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	<title>Print Würgt &#187; Old School</title>
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	<description>Michalis Pantelouris über das Drucken von Wörtern und Bildern auf Papier für Geld</description>
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		<title>Bedeutet Wikileaks, klassischer Journalismus ist überholt?</title>
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		<pubDate>Tue, 13 Apr 2010 18:31:11 +0000</pubDate>
		<dc:creator>mikis</dc:creator>
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		<category><![CDATA[Old School]]></category>

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		<description><![CDATA[Es ist eine Diskussion über den Berufstand der Journal [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Es ist eine Diskussion über den Berufstand der Journalisten entbrannt, seitdem die Organisation <em>Sunshine Press</em> über ihre Seite <a href="http://www.wikileaks.com">Wikileaks</a> vor einer guten Woche das <a href="http://www.collateralmurder.com/">Videoband aus der Bordkamera</a> eines US-amerikanischen Militärhubschraubers veröffentlichte, auf dem zu sehen ist, wie die Besatzung Feuer auf eine Gruppe Männer und (in einem Transporter nicht zu sehender) Kinder eröffnet. Bei dem Angriff kamen mindestens zwölf Menschen ums Leben, darunter auch zwei Mitarbeiter der Nachrichtenagentur Reuters. Auf der Tonspur des Videos ist zu hören, wie sich die Soldaten gegenseitig zu den &#8220;guten Schüssen&#8221; gratulieren. Es ist schwer erträglich. Und aus Nachrichtensicht ist es eine Sensation, denn das US-Militär hatte immer behauptet, die Handlungen wären im Rahmen der internationalen Regeln und der eigenen &#8220;Rules of Engagement&#8221; verlaufen und die Toten hätten eine direkte Bedrohung für die Soldaten dargestellt. Das Video erzählt eine andere Geschichte. Offensichtlich halten die Hubschrauberbesatzungen die Kameras der Reuters-Mitarbeiter für Sturmgewehre und Panzerfäuste, aber sie eröffnen das Feuer auch dann erneut, als ein Van vorfährt, dessen Insassen offensichtlich nur den verletzten Kameramann mitnehmen wollen. Wikileaks richtete eine extra Seite für das Video ein, unter dem wenig subtilen Titel <a href="http://www.collateralmurder.com/">&#8220;Collateral Murder&#8221;</a>.</p>
<p>Natürlich ist das eine große Geschichte, und die klassischen Nachrichtenorganisationen überall auf der Welt haben mit dieser Geschichte aufgemacht. Die Frage, die für Journalisten bleibt ist aber: Warum hatte nicht einer von uns dieses Video zuerst, irgendein Reporter einer angesehen Zeitung oder eines Fernsehsenders, ein Journalist, der für seine Enthüllungen berühmt ist – sondern eine durch Spenden finanzierte Webseite, die überhaupt keinen Hehl daraus macht, dass zu ihren Unterstützern eine Reihe von Organisationen mit einer politischen Agenda gehören?* Ist das, wie manche Kommentatoren mutmaßen, ein Beweis dafür, dass Informanten ihre Enthüllungen nicht mehr &#8220;der Presse&#8221; anvertrauen wollen? Haben sie den Glauben an die Journalisten oder ihre Öffentlichkeitsmacht verloren?<br />
Es sieht tatsächlich so aus, und ich sehe nicht, was &#8220;die Presse&#8221; – und dazu zähle ich mich – gewinnen könnte, wenn sie das einfach immer weiter bestreitet. Wikileaks hat die Authentizität des Videos verifiziert, einordnende und erklärende Kommentare in das Video gebaut und es mit Untertiteln ausgestattet, die den Funkverkehr zwischen Schützen, Piloten und ihrem Offizier im Hauptquartier verständlich machen. Das ist ordentlicher Journalismus (und tatsächlich wird die Seite ja nach ihrer Selbstauskunft unter anderen von Journalisten betrieben). Wer Journalismus als die Aufgabe versteht, die Öffentlichkeit umfassend über alles zu informieren, was auf der Welt an wichtigen Ereignissen passiert, der kann sich über den Umgang mit diesem Fall eigentlich nur freuen.</p>
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<p>Auf den ersten Blick schadet er der klassischen Presse trotzdem: Ein weiterer Nagel in den Sarg, der aus der Überzeugung gebaut wird, dass es den Journalismus, wie er ist, wohl bald nicht mehr braucht. Ein weiterer Nagel geformt aus dem Misstrauen, dass die klassischen Redaktionen und Reporter in dem, was sie tun, eigentlich nicht mehr besonders gut sind – sei es wegen mangelnder finanzieller und zeitlicher Möglichkeiten, wegen einer tieferen politischen Agenda oder aus perönlichem Unvermögen und Schludrigkeit. Warum hatte keiner von uns das Video? Nun, vielleicht gehört zur Antwort auch, dass wir uns eingestehen, dass unsere Aufgabe im Gegensatz zu der von Wikileaks – deren einzige Funktion darin besteht, bislang unbekannte Dokumente zu veröffentlichen – nicht so klar und eindeutig ist, wie wir es gerne hätten.</p>
<p>Ein Beispiel aus dem direkten Umfeld verdeutlicht das meiner Meinung nach: Im Dezember führten unter anderem der US-Sender ABC, die britische BBC und die ARD gemeinsam eine Umfrage in Afghanistan durch. Damals beurteilten 70 Prozent der Befragten die Entwicklung in Afghanistan optimistisch, und diese überraschend positive Zahl fand sich nach ihrer Veröffentlichung in vielen Nachrichten (z. B. <a href="http://www.n-tv.de/politik/Afghanen-wieder-optimistisch-article674494.html">hier</a> und <a href="http://www.handelsblatt.com/newsticker/politik/konflikte-afghanistan-stimmung-besser-deutschlandbild-schlechter;2510645">hier</a>). Drei Monate später, am 11. März 2010, stellte eine &#8220;Red Cell&#8221; genannte Gruppe bei der CIA ein Dossier zusammen, in dem Wege vorgeschlagen wurden, wie die Anti-Kriegs-Stimmung der Bevölkerungen vor allem in Frankreich und Deutschland begegnet werden könnte. Ein Vorschlag darin: Auf den hohen Optimismus der Afghanen hinsichtlich der ISAF-Mission hinzuweisen könne nach Ansicht der CIA gut genutzt werden, um &#8220;den Aussagen der Kritiker [zu widersprechen], die Mission sei eine Verschwendung von Ressourcen.&#8221; Die 70 Prozent Optimismus sollten genutzt werden, um den Deutschen zu vermitteln, dass ihr Engagement wirke. Das Dokument kann seit dem 26. März auf Wikileaks heruntergeladen werden.</p>
<p>Doch vorher hatte die Bundesregierung offenbar schon auf die Erkenntnisse aus Amerika reagiert: Jedenfalls erschien am 15. März in der <em>FAZ</em> <a href="http://www.auswaertiges-amt.de/diplo/de/Infoservice/Presse/Interviews/2010/100315-Pieper-FAZ.html">ein Meinungsbeitrag</a> der Staatsministerin im Auswärtigen Amt, Cornelia Pieper (FDP), in dem sie für den Afghanistan-Einsatz warb. Zitat:</p>
<blockquote><p>Jüngste Umfragen zeigen: Unser Engagement wirkt! Über 70 Prozent der Afghanen blicken optimistisch in die Zukunft, ebenso viele Menschen bewerten die Schulversorgung in ihrem Umfeld positiv.</p></blockquote>
<p>Außerdem schlagen die CIA-Denker vor, die erneute Gefahr durch den Terrorismus im Fall eines Abzuges zu betonen und sie gehen davon aus, dass &#8220;eine Betonung der multilateralen und humanitären Aspekte [der Mission] helfen könnte, die Abneigung der Deutschen gegen jede Art von Kriegführung besänftigen und an ihren Wunsch appellieren könnte, an multinationalen Missionen teilzunehmen.&#8221; Bei Cornelia Pieper findet sich das vier Tage später so:</p>
<blockquote><p>Afghanistan nach mehr als 20 Jahren Krieg und Zerstörung wieder aufzubauen und die Gefahr des Terrorismus einzudämmen – mit diesem Ziel ist die internationale Gemeinschaft seit 8 Jahren in Afghanistan aktiv.</p></blockquote>
<p>Und, um es gleich vorweg zu sagen: Das ist überhaupt kein Skandal. Im Gegenteil: Die CIA ist genau dafür da, die US-Regierung über die Lage, auch die Stimmungslage, in der Welt zu unterrichten, und die Schlüsse, die sie ziehen, sind einigermaßen vernünftig, wenn man denn PR für den Einsatz in Afghanistan machen will. Es kann auch durchaus sein, dass das Auswärtige Amt ohne jede Hilfe aus Langley oder Washington auf dieselben Argumente gekommen und der zeitliche Zusammenhang ein Zufall ist. Aber das Ergebnis bleibt: Die <em>FAZ</em> sieht bei einem oberflächlichen Blick für den Leser plötzlich aus wie eine Abwurfstelle für Regierungspropaganda. Und Wikileaks sieht aus wie eine Organisation, die solche Propaganda entlarvt. </p>
<p>Das Grundmisstrauen gegenüber Staaten und Politikern wird längst auf die Presse ausgedehnt. Auf gefühlt unabhängige Webseiten aber nicht. Das war einmal genau anders herum: Bisher galt eher das Credo, dass &#8220;im Internet jeder schreiben kann, was er will&#8221;, während in der Presse sorgfältig geprüft wurde. Diese Zeit scheint nun vorbei.</p>
<p>Ich bin überzeugt, dass hierin eine Lehre steckt, über die es sich lohnt nachzudenken. Es scheint für mich so, als würden die Leser heute hinter einer Webseite eher einen Menschen vermuten, den man ansprechen kann, als hinter einer Verlagsmauer oder in einer Senderzentrale. Die journalistischen Institutionen und ihre Insignien verlieren ihren vertrauenerweckenden Status an jene, die einfach erreichbar sind. Mensch schlägt Medienmaschine. Das ist keine schlechte Nachricht. Wenn man richtig damit umgeht.</p>
<p><em>*Um diesen Satz ist, wie in den Kommentaren nachzulesen, eine kleine Diskussion entbrannt. Deshalb zur Klarstellung: Dass sich die Seite durch Spenden finanziert heißt nicht, dass sie sich von diesen Spendern abhängig macht, sondern nur – genau anders herum –, dass diese Spender in der Seite offenbar eine unterstützenswerte Einrichtung sieht. Etwas anderes wollte ich nicht behaupten, aber offenbar ist mein Satz missverständlich formuliert.</em></p>
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		</item>
		<item>
		<title>Journalist vs. Journalist. Alle verlieren.</title>
		<link>http://print-wuergt.de/2010/03/31/journalist-vs-journalist-alle-verlieren/</link>
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		<pubDate>Wed, 31 Mar 2010 10:25:59 +0000</pubDate>
		<dc:creator>mikis</dc:creator>
