Die größere Null

16. Dezember 2009

Diesen Text kann man auch als Podcast hören: Dank bodalgo.com, dem Online-Marktplatz für Sprecher. Leider ist diese Wahnsinns-Stimme nicht meine – aber dafür kann der Typ lesen.

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Mathias Döpfner ist Germanist, Theater- und Musikwissenschaftler und Vorstandsvorsitzender der Axel Springer AG, und als solcher auch derjenige, der die Zusammenlegung der Redaktionen von Welt und Berliner Morgenpost durchsetzen ließ. Insofern mutet es vielleicht merkwürdig an, dass ausgerechnet er sich im Manager-Magazin (laut dessen Ankündigung) zum Verfechter des journalistischen Inhaltes macht, an dem nicht gespart werden sollte. Aber wir wissen ja, was eigentlich gemeint ist: Es ist eine der rhetorischen Volten, die man drehen muss, wenn über den Umweg der Geißelung kostenloser Inhalte als „abstruse Fantasien von spätideologisch verirrten Web-Kommunisten“ die Brücke geschlagen werden soll zu der Forderung, die im Moment hinter allem steht, das die Verlagshäuser tun: Der Forderung, per Gesetz an den Gewinnen von Google beteiligt zu werden, weil Google ohne die Web-Inhalte der Verlage weniger Zeug hätte, neben dem es Anzeigen schalten könnte. Springer-Außenminister Christoph Keese hat es neulich in einem Interview auf Carta noch schöner formuliert hat: Was auch immer der Wert der Verlangsinhalte für Google sei, „er ist größer als null“.
Aus dem Grundrauschen der vielen Diskussionen schält sich nun also die Strategie, erkennbar durch die immer gleichen Schlagwörter: „Qualität“ und „Wert“ – und die ideologische Abgrenzung zu dem Kostenlosen als Auswuchs des Kommunismus (dieses neue Schlagwort muss gefunden worden sein, um die eher Regelungs-unlustigen FDPler in der neuen Regierung ins Boot zu holen). Aus Döpfners Sicht werden ihm Werte (in Form von Inhalten) von den Kommunisten gestohlen, und dagegen muss selbst ein liberaler Marktwirtschaftler einschreiten.
Die Wahrheit ist tatsächlich eine andere, und das ist das befremdliche in dieser Situation: Natürlich realisiert sich ein Wert in unserer Marktwirtschaft in einem Preis, und der Preis für Döpfners Inhalte im Internet ist in Geld ausgedrückt wohl doch nicht größer als null. Nun entgegen der Nachfrage am Markt gesetzlich einen Preis festzusetzen und ihn bei Google einzutreiben zumindest ist näher am Kommunismus als die angeblich abstrusen Fantasien, die ja für die angeblichen Kommunisten von Google doch recht kapitalistische Vorzüge zu haben scheint.
Insofern erklärt sich vielleicht auch neu, warum die Bezahl-Sperren vom Hamburger Abendblatt und der Berliner Morgenpost im Netz so einfach zu umgehen sind: Der Versuch ist vielleicht gar nicht darauf angelegt, Erfolg zu haben, sondern die Unmöglichkeit nachzuweisen, innerhalb der behaupteten Klau-Kultur des Netzes selber Geld zu verdienen.
Aber schlimmer als der quasi-enteignende Ansatz der Google-Anbohrer ist der Schaden, den sie an den Strukturen sowohl des Internets als auch des Journalismus in Deutschland anzurichten bereit sind. Denn nach welchen Kriterien auch immer Google im Rahmen eines abzuschöpfenden Leistungsschutzes Geld an die Verlage überweisen soll: Es wird erstens ein oft GEFUNDENER Artikel belohnt werden müssen, was bedeutet, dass sich Suchmaschinenoptimierung endgültig gegen Lesbarkeit, Rechercheleistung und Kreativität durchsetzt (niemand sucht nach einem überraschenden Artikel, weil er nicht wissen kann, wonach er suchen muss). Zweitens braucht es irgendeine Art von Abrechnungsmechanismus, der wohl eine Art von Kontrollarchitektur verlangt, viertens führt das System ohne Frage zu Abgrenzungsproblemen zwischen kommerziellen und nichtkommerziellen Anbietern und der Frage, wer von ihnen für welchen Link bezahlen soll (Disclosure: Ich habe mit den Google-Anzeigen auf diesem Blog im vergangenen Monat 6,37 Euro verdient – es geht mir ja ums Prinzip, dass Journalisten Geld verdienen können müssen –, und insofern ist dieser Blog wahrscheinlich kommerziell). Ein Leistungsschutzrecht führt also zu weniger Links, was in Wahrheit bedeutet, weniger Internet. Und als wäre das alles nicht genug, bereiten sich die Provider offenbar (meiner Meinung nach völlig zurecht) darauf vor, ihren Kunden im Zweifel auch einen Internetzugang ohne die zwangsbezahlten Inhalte anzubieten – quasi eine Netzsperre für Verlage.
Und das alles für ein Leistungsschutzrecht, das weder Leistung schützt noch gerecht ist.
Es ist ein einziger, großer Scheiß: Natürlich wären Inhalte, die nur daraufhin optimiert werden müssen, gefunden zu werden, eben genau nicht der journalistische Inhalt, für den Döpfner sich angeblich stark macht. Das Leistungsschutzrecht ist eben genau die abstruse Fantasie einer spitzen Interessengruppe, die die gewachsene (und immer noch wachsende) wunderbare ökonomische Kultur der Vernetzung nicht versteht, in der Aufmerksamkeit, Vertrauen und Empfehlungen nicht in Cent ausgerechnet werden müssen.

