Mehrzahl auch beruflich im Internet oder den Medien: Sie berichten im Medium über das Medium. Aus dieser Binnensicht heraus mag das Manifest irgendwie einen Sinn ergeben: Wer tatsächlich glaubt, dass der politische Diskurs im Internet stattfindet statt in der realen Welt, der setzt irgendwann offenbar Freiheit im Netz gleich mit Freiheit im Allgemeinenund versteigt sich in eine Vorstellung von der eigenen Relevanz, die weder mit dem Lebe<br />
n noch mit dem Berichten darüber noch viel gemein hat.Die Freiheit wird nicht da verteidigt, wo man im Internet darüber schreibt, sondern da, wo einer aufsteht und sie sich nimmt. Ich habe bewegt vor den Tweets aus Teheran gesessen, aber ich war nicht dort auf der Straße. Ich bin froh darüber, dass jeder Iraner mit einem Handy die Möglichkeit hat seinen Schmerz mit der Welt zu teilen, aber was er für die Freiheit getan hat, hat er nicht im Internet getan sondern auf der Straße, Auge in Auge mit einem knüppelnden Schergen.</p>
<p align="left">Was wäre gewesen, wenn die 15 Manifestoren sich ins Leben begeben hätten? In eine Pommesbude, ein Asylantenheim oder ins Bundeswehr-Camp von Kunduz? Wenn sie in einem langen, ständigen Fluss multimedial berichtet hätten, mit dem versammelten Talent, das ja in ihnen steckt? Wenn sie ihre Behauptung, dass in jeder Tasche ein Medienimperium steckt im ganz Kleinen bewiesen hätten anstatt nur Großes zu behaupten? Wenn Glaube, Liebe und Hoffnung ihr Thema gewesen, Leben statt Reden?</p>
<p align="left">Wie gesagt: Zur Not hätte eine Pommesbude in Bremerhaven wahrscheinlich gereicht, und es wäre geiles Zeug dabei herausgekommen. Eine Seite, die man dem alten Kollegen empfehlen würde, wenn er nach gutem Online-Journalismus fragt. Berichte die den Kollegen klar machen, welche Chancen das Internet bietet, anstatt es ihnen einfach nur immer wieder ins Gesicht zu schreien.</p>
<p align="left">Aber so wie es ist, glaube ich, dass den Manifestoren passieren wird, was Lars Ricken passiert ist: Die Anderen, die Alten, die angeblich längst Überholten kamen zwischen ihn und Ball.</p>
<p align="left">&nbsp;</p>
<p align="left">Was nicht so schlimm ist. Er hat ja dieses Tor geschossen. Das bleibt:</p>
<p><object height="344" width="425"><param value="http://www.youtube.com/v/2OuwX1dOpQo&amp;hl=de&amp;fs=1&amp;" name="movie"></param><param value="true" name="allowFullScreen"></param><param value="always" name="allowscriptaccess"></param><embed src="http://www.youtube.com/v/2OuwX1dOpQo&amp;hl=de&amp;fs=1&amp;" height="344" width="425" allowfullscreen="true" allowscriptaccess="always" type="application/x-shockwave-flash"></embed></object></p>
<div id="fb-root"></div><script src="http://connect.facebook.net/en_US/all.js#xfbml=1"></script><!-- Do not remove --> <p><a href="http://print-wuergt.de/?flattrss_redirect&amp;id=70&amp;md5=26f2b88bc1bcb0b8c802ed7b1ee63501" title="Flattr" target="_blank"><img src="http://print-wuergt.de/wp-content/plugins/flattr/img/flattr-badge-large.png" alt="flattr this!"/></a></p>]]></content:encoded>
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		<title>Für wen machen wir das eigentlich?</title>
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		<pubDate>Fri, 04 Sep 2009 13:25:37 +0000</pubDate>
		<dc:creator>mikis</dc:creator>
				<category><![CDATA[Mit Visionen beim Arzt]]></category>