				<category><![CDATA[Old School]]></category>
		<category><![CDATA[Wir sind so]]></category>

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		<description><![CDATA[So, jetzt reicht es aber wirklich: Auf der Webseite des [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>So, jetzt reicht es aber wirklich: Auf der Webseite des <em>Journalist</em>, der Publikation des Deutschen Journalistenverbandes (Disclosure: dessen Mitglied ich bin), wurde, wie inzwischen wahrscheinlich alle wissen, über einen jungen Kollegen geschrieben, der offenbar in mehreren Texten Zitate zumindest eines, möglicherweise aber mehrerer nicht existenter Experten benutzt hat. Das ist selbstverständlich eine Geschichte, die man schreiben muss.</p>
<p>Nun haben die Journalisten des <em>Journalist</em> das so versemmelt, wie man es nicht versemmeln darf. Zur Anschauung habe ich den Artikel zumindest mal oberflächlich kommentiert (in eckigen Klammern). Here we go:</p>
<blockquote><p><strong>Erfundene Zitate</strong> [Schon die Dachzeile ist falsch. Noch weiß man nicht, ob die Zitate erfunden sind oder der Zitatgeber ein Betrüger war, aber die Zitate abgegeben hat. Hier hätte zumindest ein Fragezeichen hin gehört. Richtig wäre gewesen "Falsche Experten-Zitate". Oder so.]</p>
<p><strong>Welt-Gruppe und Südkurier trennen sich von freiem Autor</strong></p>
<p><strong>Der freie Autor Sebastian W––––––––</strong> [Unkenntlichmachung von mir, hier steht im Original der volle Name des Kollegen, der hier nicht hätte genannt werden dürfen] <strong>hat</strong> <strong>offenbar</strong> [der Fairness halber hätte hier entweder ein "möglicherweise" hin gehört, oder ein angeblich, falls es jemand behauptet] <strong>Zitate frei erfunden</strong> [Sebastian W. behauptet dagegen, er hätte nie Zitate erfunden, sondern wäre einem Hochstapler aufgesessen. Das hätte <em>Der Journalist </em>wissen können, wenn er die Einlassung des Betroffenen eingeholt hätte, was selbstverständlich hätte geschehen müssen. Offenbar hat der aber nach Ansicht der <em>Journalist</em>-Redaktion auf Anfragen nicht schnell genug reagiert (zwischen der Anfrage und dem Erscheinen des Artikels lagen 26 Stunden – angesichts der tatsache, dass die Geschichte Monate alt ist, ist das nicht unbedingt viel Zeit. Ich halte es für zu wenig Zeit)] <strong>- und die entsprechenden Texte an Spiegel Online, Welt Online und Südkurier verkauft. Springer erstattete Strafanzeige</strong> [allerdings erstattete Springer Strafanzeige gegen Unbekannt, nicht gegen Sebastian W. – Bis hier geht der Vorspann der Geschichte, deshalb wiederholt sich gleich ein Teil beim Beginn des Lauftextes].</p>
<p><strong>Mindestens drei Redaktionen in Deutschland haben offenbar Artikel veröffentlicht, in denen Zitate frei erfunden waren</strong> [Natürlich ist der Satz, wie er hier steht, immer noch journalistisch falsch]. <strong>Nach Recherchen des Medienmagazins journalist und von MDR Sputnik hat der freie Autor Sebastian W––––––</strong> [wieder die volle Namensnennung, wie im Folgenden noch mehrmals] <strong>unter anderem an Spiegel Online, den Südkurier und an Welt Online Texte verkauft, in denen sich ein Experte äußert, der womöglich gar nicht existiert. Die Redaktionen selbst haben von dem Verdacht unter anderem durch den Deutschen Presserat erfahren </strong>[übrigens im Dezember. Insofern war die Geschichte nicht so dringend, dass man auf die Antwort von Sebastian W. auf die Anfragen nicht noch ein bisschen hätte warten können].</p>
<p><strong>&#8220;Recherchen der Welt-Gruppe haben den Verdacht bestätigt und darüber hinaus Zweifel an der Existenz weiterer von Herrn W–––––– zitierten Experten aufkommen lassen&#8221;, so Christian Garrels vom Axel Springer Verlag. Über die Zahl der betroffenen Texte machte Garrels keine Angaben. Offenbar hat der Autor aber nur vereinzelt Zitate erfunden, so dass der Betrug lange unentdeckt blieb</strong> [Das ist ein ungeheuerlicher Satz. Wenn der zitierte Springer-Vertreter keine Angaben macht, woher stammt dann die Einschätzung "offenbar"? So, wie es da steht, muss es eine Einschätzung der Redaktion sein, was sich ja auch manifestiert in der Feststellung, der Kollege "hat" erfunden statt "hat möglicherweise" oder "habe erfunden". Und ganz schlimm wird es bei der Feststellung "so dass der Betrug lange unentdeckt blieb" – das ist eine Vorverurteilung für eine konkrete Straftat. Nach Ansicht der <em>Journalist</em>-Redaktion hat Sebastian W. betrogen, und das ist nun wirklich eine Feststellung, die in diesem Land nicht Reporter treffen sondern Richter in einem Urteil]. <strong>Die Artikel – so heißt es aus einer der betroffenen Redaktionen – wären auch ohne die beanstandeten Passagen ausgekommen. Es handle sich also nicht um einen weiteren Fall Tom Kummer</strong> [hier fehlt der Hinweis, was ein "Fall Tom Kummer" ist. Nur nebenbei]. <strong>Trotzdem haben die drei Medienunternehmen Konsequenzen gezogen.<br />
</strong><br />
<strong>&#8220;Da aus unserer Sicht ein schweres Fehlverhalten gegen Vertragsverpflichtungen und journalistische Grundsätze, insbesondere den Pressekodex, vorliegt, haben wir die Zusammenarbeit mit dem Autor sofort beendet, die von ihm erstellten Artikel vorsorglich offline gestellt und Strafanzeige erstattet&#8221;, so Garrels</strong> [Strafanzeige gegen Unbekannt, wohlgemerkt]. <strong>Auch im Archiv von Spiegel Online findet man nur noch einen Bruchteil der Veröffentlichungen des Autors. Die stellvertretende Redaktionsleiterin wollte sich zu dem Fall aufgrund eines &#8220;schwebenden Verfahrens&#8221; nicht äußern</strong> [warum klingelt es bei einem Autoren nicht, wenn er das schreibt, nur ein paar Zeilen unter der eigenen Vorverurteilung?]. <strong>Der Südkurier hat die Zusammenarbeit mit W––––––– ebenfalls eingestellt.</strong></p>
<p><strong>Gegen alle drei Unternehmen hat der Presserat eine Rüge geprüft, aber verworfen. Nach Informationen des Medienmagazins journalist und von MDR Sputnik konnte das Gremium kein Fehlverhalten der Redaktionen selbst feststellen.</p>
<p>Der Autor Sebastian W–––––––– ist erst 25 Jahre alt und studiert an der Katholischen Universität Eichstätt Journalistik </strong>[was genau diese Identifizierung noch soll ist mir schleierhaft]. <strong>Trotzdem ist er kein Anfänger </strong>[da habe ich Einwände zur Definition von Anfänger, aber gut, was solls]. <strong>Auf seiner Internetseite listet er etwa 400 selbstverfasste</strong> [Ach so?] <strong>Artikel auf – unter anderem im Tagesspiegel, bei Stern Online, in der Zeit, in der Saarbrücker Zeitung und im Flensburger Tageblatt. Allein im Dezember 2007 brachte W–––––––– es laut seiner Webseite auf 25 Veröffentlichungen. Im vergangenen Oktober erhielt er den mit 1.500 Euro dotierten Kulturpreis des Rotary-Clubs Mittelholstein. Außerdem belegte er 2004 den dritten Platz beim Schülerzeitungswettbewerb des Spiegels in der Kategorie Reportage.</p>
<p>Sebastian W––––––––– war trotz mehrerer Anfragen per E-Mail und Telefon für eine Stellungnahme nicht zu erreichen</strong> [das finde ich ein bisschen perfide, denn die mehreren Anfragen kamen offenbar alle an einem einzigen Tag, und freie Journalisten sind auch manchmal einen Tag nicht zu erreichen. Sie sind auch keine Pressestelle, die erreichbar sein müsste. Aus meiner Sicht spielt dieser Satz eine Fairness vor, die es so nicht gegeben hat].</p>
<p><strong>Update 26.3.2010, 17.50 Uhr: Kurz nach Veröffentlichung hat sich Sebastian W–––––––– beim journalist mit folgendem Hinweis gemeldet: &#8220;Ich darf bereits jetzt klarstellen, dass gegen mich nicht strafrechtlich ermittelt wird.&#8221; </strong>[Ich kann nicht sagen, warum man beim <em>Journalist</em> diesen Hinweis nicht zum Anlass genommen hat, sich zu berichtigen. Aber es wäre nötig gewesen]</p></blockquote>
<p>Um das klarzustellen: Ich habe keine Ahnung, was sich Sebastian W. hat zuschulden kommen lassen. Aber es reicht auch, ihm sein Fehler um die Ohren zu hauen, wenn man weiß, welche es sind. Und dass ausgerechnet das Organ des Verbandes, der die Rechte von Journalisten schützen soll, die Rechte eines Kollegen verletzt, ist furchtbar.</p>
<p>Nun hatte der Verband ein paar Tage Zeit, darüber nachzudenken und sich durchzulesen, wie zum Beispiel bei Stefan Niggemeier zu dem Fall diskutiert wird (<a href="http://www.stefan-niggemeier.de/blog/vorurteil-im-schnellgericht/">hier</a> und <a href="http://www.stefan-niggemeier.de/blog/vorurteil-im-schnellgericht-2/">hier</a>). Und dann haben sie darauf reagiert, in einer Stellungnahme (weil ich schon wieder an meinem laubsägegearbeiteten Blog scheitere nur der Hinweis, dass sie von den Kommentaren bei Niggemeier aus als PDF herunterladbar ist). Die entscheidenden Sätze in der Stellungnahme des DJV-Vorstandes sind:</p>
<blockquote><p><strong>Der BJV-Vorstand hat sich als Herausgeber des journalist die Rechchercheunterlage</strong> [sic!] <strong>vorlegen lassen. Er hat nach Prüfung der Unterlagen und der daraus resultierenden Fakten keinen Grund, an dem Kern des Beitrages &#8220;Welt-Gruppe und Südkurier trennen sich von freiem Autor&#8221; (www.journalist.de) zu zweifeln.</strong></p></blockquote>
<p>Und ein paar Absätze später:</p>
<blockquote><p><strong>Der DJV-Bundesvorstand bedauert, dass die Frist zwischen Bitte um Stellungnahme an Sebastian W–––––– </strong>[Unkenntlichmachung von mir] (<strong>25. März) und Veröffentlichung des Online-Beitrages (26. März) den Eindruck erweckt, als habe Sebastian W––––––– keine Stellungnahme mehr abgeben können. Dieser Eindruck schadet dem Beitrag und bietet Kritikern Gelegenheit, die Inhalte insgesamt zu relativieren.</strong></p></blockquote>
<p>Meinen ersten Gedanken, nachdem ich das gelesen habe, darf man wahrscheinlich nicht schreiben, aber es war ein Zitat von Rahm Emanuel. Hier ist der zweite Gedanke, zur Sache: </p>