Dank an Troggi für die Recherchehilfe!

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2 Kommentare

Man kann die Sache auch mal so betrachten: Wir „Webkommunisten“ (Sir Döpfner) arbeiten seit Jahren kostenlos in einem riesigen Weltverlag, der unsere Inhalte verwertet. Anteile an diesem Weltverlag halten die Zugangsprovider und die Suchmaschinen. Erstere kassieren die Nutzer-Abos (ca. 25 Euro pro Monat und Nase), letztere kassieren den Großteil der Werbeeinnahmen (Milliarden!). Nur wir Webkommunisten, die wir die Inhalte produzieren, bekommen gar nichts (bzw. Brosamen: Sie, Michalis, haben im letzten Monat 6,37 Euro mit Werbung eingenommen). Wir wollen darüber nicht klagen, denn wir sind ja Webkommunisten.
Was mich an der Debatte stört, ist, dass die oben geschilderten Fakten gern unter den Tisch gekehrt werden. Ich habe nichts dagegen, dass die Webkommunisten gegen die Webkapitalisten kämpfen (Klassenkampf macht Laune), aber ich wünschte mir, die Kämpfer (auch die Niggemeiers und Ikens) würden mal ein paar Schritte von ihren kleinen Scharmützeln zurück treten und einen Moment lang die Realität dieses gigantischen Weltverlags betrachten.

by Wolfgang Michal on 17. Dezember 2009 at 18:59. #

@Wolfgang Michal: Sie finden, wen würde das überraschen, schon wieder die besten Worte für das, was ich immer unzureichend mit ‚Teilnahme‘ zu umschreiben versucht habe. Und auf dieser Ebene, bis zu der allerdings Sir Döpfner nicht gedacht haben dürfte, ergibt seine Kommunismustheorie tatsächlich endlich einen Sinn – und wir freien, quasi in die Gesamtgemeinschaft sozialisierten Produzenten widersetzen uns dem Kapital zumindest so weit, dass wir die Würde der eigenen Arbeit aufrecht erhalten, während die Fließbandproduzenten in den Textfabriken langsam verdorren (wir vergessen gerne, dass Henry Ford am Anfang nur zwei Prozent seiner Arbeiter – mit viel Schmerzensgeld – halten konnte. Die anderen kündigten schnell wieder). Ich habe den Iken, ehrlich gesagt, als Satire auf sich selbst verstanden und den Niggemeier als platzenden Kragen, den ich aber auch gut verstehe, weil sich hinter der Satire eben eine echte Gefahr verbirgt: Die momentane Springer-Satire-Show auf alles, in der ein Iken die Gratiskultur beschimpft und dann die Parodie einer Paywall aufbaut, in der ein Diekmann die Aufmerksamkeits-Ökonomie veralbert, indem er in ihrem Oberflächenfilm herumprollt und dafür Medienmann des Jahres wird (obwohl in seinem Hauptjob die Zahlen so sind, dass einige andere den Preis eher verdient hätten) und in der ein Döpfner auf Kommunisten schimpft, aber die Enteignung einer Firma zugunsten eines (deklarierten) Allgemeingutes fordert – diese Satire-Show könnte am Ende das Internet, wie ich es verstehe, in diesem Land durch schlechte Gesetze weit gehend zerstören.
Insofern halte ich es für wichtig – so sehr ich mich ihrem Weltverlag verbunden fühle – darauf hinzuweisen, dass wir in diesem Fall nicht die Kommunisten sind, sondern – im Gegenteil – die angeblich marktwirtschaftlichen Verlagshäuser mit ihrem Leistungsschutzrecht. Marktwirtschaftlich wäre doch: Wenn sie es sich nicht leisten können, im Internet zu publizieren, dann sollen sie aufhören und die Klappe halten. Fertig. Wenn ich einen Weg finde, eine Webseite zu betreiben, dann sollte man denken, der Springerverlag kann es auch (kaidiekmann.de ist doch ein gutes Beispiel). Aber es zwingt sie keiner. Das ist der Markt. Wenn sie sich auf Dinge einlassen wollen, die keinen Markt darstellen (wir könnten das Netz ja auch als politischen Diskussionsraum verstehen), dann können sie sich um staatliche Hilfe bemühen – und der Slogan von der Enteignung Springers würde doch noch Wirklichkeit. Aber Subventionen vom Mitbewerber zu fordern ist nicht einmal mehr Klassenkampf. Das ist Wegelagerei.

by mikis on 17. Dezember 2009 at 20:42. #

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