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			<content:encoded><![CDATA[<p align="left">Im <em>Stern</em> steht heute eine ausführliche, schöne Titelgeschichte von Felix Hutt darüber, wie Soziale Netzwerke unser Leben verändern, und es ist schon geschrieben worden (habe nur vergessen wo), das wäre wohl die Geschichte, die der <em>Spiegel</em> eigentlich gern gehabt hätte statt des manchmal kruden zeugs in ihrer &#8220;Rechtsfreier-Raum-Geschichte&#8221; vor ein paar <a href="http://xn--print-wrgt-geb.de/__oneclick_uploads/2009/09/heft_37_2009_300.jpg" title="Stern 37 09"><img src="http://print-würgt.de/__oneclick_uploads/2009/09/heft_37_2009_300.jpg" title="Stern 37 09" alt="Stern 37 09" height="289" hspace="15" vspace="10" width="218" align="left" /></a>Wochen. Tatsache ist in jedem Fall: Hutt hat einmal groß, sauber und gut aufgeschrieben, was das alles eigentlich ist und wie es funktioniert. Ein bisschen sogar, was das alles soll, obwohl die Frage nach dem &#8220;Warum&#8221; im Internet heute eigentlich keine Rolle mehr spielt, weil sie niemand mehr beantworten kann. Aber dazu kommen wir noch.</p>
<p><script type="text/javascript"> var gaJsHost = (("https:" == document.location.protocol) ? "https://ssl." : "http://www."); document.write(unescape("%3Cscript src=\'" + gaJsHost + "google-analytics.com/ga.js\' type=\'text/javascript\'%3E%3C/script%3E")); </script><br />
<script type="text/javascript"> try { var pageTracker = _gat._getTracker("UA-8586643-2"); pageTracker._trackPageview(); } catch(err) {}</script></p>
<p align="left"> Ich finde die Aufmachung ein bisschen seltsam: Es werden Menschen in schönen, großzügigen Schwarzweißbildern gezeigt. Sonst nix. Was ich einerseits verstehe, immerhin geht es in Netzwerken um nichts als Menschen, aber nach meinem Gefühl zeigt es eben zu viele Dinge nicht: Weder die Verbindung zwischen Menschen, noch die Geschwindigkeit, die Globalität oder auch nur den Exhibitionismus von Menschen, die an der großen Konversation teilnehmen. Die Bilder zeigen eigentlich sogar exakt das Gegenteil davon, was ja cool sein kann, aber wenn das hier cool ist kommt die Coolness bei mir nicht an. Auf mich wirkt das wie eine Art-Direktoren-Idee, an der man vielleicht besser noch ein, zwei Tage lang weitergedacht hätt. Aber das war es auch schon mit Kritik von meiner Seite. Was ich nämlich am interessantesten finde an dieser Geschichte, ist ein Paradebeispiel für eine Frage, die wir uns nicht oft genug stellen können: Für wen machen wir das alles eigentlich?</p>
<p align="left">&nbsp;</p>
<p align="left"><span id="more-66"></span></p>
<p align="left">In der Geschichte steht zum Beispiel, dass sieben Millionen Deutsche Facebook nutzen. Und an diesen sieben Millionen zum Beispiel geht die Stoßrichtung der Geschichte eigentlich vorbei: Es wird über sie berichtet, nicht für sie. Ich finde das in diesem Fall genau richtig: <em>Stern</em>-Leser sind im Durchschnitt älter als die durchschnittlichen Heavy-User von Sozialen Netzwerken (sage ich jetzt aus dem Kopf, damit ich da keine Zahlen zu suchen muss. Aber es zweifelt niemand daran, oder?). Diesen Lesern muss man &#8220;das alles&#8221; einmal so richtig erklären. Aber grundsätzlich ist es eine der wichtigsten Vereinbarungen, die eine Medienunternehmung treffen muss: Worüber müssen wir bei uns nicht mehr berichten? Was müssen wir nicht mehr erklären? Weiß jeder, wer Angela Merkel ist? Harald Schmidt? John Frusciante? An dem, was wir nicht mehr erwähnen müssen, erkennen wir, worüber wir uns einig sind – wir und unsere Leser, wir als Gemeinschaft. Das ist die Definition von Zielgruppe. Ich glaube, man kann fast überall über fast alles schreiben. Aber eben nicht überall auf die gleiche Art und aus dem gleichen Blickwinkel.</p>