<p>Lieber DJV-Bundesvorstand, ich hoffe, ich habe oben deutlich gemacht, dass es genug Gründe gegeben hat, an diesem Artikel zu zweifeln. Und ich verstehe den Hinweis, dass die Fakten keinen Grund geben, &#8220;am Kern des Artikels zu zweifeln&#8221; doch richtig wenn ich meine, dass der Artikel durchaus Raum für einige Zweifel in den Randbereichen zulässt? Das wäre aus meiner Sicht richtig, denn was auch immer Sebastian W. getan hat, gelten doch für den Umgang mit ihm die Regeln unseres Gewerbes. Und, verdammt, ausgerechnet der DJV-Bundesvorstand ist dafür da, für die Einhaltung dieser Regeln in jedem einzelnen Fall zu kämpfen. Gerade dann, wenn Journalisten unter Druck geraten, ob selbstverschuldet oder nicht. </p>
<p>Der Satz, der mir von Ihnen fehlt ist: Wir haben Fehler gemacht und dafür möchten wir uns entschuldigen. </p>
<p>Das wäre auch der Satz, der mir ein wenig Vertrauen in meinen eigenen Verband zurückgeben würde. Leute, Ihr seid für uns da. Also dafür, dass wir ordentlich arbeiten können. Nicht dafür, dass Ihr uns als erste schlachtet, wenn wir Fehler machen.</p>
<p>Ich weiß nicht, ob Sebastian W. Mitglied im DJV ist, aber wenn, dann könnte er vielleicht mithilfe des Verbandes juristisch gegen die Berichterstattung über ihn vorgehen?</p>
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		<item>
		<title>Das Riekelsche Gesetz</title>
		<link>http://print-wuergt.de/2010/02/28/423/</link>
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		<pubDate>Sun, 28 Feb 2010 14:59:29 +0000</pubDate>
		<dc:creator>mikis</dc:creator>
				<category><![CDATA[Old School]]></category>
		<category><![CDATA[Wir sind so]]></category>

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		<description><![CDATA[Es ist eine Weile her, dass ich zuletzt dazu gekommen b [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Es ist eine Weile her, dass ich zuletzt dazu gekommen bin, hier etwas Substanzielles von mir zu geben, und diese Zeit ist gekennzeichnet von Niederlagen. Zum einen habe ich den <a href="http://www.mein-scoop.de">Ideen-Wettbewerb Scoop</a> des Axel-Springer-Verlages nicht gewonnen (ich war unter den letzten Sechs und durfte vor der Jury präsentieren, was Spaß gemacht hat, aber wenn man unter 1200 Bewerbern schon einmal so weit ist, will man auch gewinnen. Verdammt). </p>
<p>Und dann hat Patricia Riekel von der <em>Bunten</em> beschlossen, ganz offen eine alte journalistische Übereinkunft aufzukündigen, die zwar zunehmend erodierte aber doch über Jahrzehnte bestand hatte: Das Privatleben von Politikern in Deutschland war für Journalisten tabu. Jetzt <a href="http://www.hubert-burda-media.de/presse/mitteilungen/stellungnahme_der_bunte_chefredaktion__5263">erklärt sie,</a> führende Politiker seien Vorbilder und müssten es sich deshalb gefallen lassen, dass zum Beispiel auch ihre heimlichen Liebschaften dem Wähler bekannt sein müssen. Sie hätte die Information gehabt, in Franz Münteferings Leben sei eine &#8220;entscheidende Änderung&#8221; eingetreten, der die Rechercheure nachgehen sollten. Ja, genau. Die Information lag vor: Franz Müntefering hatte sich nach dem Tod seiner Frau wieder verliebt. Und deshalb hat er kein Recht mehr auf eine Privatsphäre?<br />
Um es kurz vorweg zu sagen: Ich finde das ekelhaft. <span id="more-423"></span>Ich finde, Patricia Riekel sollte von ihrem Job zurücktreten, sich entschuldigen und für ein paar Jahre den Ball sehr, sehr flach halten. Und in einem anderen Verlag als dem Burda-Verlag, in dem Frau Riekel und ihr Lebensgefährte Helmut Markwort offensichtlich machen können, was auch immer sie wollen, wären sie längst gefeuert worden. Und das völlig zu recht.  Ich halte Riekels Argumentation für eine Niederlage des Journalismus.</p>
<p>Stellen wir uns vor, Kai Diekmann hätte <em>Bild</em>-Reporter auf Franz Müntefering angesetzt, damit sie dessen Liebesgeschichten ausspionieren. Er wäre weg. Die <em>Spiegel</em>-Chefredakteure, die den Kodex auch gebrochen haben um im Blatt über eine angebliche Affäre zwischen Oskar Lafontaine und Sahra Wagenknecht spekulieren zu lassen fand ich auch schon eklig, aber die haben wenigstens die Existenz der Regeln anerkannt, sie haben sich nur ziemlich schmierig daran vorbei argumentiert (weil die angebliche Afäre zu Lafos Rückzug aus der Bundespolitik geführt haben sollte, wäre sie quasi politisch gewesen). Aber Riekel hält das Liebesleben von Münte für &#8220;Fair Game&#8221;. Sie behauptet einfach, diese Regel hätte es nie gegeben. Sie lässt verlautbaren:</p>
<blockquote><p>Spitzenpolitiker wie Franz Müntefering haben Vorbildfunktion. Ihr Privatleben ist daher für die Öffentlichkeit von Bedeutung, weil sie Leitfiguren unseres Wertesystems sind. Ihr privates Verhalten hat daher Auswirkungen auf die Moral der Gesellschaft und damit unter Umständen auch auf politische Entscheidungsprozesse.
</p></blockquote>
<p>Die Zauberworte hier sind &#8220;unter Umständen&#8221;, denn unter Umständen hat tatsächlich alles Auswirkungen auf politische Entscheidungsprozesse. Nach dieser schäbigen Logik dürfte man Politiker und alle anderen Vorbilder tatsächlich immer ausspionieren, wie es Riekel tun ließ. Sie hat ja nicht nur Reporter auf das Privatleben des SPD-Vorsitzenden angesetzt, sondern offenbar eine Firma, die als Detektei eingetragen ist. Aber unabhängig von den unglaublichen Methoden inklusive technischer Überwachung, die die Riekel-Schnüffler angewandt oder geplant haben sollen, gilt ganz einfach der Satz: Die <em>Bunte</em> hatte im Privatleben von Politikern nichts verloren. Sie konnten jeden von ihnen nach seinem Privatleben fragen. Mehr nicht.</p>
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<p>Diese Geschichte ist eine Schande: Für sie, für ihren Verlag (dessen Untätigkeit noch dazu beiträgt) und für unsere gesamte Branche. Wir sind Journalisten, keine Spanner, die im Gebüsch liegen um herauszufinden, ob und mit wem Parteivorsitzende ein Sexualleben haben. Ich bin ein freier Journalist und ich fühle mich von Frau Riekel und ihren Methoden beleidigt. Der Ruf unseres Berufsstandes gehört ohnehin zum niedersten. Frau Riekel trifft die Verachtung offensichtlich zu recht, aber ich leide mit darunter, wegen ihr. Eigentlich erwarte ich von ihr auch eine Entschuldigung.</p>
<p>Ich höre im Nachklapp des Rücktritts der Bischöfin Käßmann immer wieder, sie hätte die Sauf-Affäre durchstehen sollen und das Amt weiter führen. Aber ich halte das für unmöglich. In dieser Medienlandschaft muss man sich nicht einmal etwas zu Schulden kommen lassen, um von schmierigen Aasgeiern wie den <em>Bunte</em>-Schnüfflern und ihren Auftraggebern verfolgt zu werden, wenn man ein bisschen prominent ist. Um wie viel härter wäre es bei einer Frau geworden, die durch ihren Fehltritt zu Recherchen über das, was sie abends tut, in den Augen von Riekel und ihren Mitstreitern geradezu eingeladen hat? Sie hätten sie niemals in Ruhe gelassen, und ich kann nicht umhin zu glauben, dass auch diese Art der Berichterstattung dazu geführt hat, dass Amtsträger, vor allem Politiker, bei uns weniger Menschen zu sein scheinen als Phrasendresch-Maschinen ohne Eigenheiten. Wer würde denn in einem solchen Klima wirklich er selbst sein wollen? Klaus Wowereit hat sich offenbar weit gehend von den konventionellen Zwängen befreit und darf als Partybürgermeister Berlin regieren, aber wenn schon einem Mann wie Franz Müntefering der Wohnungseingang elektronisch überwacht werden soll, um herauszufinden, wer da wann hineingeht, was soll dann erst mit Politikern geschehen, die vielleicht erst halb so alt sind, tatsächlich Affären haben oder irgendwelche sexuellen Vorlieben, die Frau Riekel merkwürdig findet? Die Antwort ist: Sie werden sich einmal mehr überlegen, ob sie sich in der Politik wirklich in die erste Reihe stellen, und das bedeutet, der Personal-Pool aus dem wir die Führungskräfte des Landes rekrutieren wird noch schmaler. Jetzt darf man schon nicht mehr nur kein Geld verdienen wollen, um in die Politik gehen zu können, jetzt darf man nach der Riekelschen Logik auch keine Privatsphäre mehr erwarten. </p>
<p>Hätte Willy Brandt mit seinen Frauengeschichten Kanzler sein können, wenn ihm neben der Stasi auch noch <em>Bunte</em>-Detektive hinterher geschnüffelt hätten? Wäre er überhaupt angetreten in den heutigen medialen Umständen? Oder hätten wir auf unseren besten Kanzler einfach verzichten müssen, weil er sich den Schmutz nicht angetan hätte?  Ich glaube, der Fall Käßmann zeigt: Es gibt viele gute und geeignete Kandidaten, die sich nicht alles antun lassen. Das ist unser Verlust.</p>
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		<item>
		<title>Man wird doch mal fragen müssen</title>
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		<pubDate>Tue, 15 Dec 2009 15:56:17 +0000</pubDate>
		<dc:creator>mikis</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Wer spüren will muss hören: Diesen Text gibt es auch  [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Wer spüren will muss hören: Diesen Text gibt es auch als Podcast – dank <a href="http://bodalgo.com">bodalgo.com</a>, dem Online-Marktplatz für Sprecher</p>
<p><a href="http://print-wuergt.de/audio/Fragen_muessen.mp3">Audio-Datei herunterladen (Fragen_muessen.mp3)</a> </p>
<p>Ich bin ein wenig ratlos: Soll ich wirklich glaube, dass ein Bundeswehr-Oberst unter Umgehung einiger Einsatzregeln und mit glatten Lügen (&#8220;Troops in contact&#8221;) einen Luftangriff befiehlt, um eine Reihe Taliban umzubringen, dabei mehr oder weniger offensichtlich den Tod von Unbeteiligten in Kauf nimmt, das Bundestagsmandat weit überreizt ohne seinen Rechtsberater, der neben ihm steht, auch nur um Rat zu fragen – und alles auf eigene Veranlassung, ohne eine politische Weisung, in Afghanistan jetzt aber mal härter durchzugreifen?<br />
Und soll ich dann tatsächlich Respekt für einen Verteidigungsminister haben, der im gleichen Atemzug Oberst Klein die volle und alleinige Verantwortung für diese Entscheidung überschreibt, aber dabei behauptet, er würde ihn nicht fallen lassen? Weil sich das &#8220;nicht gehöre&#8221;?<br />
Wenn Oberst Klein getan hat, was der Bundesverteidigungsminister behauptet, nämlich durch schwer zu vermittelnde Verfahrensfehler im Einsatz, durch falsche Angaben und durch sein Vertrauen in zweifelhafte Informationen viele, viele Leben vernichtet, dann gehörte es sich durchaus, ihn fallen zu lassen und anzuklagen. Aber ich glaube das nicht. Ich glaube, die Regierung verschweigt uns, dass sie in Afghanistan die Strategie geändert hat – und dass der Luftangriff von Kundus ein Fehlschlag im Rahmen dieser neuen Strategie ist.<br />
Das für mich völlig Bizarre an diesem Fall ist: Der Verteidigungsminister redet und redet, zuletzt wieder eine gefühlte ganze Nacht bei <em>Beckmann</em> – ohne, dass er irgendetwas dabei sagt (gut, bei Beckmann war echte Aufklärung vielleicht auch nicht zu erwarten, aber warum fragt er den Minister nicht einfach, wo er schonmal da ist?). Karl Theodor zu Guttenberg verweigert die Aufklärung der Ereignisse mit dem Hinweis, es gäbe ja nun einen Untersuchungsausschuss, was nichts anderes ist als der Versuch, sich von seinem eigenen Ministerium so weit fern zu halten, als gehöre er nicht dazu (denn natürlich ist der Verteidigungsminister als erster in der Pflicht, die Vorgänge in seinem Amtsbereich zu kennen).<br />
Wir wissen, dass es vor Ort eine geheime &#8220;Task Force 47&#8243; gibt, von deren Kommandostand aus der Luftangriff befehligt wurde. Wir wissen, dass an der Task Force Soldaten des Kommandos Spezialkräfte (KSK) beteiligt sind. zumindest die wird sich Oberst Klein nicht ohne Wissen seiner Regierung und des zuständigen Ministers selbst geschnitzt haben. Aber wir lassen Guttenberg vom Haken und ihn eine Show abziehen, an der mich vor allem eines zutiefst stört: Er tut so, als stelle er sich vor die Soldaten. Aber er tut das Gegenteil: Er flüchtet so weit wie möglich weg von den Einschlägen. Und wir wenden für Guttenberg die Unschuldsvermutung an, obwohl das bedeutet, die Schuld zu verschieben auf Menschen, die in Afghanistan einen schwierigen Dienst tun und sich nicht pausenlos vor jeder Kamera zu Wort melden können.<br />
Oberst Klein wollte mit seinem Angriff am 4. September viele Menschen töten, das steht wohl fest. Die Frage, die als erste zu beantworten ist muss doch sein: War das politisch so gewollt und beschlossen oder nicht? Hatte er die Anweisung, die Strategie in diesem Sinne zu ändern oder nicht? Ich glaube nicht, dass die Frage, über die wir hier sprechen ist, ob Kleins Verhalten &#8220;militärisch angemessen&#8221; war. Militärs lösen ihre Aufgabenstellungen militärisch, und der Luftschlag war militärisch in jedem Fall sehr effektiv. Aber unabhängig von völkerrechtlichen Fragen der Angemessenheit ist die Frage, ob ein deutscher Offizier eigenmächtig und sehenden Auges den verheerendsten deutschen Militärschlag seit dem Zweiten Weltkrieg befohlen hat – oder ob es die Anweisung dazu gab. Dass der Luftschlag nach unserer Einschätzung unangemessen war heißt auch: Einer von beiden ist schuldig, der Soldat oder seine Regierung. Einer von beiden hat beschlossen, dass wir nun Menschen töten, auch wenn sie uns nicht direkt angreifen. Und egal ob wir finden, dass das in Afghanistan die angemessene Strategie ist – abgesprochen war das nicht.<br />
Ganz persönlich bin überzeugt, wir sollten tatsächlich hinter denen stehen, die weit entfernt unter großem Druck und in unserem Auftrag ihr Leben riskieren. Im Gegensatz zu den hohlen Worten des Ministers sollten wir Oberst Klein tatsächlich nicht fallen lassen, wie wir es tun, wenn wir wie Reinhold Beckmann den Minister seine Worthülsen verbreiten lassen, ohne ihn wirklich zu hinterfragen.<br />
Die Frage ist einfach: Habt ihr, die Regierung, Oberst Klein angewiesen, von nun an rigoros Taliban-Anführer auszulöschen? Und wenn nicht: Was macht die KSK da? Was macht diese Task Force da? Und nein, Herr Minister, es ist nicht die Aufgabe eines Untersuchungsausschusses, ihre Arbeit zu machen.<br />
Ich bin mir bei Weitem nicht sicher, dass die Frage, wann wer etwas von zivilen Opfern gewusst hat die einzige Frage ist, in der wir angelogen werden. Ich glaube, dass das Abenteuer Afghanistan mit seinen verfassungsrechtlichen Implikationen den Verantwortlichen längst über den Kopf gewachsen ist und sie keine klare Linie mehr finden. Ich habe sogar Verständnis dafür. Aber es ist ekelhaft, wenn dieser Schlingerkurs im Halbschatten auf Kosten von Soldaten gefahren wird, die uneingeschränkte Unterstützung brauchen und verdienen. Und es ist leider auch kein Ruhmesblatt für die Presse, wenn wir uns wie in den letzten Wochen vom Kleinklein ablenken lassen von den Fragen, die wirklich wichtig sind.</p>
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		<title>Die Partei, die Partei, die ist immer schlecht</title>
		<link>http://print-wuergt.de/2009/11/29/die-partei-die-partei-die-ist-immer-schlecht/</link>
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		<pubDate>Sun, 29 Nov 2009 11:10:10 +0000</pubDate>
		<dc:creator>mikis</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Nikolaus Brender wird also nicht mehr Chefredakteur des [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Nikolaus Brender wird also nicht mehr Chefredakteur des ZDF sein, sein Vertrag wird nach zwei Amtszeiten von je fünf Jahren nicht mehr verlängert, und schuld daran ist Roland Koch, der schon seit einem Dreivierteljahr erklärt, er halte Brenders Arbeit als Manager des ZDF-Journalismus für nicht gut genug. Nun geht ein Aufschrei durch die Republik, der wirkt, als wäre die Demokratie in Gefahr, wegen des unerträglichen Hineinregierens der Parteien oder gar der Regierungen in die Öffentlich-Rechtlichen Sender. Das macht mir Bauchschmerzen. Denn ich halte den Vorgang im Verwaltungsrat für einen der Fälle, in denen die Demokratie ihre große Schwäche offenbart – nämlich die, dass sie von Menschen ausgefüllt wird. Ein großer Teil der Kritik ist allerdings geradewegs undemokratisch. Und es scheint, als dürfe man das einfach sein.<span id="more-219"></span><br />
Eins vorweg: Ich mag und schätze Nikolaus Brender und ich mag Roland Koch nicht.  Für mich ist er ein Demagoge, der selbst vor Rassismus nicht zurückschreckt, wenn er meint, das nütze ihm. Und ich bin mir ziemlich sicher, es geht sehr <a href="http://www.stefan-niggemeier.de/blog/ein-synonym-fuer-roland-koch/">vielen Kollegen so</a>. Nach meinem Empfinden erklärt allein die Tatsche, dass mit Roland Koch der Böse in dieser Geschichte gleichzeitig der wahrscheinlich für die meisten Menschen abstoßendste und polarisierendste unter unseren demokratischen Politikern ist auch, dass sich so eine breite Front in der Causa Brender gefunden hat. Koch zu hassen ist leicht. Ihm traut man nicht nur jede Sauerei zu, sondern eigentlich gar nichts anderes.<br />
Der Vorwurf lautet, &#8220;die Parteien&#8221; würden sich in den Öffentlich-Rechtlichen Rundfunk einmischen und nur nach Proporz entscheiden. Und die Antwort darauf lautet natürlich: Ja, genau. So ist das System gedacht. In einer Demokratie bündeln die verschiedenen Lager ihre Ideen in Parteien, die werden gewählt und in der Regel entscheidet die Mehrheit. Da, wo es um Dinge geht, die nicht von einer Regierung direkt entschieden werden können sollen (wie der Erste Journalist in einem Öffentlich-Rechtlichen Sender), sorgt der Proporz dafür, dass eben nicht eine Regierung allein entscheidet, sondern die Minderheitsparteien ihren Anteil an Mitbestimmung haben. Parteienproporz ist ein Mittel der Demokratie.<br />
Einige Kommentatoren haben den Einfluss der Parteien gleichgesetzt mit einem Einfluss &#8220;des Staates&#8221; – in der <em>FAS</em> schafft es Stefan Niggemeier in einem Text gleichzeitig darauf richtigerweise hinzuweisen, im 14-köpfigen Verwaltungsrat des ZDF dürften überhaupt nur sechs Regierungsmitglieder vertreten sein (übrigens aus jeder Art von Legislative), aber gleichzeitig zu konstruieren, &#8220;die Ministerpräsidenten&#8221; bestimmten über den Chefredakteur. So einfach ist es eben nicht (abgesehen davon, dass Ministerpräsident Kurt Beck dem Gremium vorsteht, in dem er offensichtlich keine Mehrheiten organisieren kann, der zwar qua Amtes mit Koch gemeinsam als &#8220;die Ministerpräsidenten&#8221; firmieren mag, aber inhaltlich dann doch erkennbar auf einer anderen Seite steht). Niemand wird davon ausgehen können, dass Roland Koch beim ZDF einen Chefredakteur von seinen Gnaden installieren kann. Das geht nicht. Es kann auch niemand glauben, dass die Journalisten des ZDF die Maßnahme als eine Disziplinierung begreifen, der sie sich ängstlich beugen um in Zukunft nur noch Jubelberichte über die CDU zu veröffentlichen. Der nächste Chefredakteur, der wie üblich einen auf fünf Jahre befristeten Arbeitsvertrag unterschreiben wird, wird es nicht als Damoklesschwert empfinden, dass dieser – wenn sich der Journalist nicht untertänig genug verhält – vielleicht nicht oder wie bei Brender nur ein Mal verlängert werden wird. Die freie Meinungsäußerung ist nicht in Gefahr.<br />
Ich glaube Roland Koch seine Gründe für eine Ablehnung Brenders nicht. Ich weiß nicht, was er sich von Brenders Nachfolger verspricht, aber ich glaube nicht, dass der nächste ZDF-Chefredakteur ein schlechter Journalist wird. Selbst die Proporz-kritische FAS schreibt, es müsse wegen des &#8220;ZDF-Strickmusters&#8221; ein Linker sein, der für die rechte Mehrheit des Verwaltungsrates wählbar ist. Und obwohl das nicht meiner persönlichen politischen Überzeugung entspricht muss ich sagen: Wenn so das Ergebnis von Proporz aussieht, dann ist das eher salomonisch als gefährlich.<br />
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</script><br />
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</script></p>