<p align="left">Auf Journalistenschulen gibt es manchmal heute noch die Ansicht, dass man alles erklären muss und das jeder Leser allem folgen können muss. Immerhin schreibt die <em>New York Times</em> so. Und in der <em>Tagesschau</em> kommen auch keine Insiderwitze vor. In der <em>Tagesschau</em> wird Angela Merkel Bundeskanzlerin genannt, und das ist richtig, den die <em>Tagesschau</em> hat für die meisten Zuschauer einen quasi offiziellen Charakter und eine fast staatstragende Funktion. Aber natürlich ist es in jedem Fall utopisch, Regeln darüber aufzustellen: Theoretisch könnte es einen Leser geben, der nicht weiß, was ein Bundeskanzler ist (meine Sechsjährige kennt übrigens nur &#8220;Obama&#8221;, und den nennt sie &#8220;der Bestimmer&#8221; – mit bewunderndem Unterton).</p>
<p align="left">Wir erklären in den Nachrichten nicht, was Demokratie ist, weil wir uns einig sind, dass sie die beste real existierende Form der Regierung ist. Da steht unsere Zielgruppe (abseits von ein paar Extremistenblättern, nehme ich an) fest. Aber, als Beispiel: Harald Schmidt ist eine Zeit lang zu so etwas wie einem führenden Intellektuellen in diesem Land aufgestiegen, ohne dass ich je eine kluge Aussage im klassischen Sinne von ihm gehört habe. Er hat keine philosophischen Gedanken verbreitet. Im Gegenteil: Er sagt überragend dumme Dinge – unsere Freude besteht darin, dass wir uns klug genug fühlen, ihre Dummheit zu erkennen. Die Kunst liegt in dem, was er eben nicht sagt. Das ist es, was uns als seine Zuschauer und Fans verbindet (und, bevor es jemand falsch versteht: Natürlich ist das eine kluge Form der Unterhaltung, also sagt Harald Schmidt kluge Dinge. Nur eben nicht gradeaus. Wir verstehen uns).</p>
<p align="left">Ist  jemandem aufgefallen, dass ich nicht erklärt habe, wer Harald Schmidt ist? Nach der Journalistenschul-Regel hätte ich schreiben müssen &#8220;TV-Entertainer&#8221; oder so etwas. Ich hätte eine Ebene mehr einziehen müssen. Und in diesem Fall hätte es wahrscheinlich nicht einmal gestört, aber ich glaube es gibt viele Fälle, in denen wir nicht genug aufpassen, zuhören und uns klar werden, worüber wir uns als Gruppe längst einig sind, was dazu führt, dass wir langweiligere Geschichten schreiben als wir müssten. Weil wir von den Geschichten weiter entfernt sind, als wir sein müssten.</p>
<p align="left">Der <em>Stern</em> ist ein weltweit einmaliges Phänomen, diese Wundertüte, in der immer alles für jeden drin sein kann und die so eine der einträglichsten Zeitschriften der Geschichte wurde.  Und man muss es auch einmal ehrlich sagen: Die meisten Journalistenschul-Regeln werden für den <em>Stern</em> gemacht. Er ist die Mutter aller Zeitschriften in diesem Land. Aber so wie es zu Problemen führt, wenn man die Gepflogenheiten der Formel 1 im Straßenverkehr weiterpflegt, führt es zu Problemen, wenn man versucht, immer und überall den <em>Stern</em> zu machen. Und ich möchte versuchen zu erklären, warum.</p>
<p align="left">Es gibt handwerklich gute und weniger gute Wege, Informationen an den Leser zu bringen, aber am Ende bleibt die Regel: Je mehr Ebenen ich zwischen den Kern der Information und das Begreifen dieses Kerns lege, umso weniger berührt wird der Leser sein. Jeder kennt das: Schlechte Nachrichten verpacken wir in viele Worte, gute soll man nicht zerreden und so weiter. Wir können auch Lagen hinzufügen, indem wir wichtige Informationen vorenthalten indem wir unkonkret sind (&#8220;Bei Zusammenstößen zwischen … wurde ein Mensch verletzt&#8221; berührt niemanden, weil wir nicht mitfühlen. Wenn wir hören, dass der Mann sein Augenlicht verloren hat ist es schon anders).</p>
<p align="left">Die Facebook-Geschichte im <em>Stern</em> hat einige Lagen, die zwischen mir und dem Kern der Geschichte stehen, in der Art, wie sie sein müsste, wenn sie für mich geschrieben wäre (ist sie nicht, insofern ist das absolut ohne Kritik gemeint. Im Gegenteil, ich nehme sie als Beispiel, weil ich sie gut finde). Zum einen erklärt sie natürlich viele Dinge, die ich als <a href="http://www.facebook.com/pantelouris" title="Michalis auf Facebook" target="_blank">Facebook-User</a> weiß. Zum anderen natürlich die ganze Frage des &#8220;Warum&#8221;, die ich für mich zumindest implizit dadurch beantwortet habe, dass ich FB nutze. Die eine Frage, die ich gerne einmal irgendwo erörtert sehen würde, wird zwar benannt durch ein Goeth-Zitat (&#8220;Hier bin ich Mensch …), aber nicht ausgeführt: Die gigantische Revolution, die dazu geführt hat, dass Menschen sich unter ihrem echten Namen im Internet bewegen, eben im Goethe-Sinn als &#8220;Menschen sind&#8221;, mit allem, was dazu gehört. FB hat damit nicht angefangen, aber es doch offensichtlich zu den Massen gebracht. Und diese Entwicklung wird ja meist nur unter Datenschutzgesichtspunkten diskutiert, als wären alle bescheuert, die da mitmachen.</p>
<p align="left">Diese Art Wand von Uneinigkeit, die zwischen mir und FB-Geschichte im <em>Stern</em> steht, steht in Wahrheit zwischen mir und den meisten Magazin-Geschichten, die ich lese. Ich gehöre praktisch nirgendwo dazu, was mein Fehler sein kann, aber meiner Meinung nach auch daran liegt, dass sich Magazin-Redaktionen zu wenig Gedanken darüber machen, was die einenden Elemente ihrer Medienmarke sind – was das ist, das nicht erwähnt werden muss.</p>
<p align="left">Ich habe Jahre lang Männermagazine gemacht, und es ist bizarr, was viele in der Branche sich immer wieder vorstellen, wie das zu machen sein soll: Abgesehen von der Reduzierung von Männern auf ihr Interesse an Titten, Autos und Technik, das sich in der Themenfindung deutlich niederschlägt, aber so weit geht, dass sich selbst in dem, worüber Einheit herrscht (Männer sehen gerne nackte Frauen) noch eine zusätzliche Ebene eingezogen werden muss, nämlich der vollkommen artifizielle Begriff &#8220;Erotik&#8221;, der anzeigen soll, dass es irgendwie um ein höheres, künstlerischeres Anliegen geht als einfach darum, nackte Frauen anzugucken. Die wenigsten Männer haben Erotik in ihrem Leben oder wollen das auch nur. Sie wollen Sex. Aber offenbar darf man so viel Mensch nicht sein. Damit der Wunsch nach Sex sozial anerkannt ist (und Anzeigen bringt) muss man eine erfundene ästhetisierte Ebene einziehen, die uns vom Kern der Geschichte entfernt.</p>
<p align="left">Das funktioniert auf allen Ebenen. Dinge sind nicht teuer, man braucht nur &#8220;das nötige Kleingeld&#8221;. Denn &#8220;teuer&#8221; wäre zwar wahr, würde aber heißen, man befindet sich in einer Gruppe, die (willkürliches Beispiel) 3000 Euro für ein Paar Schuhe viel findet. Dabei geht es nicht um Formulierungen (obwohl ich finde, dass man schlechte Schreiber sehr oft daran erkennt, dass sie versuchen, sich mit Formulierungen zu retten),  es geht darum, dass wir zwischen uns und die Wahrheit sehr gerne Lage um Lage Unsinn einziehen.</p>