<p>Die Gefahr des Augenblicks ist meiner Meinung nach eine andere: In all den Artikeln, Blogbeiträgen und Sendungen bleibt unwidersprochen der Eindruck zurück, &#8220;die Parteien&#8221; wären undemokratische Organe, die nur an ihren eigenen Interessen der Machtausübung und Einflussnahme interessiert sind. Journalisten sehen das gerne so, denn sie betrachten sich nicht nur als über den Dingen schwebende Satelliten, die ob der besseren Übersicht und ihrer Unabhängigkeit alles überblicken, sie wissen es auch noch besser. Die Wahrheit ist natürlich eine andere: Wenn Parteien ihre eigenen Interessen ausüben, ihre Machtbereiche behaupten und neue erkämpfen, dann ist das nicht ein notwendiges Übel der Demokratie. Es ist die Demokratie selbst.<br />
Es gibt in Deutschland mehr als 80 Millionen Meinungen zu jedem Thema. Sie in händelbare politische Forderungen zu bringen ist Aufgabe der Parteien. Dafür kann jeder von uns eine Partei gründen oder in eine bestehende eintreten. Das ist Demokratie. Es ist anstrengend, nervig und großartig.<br />
Ich nehme an, wir sind uns einig, dass ein Gremium über den ZDF-Chefredakteur entscheiden soll und nicht der Intendant allein (oder gar der Ministerpräsident von Rheinland-Pfalz, weil Mainz zufällig in seinem Bundesland liegt). Und so sehr ich Roland Koch auch persönlich hasse: Er konnte die extrem fragwürdige Entscheidung, die er getroffen hat, nur treffen, weil er von einer ausreichenden Zahl mündiger Hessen in das Amt gewählt worden ist, das er nun einmal leider innehat. Auch das ist Demokratie. Wenn Koch das Gefühl hat, er müsse in diesem Gremium die Belange der CDU vertreten, dann passt mir das persönlich nicht, aber es ist Demokratie. Man kann Roland Koch alles mögliche vorwerfen (und teilweise ist echt ekliges Zeug dabei, ohne Frage), aber er arbeitet seit jungen Jahren an dieser und für diese Demokratie. Nach meiner persönlichen Ansicht auf die völlig falsche Art, aber es hindert mich niemand daran, in einer anderen Partei für das Gegenteil zu arbeiten. Jetzt so zu tun, als wären &#8220;die Parteien&#8221; Naturereignisse, die über uns kommen und tun was sie wollen, und als wäre außerdem das, was sie wollen, undemokratisch, ist sehr, sehr preiswerte Kritik.<br />
Mir ist es recht, wenn das Proporzsystem des ZDF-Verwaltungsrates weiter verfeinert wird, aber ich glaube (und muss da – ich hasse es! – Roland Koch recht geben), dass wer immer in dem Gremium sitzt seine politischen Überzeugungen mitbringen wird, darf und sogar sollte. Ich glaube (und muss da Kurt Beck recht geben), dass es sich hier um den Fehler eines Einzelnen handelt, nicht um den des Systems. Denn auch wenn es Journalisten ob ihrer eingebildeten und oft arrogant gegenüber anderen herausgestellten Unabhängigkeit nicht einsehen wollen: Das Organ, das in unserer Demokratie die Überzeugung vieler bündelt ist eine Partei. Und nur weil die Kommenatoren alles besser wissen heißt das nicht, dass die gebündelte Überzeugung der vielen kein Grund ist, in jedem Lebensbereich um Macht und Einfluss zu ringen. Das ist das demokratische System, und ich kenne kein besseres.<br />
Es würde den Bürgern in Hessen sogar ermöglichen, Roland Koch ob seiner schmierigen Winkelzüge bei nächster Gelegenheit abzuwählen.</p>
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		<title>Wenn das Gehirn nicht reicht – die FAS und die Bildung</title>
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		<pubDate>Sun, 22 Nov 2009 11:53:15 +0000</pubDate>
		<dc:creator>mikis</dc:creator>
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		<category><![CDATA[Wir sind so]]></category>

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		<description><![CDATA[Frank Schirrmacher, Herausgeber der Frankfurter Allgeme [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Frank Schirrmacher, Herausgeber der <em>Frankfurter Allgemeinen,</em> ist ein großer Kampagnen-Journalist, und im Moment ist sein großes Thema, dass <a title="Schirrmacher Interview bild" href="http://www.bild.de/BILD/politik/2009/11/20/faz-herausgeber-frank-schirrmacher-behauptet/internet-vermanscht-gehirn-das-interview.html" target="_blank">sein Gehirn für die moderne Zeit nicht ausreicht</a>, also, niemandes Gehirn, und schuld daran ist das Internet. Vielleicht liegt es daran, dass in seiner <em>Sonntagszeitung</em> heute eine Geschichte zur Hamburger Bildungsreform steht, die in ihrer Schlichtheit wahrscheinlich in keinem Blog der Welt hätte stehen können – Papier ist manchmal offensichtlich zu geduldig. Meine beiden Kinder sind von dieser Reform direkt betroffen, deshalb verfolge ich das Gezerre sehr interessiert, und der Text heute in der FAS ist so unfassbar voreingenommen, dass man sagen muss, er ist von Qualitätsjournalismus tatsächlich weiter entfernt als selbst die Pamphlete der Initiative gegen die Reform. Wäre die <em>FAS</em> ein Fußballspiel würde ich auf der Tribüne &#8220;Hoyzer, Hoyzer&#8221; schreien.</p>
<p><span id="more-180"></span></p>
<p>Leider kann ich hier nur den kostenpflichtigen Archiveintrag <a title="FAS Archiv" href="http://www.faz.net/IN/INtemplates/faznet/default.asp?tpl=common/zwischenseite.asp&amp;dx2={BDED8996-D72F-1896-CD44-2EE2B655E506}&amp;rub={0648F7DD-FE11-4B62-A2F6-0E01C0937822}" target="_blank">verlinken</a>, so ist das bei der <em>FAZ</em> und <em>FAS</em>, aber ich fasse mal kurz zusammen: In Hamburg hat eine Initiative offenbar mehr als 180.000 Unterschriften gegen zwei Kernpunkte der umstrittenen Schulreform des Schwarz-Grünen Senats gesammelt, nämlich gegen die Einführung einer Sechsjährigen &#8220;Primarschule&#8221; und gegen den Wegfall des Elternwahlrechts bei der Schulform der weiterführenden Schule (zwar entscheidet auch heute schon nach der sechsten Klasse ausschließlich die Lehrerkonferenz, aber die Eltern erhalten nach der vierten Klasse eine Empfehlung, die sie ignorieren können).</p>
<p>Die Autorin Heike Schmoll beginnt ihren Artikel mit einem stimmungsvollen szenischen Einstieg bei dem tapfere Unterschriftensammler (&#8220;Mütter&#8221;) bei fürchterlichem Hamburger Wetter (für die Autorin hat es drei Wochen lang durchgehend in Hamburg geregnet, was mir als Hamburger Fahrradfahrer entgangen sein muss) viel Zuspruch für ihre Aktion ernten. Nicht erwähnt wird in der <em>FAS</em>, dass Studenten als Sammler für jede Unterschrift einen Euro Prämie erhalten haben und deshalb wie Drückerkolonnen mit dem Spruch &#8220;Unterschreiben Sie hier für bessere Bildung!&#8221; durch die Einkaufszentren der Stadt gelaufen sind, aber okay: Es gab sicher diese Mütter, die hier nun erzählen, wie begeistert sie sind von &#8220;der bürgerlichen Courage, mit der sie weite Teile der Stadt inspiriert haben.&#8221;</p>
<p>Das ist, wie gesagt, ein Zitat einer Sammlerin. Es lässt sich schwer belegen, denn zumindest von den organisierten Bürgern scheinen diese Courage nicht alle zu fühlen: Unterstützt wird das Begehren der Initiative &#8220;Wir wollen lernen&#8221; von gerade mal zwei Parteien – der FDP und der NPD, was vielleicht daran liegt, dass die erklärten Profiteure der Reform die Kinder der ärmeren Schichten – sprich: viele Ausländerkinder – sein sollen (man kann darüber streiten, ob sie es sein würden, aber erklärt ist es so). Beide Parteien sind nicht im Parlament, der Hamburgischen Bürgerschaft, vertreten und freuen sich vor allem, mal in der Zeitung zu stehen. Wenn nun also diese inspirierte bürgerliche Courage nicht belegbar ist, dann wird man das Zitat in einem Qualitätsmedium wie der <em>FAS</em> wohl wenigstens einbetten, mit Indizien unterfüttern oder, wenn es wirklich nichts ist als die Aussage einer offensichtlich Parteiischen, eine Gegenbeobachtung einholen? Nicht Heike Schmoll.</p>
<p>Sie wird, im Gegenteil, richtig dreist: Von nun an werden sogar wissenschaftliche Aussagen nicht mehr belegt. Ich zitiere mal: &#8220;Eine auf sechs Jahre reduzierte Gymnasialbildung wird die Schüler jedenfalls kaum studierfähiger machen&#8221;. Sagt wer? Sie werden es nicht glauben: Heike Schmoll. Das ist im Text kein Zitat. Es ist ihr Lauftext. Angeblich widersprächen ALLE Gesamtschulstudien dem, was der Hamburger Senat als Voraussetzung der Reform als gegeben sieht (dass längeres gemeinsames Lernen die Integration von ausländischen Kindern fördert). Quelle? Keine. Dafür werden zitiert: ein namenloser aber &#8220;namhafter Bildungsforscher&#8221; und &#8220;ein Vater&#8221;. Natürlich gegen die Reform. Ich habe schon genauere Quellenangaben für Zitate in <em>InTouch</em> gelesen.</p>
<p>Damit das klar ist: Das ist nicht meine Reform. Ich glaube prinzipiell an längeres gemeinsames Lernen, aber nur, wenn es gut gestaltet ist, und ich bin besonders von der chaotisch wirkenden Umsetzung und der grandios schlechten kommunikativen Vermittlung der Reform sehr enttäuscht. Aber ich bin auch im Elternrat einer Grundschule. Meine letzte Zahl ist, dass sich von 400 Hamburger Elternräten 20 gegen die Reform ausgesprochen haben, 380 – teilweise sicher mit Bedenken – grundsätzlich dafür. Aber Heike Schmoll setzt die 180.000 Unterzeichner (nebenbei bevor ausgezählt ist, wie viele Unterschriften gültig sind) mit &#8220;Eltern&#8221; gleich, obwohl die Initiativen überall Unterschriften gesammelt haben – aber nicht an der Grundschule in Sankt Pauli, auf die meine Tochter geht. Natürlich haben viele unterschrieben, die gar keine Kinder haben – und viele derjenigen, um deren Kinder es vor allem geht, wurden nie gefragt. Das finde ich okay. Dies ist eine Demokratie, in der man seine eigenen Interessen auch robust vertreten darf. Aber Journalismus wäre, das auch aufzuschreiben – ohne einzig seine eigenen Überzeugungen zu verbreiten und alles zu verschweigen, was ihnen widersprechen könnte. Ich weiß nicht alles über diese Schulreform. Aber ich weiß, dass der Text von Heike Schmoll und der Eindruck, den sie erweckt, in weiten Teilen einfach nur falsch sind. Selbst in einem deutlich gekennzeichneten Kommentar entspräche dieses Werk nicht den einfachsten journalistischen Ansprüchen, und da muss man sich dann auch fragen, wie er ins Blatt gelangen konnte. Ein &#8220;namhafter Bildungsforscher&#8221; ohne Namen? Eine Mutter sagt, ein Vater sagt? Das reicht für die <em>FAS?</em> Bizarr.</p>