<p align="left">Die Gründe dafür sind einfach: Der erste ist natürlich, dass viele Schreiber ganz einfach schlecht schreiben. Im Regelfall liegt das daran, dass sie falsch beobachten – innen und außen, die Realität und wie die Realität auf sie wirkt. Durch Formulierung ist das nicht mehr zu retten. Der zweite Grund ist, dass wir gelernt haben, Zielgruppen durch Abgrenzung zu definieren (hohes Einkommen, hohe Schulbildung, all das Zeug, das die Marketingabteilung eben zusammenschreibt. Plus die eine Idee, die dazu geführt hat, dass es das Heft gibt). Dabei nehmen wir natürlich unbewusst viele Gemeinsamkeiten mit (unsere Leser sind Menschen, sie gehen jeden Tag aufs Klo und sie wollen Sex), aber allein an der Tatsache, wie albern Sie jetzt als Leser meine Aufzählung innerhalb der letzten Klammer fanden, könnten wir feststellen, dass wir sehr viel übersehen.</p>
<p align="left">Lesen wir es noch einmal ganz langsam: Unsere Leser sind Menschen, sie gehen jeden Tag aufs Klo und sie wollen Sex.</p>
<p align="left">Klingt albern, aus so einem Quatsch ein Konzept ableiten zu wollen, ich weiß, aber meine Schwester ist Buchhändlerin in einer großen Buchhandlung in Hamburg, und sie schwört, dass es im letzten Jahr Tage gab, an denen wirklich jeder einzelne Kunde, der reinkam (meist Kundinnen), das Buch <a href="http://www.youtube.com/watch?v=_sT9S_CWMYI" title="Alex liest Feuchtgebiete" target="_blank">&#8220;Feuchtgebiete&#8221;</a> von Charlotte Roche kaufen wollte (eine ältere Dame sagte, sie hätte gerne &#8220;Feuchte Träume&#8221;. Die Händlerinnen haben ihr gesagt: &#8220;Oh, bitte, das wünschen wir Ihnen auch!&#8221;). Ich mochte das Buch nicht. Ich fand es eklig. Aber eines muss man sagen: Es gibt keine Barrieren zwischen dem Leser und der Geschichte. Im Gegenteil, die Geschichte steht nach meinem Empfinden unangenehm nah in der eigenen Schutzzone. Es ist ein Extrembeispiel für die andere Seite. Ich finde nicht, dass man Zeitschriften so intim machen muss, wie Roche geschrieben hat. Aber Tatsache ist auch: Trotz vernichtender Kritiken hat das Buch sich mehr als 1,3 Millionen mal verkauft. Das ist mehr, als die meisten Männerhefte in Deutschland in einem Jahr am Kiosk verkaufen.</p>
<p align="left">Wie gesagt, es ist vielleicht ein hergeholter, schiefer Vergleich und nicht das beste Beispiel, aber ich glaube, man kann trotzdem etwas herauslesen: Geschichten müssen nah gehen. Sie dürfen auf Erfahrungen aufbauen, die wir als Menschen gemacht haben, und es ist den Lesern lieber, sie werden beim Menschsein ernst genommen als wegen ihres Einkommens und ihrer hohen Affinität zu Unterhaltungselektronik. Denn für die machen wir das. Für Menschen.</p>
<p align="left">Ich bin nicht dafür, dass wir Feuchtgebiete-Magazine machen. Aber ich bin dafür, dass wir unseren Blick doch wieder ein wenig öffnen dafür, was unsere Leser auch alles sind. Für Glaube, Liebe und Hoffnung. Zweifel, Verletztheit und Enttäuschung. Wahrheit. Leben. Dafür müssen wir als Schreiber nicht nur gut sein, sondern auch ehrlich genug, unsere Erfahrungen als Mensch einzubringen und zu verstehen, dass sie das verbindende Element sind. Es gibt keine Zielgruppe, die nicht aus Menschen besteht.</p>
<p align="left">Genau wie es kein Soziales Netzwerk gibt, das nicht aus Menschen besteht. Die Idee mit den Portraits im <em>Stern</em> – ich verstehe sie ja. Ich finde sie aber immer noch nicht gut. Aber die Geschichte, die musste endlich mal einer machen.</p>
<p align="left">Danke, Mutter!</p>
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