<p>Ich bin, wie gesagt, in meiner Haltung unentschlossen. Ich versuche, die Lehrer der Schule meiner älteren Tochter (die Kleinere ist noch nicht in der Schule) zu unterstützen, das Beste draus zu machen. Ich habe heute morgen gedacht, ein <em>FAS</em>-Artikel zum Thema würde die Probleme gelassen und aufschlussreich beleuchten. Jetzt bin ich regelrecht schockiert. Eine derart einseitige, tendenziöse Berichterstattung habe ich zu diesem Thema nirgendwo erlebt, absolut nirgendwo. Und ich kann nicht glauben, dass das ein Zufall sein kann. Derartig schamlos Fakten einfach zu ignorieren, und zwar alle so, dass die Geschichte in eine bestimmte Richtung zeigt, ist ekelhaft. Und ganz besonders schlimm finde ich ein kleines Detail recht am Anfang: Als die tapferen Mütter im Hamburger Schietwetter den Elementen trotzen, um couragiert für ihre gute Sache zu kämpfen, da bietet ihnen eine Frau, die offenbar einen Marktstand hat, Probierhäppchen an. Sie findet die Initiative gut: &#8220;Ich will entscheiden für meine Kinder.&#8221; Die Marktfrau wird nicht als Marktfrau identifiziert, was das mit den Probierhäppchen erst einmal komisch macht. Denn Heike Schmoll schreibt &#8220;eine Türkin bietet ihnen Probierhäppchen an&#8221;. Was es für eine Rolle spielt, dass die Frau Türkin ist? Weiß ich doch nicht. Keine. Aber hingeschrieben wurde es offensichtlich, um vorsorglich dem Rassismusvorwurf entgegenzutreten (den Reformgegnern wird gerne vorgeworfen, sie wollten ihre Kinder nur von den Schmuddelkindern separiert sehen) und zu zeigen, dass selbst die Türken gegen die Reform sind. Das ist so eklig, mich schüttelt es.</p>
<p>Im Gegensatz zu Herrn Schirrmachers kommt mein Gehirn ganz gut mit dem Internet zurecht. Beim Papier bin ich mir gerade nicht ganz sicher. Frau Schmoll nennt in der <em>FAS</em> die Schulreform eine &#8220;systematische Bildungsverflachung&#8221; (wie gesagt nicht in einem Kommentar, sondern in ihrem Artikel). Sie hat offensichtlich ihre eigene Agenda. Was sie hier tut ist weniger Journalismus als Propaganda. Es mag ja sein, dass im Verhältnis zu ihrer Expertise alle Hamburger Politiker, Lehrer und Eltern, die die Reform unterstützen, Idioten sind. Aber sie haben sich auch ihre Gedanken gemacht. Ich zum Beispiel. Frau Schmoll kann mich gerne zum Idioten erklären, wenn sie das will, da bin ich weder sensibel noch nachtragend. Aber in einer Sache schon: Journalismus ist das nicht, und in die <em>FAS</em> gehört es so auch nicht.</p>
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		<title>Das Buchholz-Attentat</title>
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		<pubDate>Thu, 19 Nov 2009 20:44:23 +0000</pubDate>
		<dc:creator>mikis</dc:creator>
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		<category><![CDATA[Wir sind so]]></category>

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		<description><![CDATA[Bei Gruner &#38; Jahr sind sie also kurz davor, sich zu [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Bei Gruner &amp; Jahr sind sie also kurz davor, sich zu hauen – bereits auf der <a title="Böse Briefe in der SZ" href="http://www.sueddeutsche.de/45n38b/3146836/Boese-Briefe.html" target="_blank">Eskalationsstufe Hitlervergleiche</a>. Und schuld daran ist wieder nur die Angst. Wenn man den Redaktions-Beiräten glauben darf, dann haben die Redaktionen entweder nicht verstanden, was Bernd Buchholz mit dem Verlag vorhat, oder sie haben es verstanden und können es nicht glauben. Sie haben Angst, dass es stimmt. Für alle, die den Feinheiten der deutschen Print-Landschaft ob ihrer langweiligen Berechenbarkeit nicht regelmäßig folgen: <a title="Bernd Buchholz" href="http://www.guj.de/index2.php4?/de/denken/vorstand/buchholz.php4" target="_blank">Bernd Buchholz</a>, der noch recht frische Vorstandsvorsitzende des traditionsreichen Verlages von unter vielen anderen <em>Stern</em>, <em>Brigitte</em> und <em>Geo</em> hat im Wesentlichen drei Wege skizziert, wie der Verlag in Zukunft weiter sehr viel Geld verdienen soll: Zum einen soll er seine Zeitschriften billiger produzieren, indem er in einem &#8220;Plattformsystem&#8221; Zeitschriftenteile titelübergreifend in einer Art One-Size-Fits-All-System erstellen lassen will (wir erinnern uns, dass so zum Beispiel in der DDR auch Häuser gebaut worden sind). Zweitens möchte er das so genannte Corporate Publishing ausbauen, bei dem Gruner &amp; Jahr als Auftragnehmer zum Beispiel Kundenzeitschriften für andere Firmen erstellt. Und er möchte drittens als eine Art Informationshändler mit einem Datenbanksystem wertvolle Informationen an professionelle Kunden verkaufen.</p>
<p>Alles drei sind Punkte, die für Journalisten, die bisher mit relativ großer Freiheit und einigem Komfort zum Beispiel bei <em>Stern</em>, <em>Geo</em> oder <em>Brigitte</em> arbeiten durften ziemliche Zumutungen bedeuten. Aber vor allem sind sie eines nicht: Ideen, wie man in Zukunft den Journalismus weiter entwickelt. Journalismus spart man so höchstens kaputt, oder verabschiedet sich ganz von ihm. Deshalb haben die Redaktionsbeiräte (die haben da schon tolle Sachen, bei Gruner: Redaktions-Beiräte. Geil!) der drei aufgeführten Titel Bernd Buchholz geschrieben, bei seinen Plänen ginge es wie immer nur ums Geld, und Buchholz schrieb zurück, das sei jawohl eine Frechheit und er würde jetzt gar nicht mehr mit ihnen reden. Und dann schrieb der <em>Geo</em>-Chefredakteur was von einem Hitler-Attentat und alle schreien seitdem durcheinander. Weltklasse für Deutschland.<span id="more-171"></span></p>
<p>Natürlich steckt da eine Lehre drin, und wenn wir aufhören würden zu schreien, könnten wir drüber reden. Denn tatsächlich ist es doch so: Bernd Buchholz ist weder blöd noch böse. Er hat ganz offensichtlich keine große Vision für den Printjournalismus, vielleicht nicht einmal für irgend einen anderen, aber wenn er keine hat, dann muss das nicht an ihm liegen. Vielleicht ist es auch ganz anders: Vielleicht ist auch einfach das System Großverlag kaputt.</p>
<p>Bis alles bezahlt ist, was zum Organismus der Zeitschrift gehört, kostet jede Seite im <em>Stern</em> 5000 Euro. Das ist viel Geld. Ich glaube, es ist zu viel. Wer in Zukunft mit Printobjekten Geld verdienen will, darf nur einen Bruchteil davon ausgeben – darf aber gleichzeitig natürlich nicht vielfach schlechter sein als der <em>Stern</em>. Die gute Nachricht ist: Das geht. Die schlechte – für Gruner &amp; Jahr – ist: Es geht nur, wenn man alles Geld, das man hat, in Inhalte steckt, und nicht in Gebäude, mittleres Management und Fahrzeugflotten. Die Großverlage, wie es sie heute gibt, sind zu groß, zu schwerfällig und langsam. Und wie alle anderen Medienmanager auch spart Buchholz seine Produkte kaputt anstatt alles andere aufzugeben. Er macht ein ineffizientes System kleiner, aber dadurch kein bisschen effizienter.</p>
<p>Nur als Beispiel: Jeder dieser Großverlage hat ein Heer von Anzeigenverkäufern, die im Regelfall nur die wichtigsten Titel des Verlages wirklich kennen, aber von allen Titeln anteilig bezahlt werden. Als Budget-verantwortlicher Chefredakteur eines kleinen Titels in einem großen Verlag bezahle ich 40 Anzeigenverkäufer mit, die meinen Titel als 15. beim Kunden hinlegen und nichts dazu erzählen können als das, was in irgendeiner schwachsinnigen Broschüre steht. Das ist weit weniger effizient als wenn ich einen einzigen Verkäufer direkt bezahle, der dafür aber von meinem Titel eine Ahnung hat und ihn mit Herzblut verkauft. Denn Anzeigen verkaufen sich nicht mehr von allein. Oder, noch ein Beispiel: Jeder von uns kennt die Geschichten (oder hat es selbst erlebt), dass es oftmals billiger wäre, den Konferenzraum im Hotel gegenüber zu buchen als den im eigenen Haus. Aber das darf man nicht im System Großverlag – es sind ja alles Profitcenter.</p>
<p>Man muss kein Prophet sein um zu wissen, was bleibt, man muss auch nur gucken, was funktioniert um sagen zu können, was kommt. Printobjekte die funktionieren sind entweder die schlank und ungerührt produzierten Massenprodukte im Sinne des Heinrich-Bauer-Verlages, oder aber die schlank in Netzwerken produzierten Luxusprodukte im Stil von <em>Monocle</em> oder <em>Brand Eins</em>. Es mag auch noch ein paar Jahre lang Ausnahmen geben wie <em>Neon</em> oder <em>Landlust</em>, in denen geniales Gespür oder Glück oder eine Mischung aus beidem es Blattmachern ermöglichen, eine Zielgruppe so erschöpfend zu bedienen, dass eine Art Massenprodukt in der Nische entsteht – aber das wird zu selten passieren, als dass große Häuser davon leben könnten.</p>
<p>Es mag unfair sein, dass Konzerne wie Bertelsmann so lange Milliarden mit journalistischen Produkten verdient haben, und jetzt, wo es für den Journalismus eng wird, gehen sie einfach von ihren Renditeerwartungen nicht runter – geschweige denn geben sie jetzt etwas von dem vielen Geld zurück. Aber heulen lindert vielleicht, aber es heilt nicht: Ich glaube, Bernd Buchholz hat recht. Seine Vision von Journalismus ist, vorsichtig ausgedrückt, nicht so dolle. Aber es ist auch niemand gezwungen, Journalismus für und unter Bernd Buchholz zu machen. Ich verstehe ehrlich gesagt die Kollegen nicht, die sich immer noch einbilden, die Situation würde unter einem anderen Manager anders.</p>
<p><em>Stern</em>, <em>Geo</em> und <em>Brigitte</em> sind tolle Hefte. Sie sind außerdem erfolgreich, vor allem gemessen an der Gesamtentwicklung, und sie werden noch eine ganze Weile in der Lage sein, Geld zu verdienen, wenn sie es richtig anstellen. Irgendwann werden sie alle eingehen, aber das Schicksal haben sie mit allen Heften gemein, und es kann noch zehn oder zwanzig Jahre dauern. Aber glaubt tatsächlich noch jemand, sie würden ewig existieren? Zu den gleichen Bedingungen? Kann es sein, dass es Journalisten gibt, die das glauben? Auf welchem Planeten verbringt ihr den Großteil eurer Zeit?</p>
<p>Der Streit klingt danach. Und wenn dem so ist, dann muss man fragen: Hört ihr nicht zu? Buchholz hat doch gesagt, wie es laufen wird. Und ich sehe keinen Grund, daran zu zweifeln, dass er das so meint und das der Konzern genau das von ihm will. Ich habe den Eindruck, es gäbe da Kräfte bei Gruner die glauben, man müsse nur genug gegen den Vorstandsvorsitzenden schießen, dann wird er schon ausgetauscht werden. Als würde es etwas nützen, den Kapitän zu wechseln, wenn man gerade mit einem Containerschiff zum Angeln gefahren ist. Ich hatte auch auf einen visionären Aufbruch und eine letzte große Offensive für Print gehofft. Aber Tatsache ist: Sie wird nicht kommen. <em>Nido</em> alleine wird es nicht richten. Das ganze große Schiff passt nicht mehr zu den Aufgaben, dieman erledigen muss, um die Kohle zu verdienen, die sein Unterhalt kostet.</p>
<p>Wahrscheinlich hat Bernd Buchholz recht. Und das bedeutet auch: Wer keine Lust hat, Corporate Publishing zu betreiben und Datenbanken zu füttern oder die alten Hefte unter schlechteren Bedingungen zu produzieren, was ich alles verstehen kann, der sollte jetzt gehen. Und wer findet, das wäre zu hart formuliert, der sollte sich mal umgucken, was bei Gruner gerade passiert: Da verabschieden sich die Chefredakteure fast schon reihenweise <a title="CRs gehen" href="http://www.horizont.net/aktuell/leute/pages/protected/Thomas-Va%9Aek-verlaesst-P.M.-Magazin--Sprado-uebernimmt-wieder_87455.html" target="_blank">freiwillig in die Selbständigkeit.</a> Welche Hinweise braucht es denn noch?</p>
<p>Wir werden alle Antworten auf die neuen Zeiten finden müssen. Und ich kann alle Kollegen verstehen, die da mit Sorge heran gehen, das tue ich auch. Ich muss auch eine Familie ernähren. Aber wer mehr als drei Jahre von seiner Rente entfernt ist, der sollte sich besser heute als morgen daran machen, die neue Zeit mitzuerfinden, bevor sie ihn überrollt und er nichts mehr zu sagen hat. Denn bisher, da haben die Verfasser des <a title="Internet-Manifest" href="http://internet-manifest.de/" target="_blank">Internet-Manifests</a> ja die richtige Intention gehabt, kommt viel zu wenig Erneuerung aus den großen Häusern von den festangestellten Kollegen, die eigentlich die Sicherheit hätten, um zu experimentieren. Stattdessen müssen es die Freien leisten, die es ohnehin gerade nicht leicht haben.</p>
<p>Am Ende ist es aus meiner Sicht so: Die großen Verlage werden neue Geschäftsfelder erschließen müssen, und Bernd Buchholz ist da vielleicht weiter und ehrlicher als viele andere, die noch schön daherreden. Der Grund dafür ist, dass die Verlage sich nicht rechtzeitig erneuert haben. Und daran sind auch die Redaktionen nicht unschuldig.</p>
<p>PS. Und als hätte ich es geahnt (hab ich aber nicht): Heute wird <a title="Emotion bei Horizont" href="http://www.horizont.net/aktuell/medien/pages/protected/Management-Buy-Out-bei-G%2BJ-Verlagsleiterin-Katarzyna-Mol-kauft-Emotion_88641.html" target="_blank">bekannt</a>, dass die Verlagsleiterin von <em>Emotion</em>, Katarzyna Mol, den Titel von Gruner &amp; Jahr übernimmt und in Eigenregie weiterführt. Ich glaube, die Chancen sind gut, dass man den Titel in einem kleinen, flexiblen Verlag (und den zusätzlichen Angeboten, die rund um die &#8220;Psychologie&#8221;-Marke Emotion sicherlich aufgebaut werden sollen), gutes Geld verdienen kann. Ich finde es richtig und gut (und hoffe, dass alle Kollegen, die nicht von München nach Hamburg kommen wollen, gut wieder unterkommen. Und weise nicht ganz unvoreingenommen auf den wunderbaren jungen Journalistenverband <a title="Freischreiber" href="http://freischreiber.de/" target="_self">Freischreiber e.V. </a>hin).<br />
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		<title>Werther und Medien</title>
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		<pubDate>Tue, 17 Nov 2009 12:09:09 +0000</pubDate>
		<dc:creator>mikis</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Ein paar von euch werden jetzt denken, was ich denke: D [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Ein paar von euch werden jetzt denken, was ich denke: Das stand hier schon tausendmal. Aber offensichtlich muss man manche Sachen sehr oft sagen. Es stimmt ja, dass Schreiber, Medien im Allgemeinen, bei ihren Lesern meist zu viel Vorwissen voraussetzen und ihnen im Gegenzug zu wenig Urteilsfähigkeit zusprechen. Also, noch einmal: Ich glaube, wir sollten die Depressiven in die Mitte der Gesellschaft holen, und deshalb habe ich vorgeschlagen, die Rückennummer 1 bei der Nationalmannschaft bis nach der WM nicht zu vergeben. Das hat, in acht Monaten, mit dem Gedenken an Robert Enke höchstens noch am Rande zu tun. Es geht um ein Symbol. Ich glaube, dass es Depressiven helfen kann, sich Hilfe zu suchen.</p>
<p>Aber es war klar, dass eine große Diskussion daraus wird, und das ist ja auch gut so. Was ich nicht erwartet hätte, ist der meiner Meinung nach falsche Einwand, den Stefan Niggemeier in <a title="Niggemeiner und Werther" href="http://www.stefan-niggemeier.de/blog/ueber-enke-und-werther/" target="_blank">seinem Beitrag</a> erhoben hat: Nach Berichten über prominente Selbstmorde steigt erwiesenermaßen die Selbstmordrate, und er plädiert deshalb dafür, die Berichte über Selbstmorde zumindest stark zurück zu fahren. <span id="more-161"></span>Ich zitiere: &#8220;Bei kaum einem Medium (die „FAZ” vielleicht ausgenommen, bei der ich allerdings natürlich befangen bin) habe ich in den vergangenen Tagen so etwas wie Zurückhaltung aus Sorge um den „Werther-Effekt” feststellen können. Schon am Dienstagabend enthielten die Meldungen der Nachrichtenagentur dpa jedes verdammte Detail über den Ort und den Ablauf des Geschehens.&#8221;</p>
<p>Und das stimmt mit Sicherheit. Ich glaube nur nicht, dass es statthaft ist, sich darüber aufzuregen. Ich bin von der Pietätlosigkeit vieler Medien angeekelt, aber Details dieser speziellen, uns alle maßlos bewegenden Geschichte nur aus Angst vor Nachahmern zu unterdrücken, halte ich für persönlich für falsch und lebensfern. Ich habe erlebt, dass sehr viele Menschen echt und tatsächlich um den ihnen nur mittelbar bekannten Robert Enke trauern, und ich glaube, bei der Verarbeitung von Trauer hilft es, das Geschehene auch anhand von Hergängen und Fakten nachzuvollziehen. Für diesen Fall, der keinem einzigen Nachahmer vorzuenthalten gewesen wäre, gilt Niggemeiers Vorwurf meiner Meinung nach nicht. Dazu hätte man die Tatsache verschweigen müssen, wie er ums Leben kam. Und das wäre kein Journalismus mehr gewesen.</p>
<p>Aber natürlich gibt es andere Fälle, in denen sich Menschen umbringen. Allerdings wird über die im Regelfall nicht berichtet, auch deshalb, weil sehr viele Medien Niggemeiers Bedenken teilen. Ich weiß das aus meiner Zeit als Lokalreporter, insbesondere in der Polizeiredaktion des Hamburger Abendblatts. Ich gehe davon aus, für die Neue Osnabrücker Zeitung gilt das genau so. Aus guten Gründen.</p>
<p>Stefan Niggemeier schreibt als Schlussfolgerung eines Textes: &#8220;Mag sein, dass es unrealistisch ist, davon auszugehen, dass die Medien anders über einen Fall wie den des Robert Enke berichten könnten. Dann seien wir aber auch ehrlich genug zu sagen, was der Preis für diese vermeintliche Informationspflicht und diesen Verkaufswettkampf ist. Er lässt sich in Menschenleben zählen.&#8221; Und das ist aus meiner Sicht geradezu obskur. Ich bin kein Medienjournalist, sondern beschäftige mich nur aus Interesse an meinem Beruf hier mit diesem Thema, aber selbst für Medienjournalisten muss klar sein: Wir sind hier, um Informationen zu finden und zu veröffentlichen. Wir sind eigentlich nicht dazu da, zu bestimmen, welche Informationen die Öffentlichkeit sehen darf und welche nicht. Wenn wir, wie im Fall der allermeisten Selbstmorde in diesem Land, aus guten Gründen beschließen, nicht darüber zu berichten, dann ist das gut gemeint (ich bin dafür, habe es auch getan und würde es wieder tun), aber es bedeutet, wir maßen uns an, die Bevölkerung vor Informationen zu schützen, die sie &#8220;nicht verkraften kann&#8221;. Das mag nach Weber Verantwortungsethik sein, aber es ist auch arrogant und gefährlich. Ich bin angetreten, damit Informationen in die Öffentlichkeit gelangen. Das ist mein Job. Ich traue der Öffentlichkeit zu, dass sie damit umgehen kann. Wenn ich im besonderen Fall der Suizide diesen meinen Berufs-Ethos aus (wie ich finde) guten Gründen verletze, dann muss ich das auch so sagen.</p>
<p>Denn im Kern ist die Welt anders, als die Medienjournalisten sie sich offenbar vorstellen: Die Menschen haben Urteilskraft. Sie können die Wahrheit vertragen. Es wird in diesem &#8220;Fall Enke&#8221; mit einiger Wahrscheinlichkeit Menschen geben, die an der gleichen Krankheit leiden wie er und die sich durch seinen Tod in ihrer Mutlosigkeit bestätigt sehen und sich ebenfalls umbringen. Das ist eine Tragödie, und gerade auch wegen <a title="Neon Burn-Out" href="http://www.neon.de/kat/245516.html" target="_blank">meiner persönlichen Krankengeschichte</a> fühle ich mit ihnen.  Aber sie sind nicht durch schlechte Medien krank geworden. Und sie werden auch nicht durch bessere Medien gesund. Was ihnen ein winziges bisschen helfen könnte ist allerdings ein vernünftiger, neuer, nüchterner Umgang mit ihrer Krankheit.</p>
<p>Unsere Verantwortung ist am Ende die für die Wahrhaftigkeit. Dazu gehört es meiner Meinung nach zum Beispiel, auch die vier Millionen Depressiven in Deutschland wahrzunehmen und ihnen zu zeigen, dass sie dazu gehören. Aber dazu gehört auch, über den grausamen Selbstmord von Robert Enke zu berichten.</p>
<p>Ich träume nicht von einer perfekten Medienwelt, in der die Zeitungen und Fernsehsender nicht über Selbstmorde berichten. Ich träume von einer Welt, in der jeder ehrlich sagen kann, wie es ihm geht, ohne dafür Repressionen fürchten zu müssen. Ich glaube, das verhindert auf mittlere Sicht vielleicht ein paar schlimme Depressionsverläufe und Selbstmorde, weil früher geholfen werden kann. Die Reaktion unserer Gesellschaft auf den Tod Robert Enkes hat unser Land meiner Meinung nach einen kleinen Schritt in diese Richtung bewegt. Und auch wenn sich dabei unendlich viele Medien wieder nur als die ekelhaften Aasgeier entpuppt haben, die sie sind, hat die Tatsache, dass die Informationen bei den Menschen waren, dabei geholfen.</p>
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		<title>Wie klingt Hubert Burda eigentlich, wenn er optimistisch ist?</title>
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		<pubDate>Mon, 16 Nov 2009 17:21:35 +0000</pubDate>
		<dc:creator>mikis</dc:creator>
				<category><![CDATA[Kundenkontakt]]></category>
		<category><![CDATA[Old School]]></category>
		<category><![CDATA[Wir sind so]]></category>

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		<description><![CDATA[„Medien und damit auch Zeitschriften stellen allen Un [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<blockquote><p>„Medien und damit auch Zeitschriften stellen allen Unkenrufen zum Trotz noch immer ein Grundnahrungsmittel in unserer Gesellschaft dar. Daran wird sich auch in Zukunft nichts ändern.&#8221;</p></blockquote>
<p>Das <a title="Burda PM VDZ Tage 2008" href="http://www.hubertburda.de/2008/11/" target="_blank">sagte</a> Verbandspräsident Dr. Hubert Burda zu Beginn der – Vorsicht! – Zeitschriftentage des Verbandes der Zeitschriftenverleger 2008.</p>
<p>Und das sagte er <a title="VDZ Tage Meedia" href="http://meedia.de/nc/details-topstory/article/hubert-burda-macht-der-print-branche-mut_100024588.html" target="_blank">heute</a> zum gleichen Anlass:</p>
<blockquote><p>„Bei mir ist die Gewissheit da, dass die Zeitschriften und das gedruckte Buch überleben werden.“</p></blockquote>
<p>Aber auch das:</p>
<blockquote><p>„Ich war letztes Jahr viel pessimistischer, als ich es heute bin.“</p></blockquote>
<p>Was mich zu der Frage bringt: Wenn er sowieso jedes Jahr das gleiche sagt, unabhängig davon, was er wirklich denkt – wieso sagt er dann überhaupt etwas?</p>
<blockquote></blockquote>
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		<title>Wenn Qualitätsmedien nichts sagen</title>
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		<pubDate>Fri, 06 Nov 2009 17:32:48 +0000</pubDate>
		<dc:creator>mikis</dc:creator>
				<category><![CDATA[Old School]]></category>
		<category><![CDATA[Wir sind so]]></category>

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		<description><![CDATA[Über die Schweinegrippe will ich gar nicht reden, und  [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p style="text-align: left">Über die Schweinegrippe will ich gar nicht reden, und das ganze Chaos drum herum, und es haben ja auch nicht die Medien dran schuld. Ich habe ein noch viel deprimierenderes Stichwort, das mit Sicherheit keiner mehr hören kann und will, aber ich warte nun seit Wochen und Monaten, dass irgendwann mal jemand sagt, was Sache ist, und es passiert nicht. Also nun ich: Es ist aus meiner Sicht eine Schande, was in diesem Land im Namen des Volkes mit John Demjanjuk passiert. Unter unser aller Augen, obwohl wir alle Fakten haben, die zur Bewertung des Falles auch aus medialer Sicht nötig sind. Offenbar will sich keiner an dem Nazi-Dreck die Finger verbrennen, und deshalb sagt niemand etwas. Das ist feige und falsch, und ich verbrenne mich jetzt.<span id="more-97"></span></p>
<p style="text-align: left">Kennen Sie den Fall? Wahrscheinlich ja. Er wurde ausführlich auf allen Kanälen besprochen, aber ich gebe zu, bei mir ist zuerst nicht viel mehr hängen geblieben als: Ehemaliger KZ-Wächter. Was in meinen Synapsen sofort den Reflex auslöst: Für immer wegsperren. Fertig. Aber tatsächlich ist der Fall ein bisschen mehr als das.</p>
<p style="text-align: left">Demjanjuk wäre, so weit ich das überblicken kann, der erste Ausländer, den ein deutsches Gericht wegen seiner Nazi-Kollaboration verurteilen würde. Er ist angeklagt, Beihilfe zur Ermordung von 27900 Menschen im Vernichtungslager Sobibor geleistet zu haben (schon diese Zahl lässt erschauern, denn sie setzt sich zusammen aus der Zahl der in Viehwaggons nach Sobibor verfrachteten Opfer minus einer gerundeten Toleranz von solchen, die hochgerechnet wahrscheinlich schon auf der Fahrt gestorben sind). Und das glaubt das Gericht Demjanjuk nachweisen zu können: Das er in Sobibor war. Es gibt einen Ausweis und einen Verlegungsbefehl – und möglicherweise Zeugen, aber dazu kommen wir noch.</p>
<p style="text-align: left">John, damals noch Ivan, Demjanjuk war ein ukrainischer Bauernjunge, der im Krieg erst in die Rote Armee und dann in Kriegsgefangenschaft geriet. Aus dieser Gefangenschaft heraus wurde er zum <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Zwangsarbeitslager_Trawniki" title="Trawniki bei Wiki" target="_blank">&#8220;Trawniki&#8221;</a>, zu einem von 4000 bis 5000 von der SS ausgebildeten Helfer. Diese Trawniki, alle zwischen 18 und 22 Jahren alt, hatten sich zumeist &#8220;freiwillig&#8221; gemeldet – jedenfalls so freiwillig, wie man die Möglichkeit annimmt, seine Lage in der Kriegsgefangenschaft zu verbessern. Er war als Wächter in mehreren KZ stationiert, auch in der Außensicherung von dem reinen Vernichtungslager Sobibor, wo während der höchstwahrscheinlichen Zeit seiner Stationierung von März bis September 1943 mindestens 29000 Menschen umgebracht wurden.</p>
<p style="text-align: left">Er war da.</p>
<p style="text-align: left">Das ist es, was wir ihm vorwerfen: Er war da. Es ist ein schwer wiegender Vorwurf, und er ist offenbar einigermaßen gut zu belegen: Ivan, später John, Demjanjuk war ein KZ-Wächter, und das ist ein Verbrechen. Natürlich ist es das. Es gab Kriegsgefangene der Wehrmacht, die sich nicht freiwillig als SS-Schergen verpflichten ließen, selbst unter der halb erzwungenen Freiwilligkeit nicht. Aus meiner Sicht muss John Demjanjuk für diesen schweren Fehler, den er als junger Mann begangen hat, bestraft werden.</p>
<p style="text-align: left">Und genau das ist längst passiert: Demjanjuk wurde in Israel zum Tode verurteilt und saß sieben Jahre im Gefängnis, weil Zeugen ihn als &#8220;Iwan den Schrecklichen&#8221; identifiziert hatten, einen berüchtigt grausamen Aufseher im Lager Treblinka – erwiesenermaßen ein Fehlurteil, das auch deshalb möglich wurde, weil das amerikanische Justizministerium bei Demjanjuks Auslieferung an Israel entlastende Unterlagen zurückgehalten hatte (Demjanjuk war nach dem Krieg in die Vereinigten Staaten emigriert, nannte sich nun John und wurde US-Staatsbürger). Zeugen hatten ihn eindeutig identifiziert, damals, obwohl er es nicht war. Und die Wahrscheinlichkeit, dass heute, noch viel später, die Zeugenaussagen verlässlicher sind, ist eher gering. Er war da – das ist es, was wir beweisen können, in meinem Namen und in Ihrem.</p>
<p style="text-align: left">Eine kleine Anekdote aus dem Prozess in Israel muss man vielleicht noch erzählen: Demjanjuk leugnet bis heute, Trawniki gewesen zu sein. Er will über die drei Jahre einfacher Kriegsgefangener gewesen sein. Das Gericht glaubte ihm nicht: In dem Lager Chelm, in dem er saß, hätte er die Zeit unmöglich überleben können, dafür wären die Zustände zu schlecht gewesen.</p>
<p style="text-align: left">Das ist die Situation: Ein Kriegsgefangener in einem Lager, in dem die Zustände so sind, dass es als ausgeschlossen gelten muss, dass hier ein Gefangener lange überlebt. Er ist damals 22 Jahre alt und meldet sich freiwillig, um aus dem Lager zu kommen. Wie gesagt: Mit der Arroganz des später Geborenen halte ich trotzdem daran fest, dass es unser Menschsein gebietet, nicht als Aufseher in einem KZ zu &#8220;arbeiten&#8221;, nicht in einem Vernichtungslager Menschen aus Viehwaggons in Gaskammern zu treiben. Das war verbrecherisch. Aber John Demjanjuk hat sieben Jahre lang in einem israelischen Gefängnis gesessen, seine Hinrichtung vor Augen, für Verbrechen, die er nicht begangen hat. Er ist mehrfach in den USA aus- und wieder eingebürgert worden, hatte Auslieferungen in die Ukraine und nach Deutschland vor Augen und landet nun, als alter, kranker Mann, hier – um von den Leuten verurteilt zu werden, die ihn aus seiner Sicht erst in die Situation gebracht haben, in der er Verbrechen begehen konnte.</p>
<p style="text-align: left">Keine dieser Informationen ist geheim. Sie sind so alle – wenn auch nicht alle gleichzeitig – in deutschen Qualitätsmedien zu finden, aber wie das so ist, wenn man nur Fakten, Fakten, Fakten aneinander reiht: Es ist kein Bild entstanden über die Schlagworte &#8220;Ivan der Schreckliche&#8221;, &#8220;KZ-Wächter&#8221; und &#8220;Beihilfe zum tausendfachen Mord&#8221; hinaus.</p>
<p style="text-align: left">Ich glaube, wir haben den falschen Mann, um ein Exempel an ihm zu statuieren. Aus meiner Sicht ist er kein Unschuldiger, aber er ist auch nicht nur Täter, sondern die Figur seiner eigenen Tragödie.</p>
<p style="text-align: left">Er wäre der erste Trawniki, der in Deutschland verurteilt würde – im Ausland sind viele der &#8220;Kollaborateure&#8221; zu teilweise langen Strafen verurteilt oder hingerichtet worden. Aber SS-Wächter aus Sobibor sind bereits in Deutschland verurteilt worden: Der Lagerkommandant Franz Stangl und ein weiterer SS-Mann zu lebenslanger Haft, ein weiterer beging vor dem Urteil Selbstmord. Vier SS-Wächter erhielten Haftstrafen zwischen drei und acht Jahren. Vier weitere wurden freigesprochen. Obwohl sie da waren.</p>
<p style="text-align: left">Ich hasse die Tatsache, dass ich plötzlich mit einem Nazi-Schergen mitfühlen soll. Aber man kann auch nicht einfach eine Geschichte gar nicht erzählen.</p>
<p style="text-align: left">&nbsp;</p>
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