Bild gewinnt. Gegen den Journalismus

1. Juni 2011

Am Freitagmorgen erschien Deutschlands größte Tageszeitung mit dem selbstbeweihräuchernden Artikel „Bild behielt recht“, zu dem ich mich bereits ausführlich geäußert habe. Am Nachmittag fuhr ich zur Promotionsfeier einer Cousine, der offenbar ersten Griechin, die für eine Arbeit über deutsche archäologische Funde den Doktorgrad verliehen bekam (normalerweise ist es anders herum). Ihre Mutter und ihre Schwester waren aus Griechenland gekommen. Die Schwester mit ihrem kleinen Kind. Und es war ein schöner Nachmittag und Abend, auch weil wir es schafften, die drückenden Themen in die Raucherpausen vor das Restaurant am Meer zu verlegen, in dem wir feierten: Meine kleine Cousine mit dem kleinen Kind ist zu Ende Juli gekündigt worden. Ihrem Mann hatte man gerade gesagt, dass er nur noch vier Tage die Woche zur Arbeit kommen kann, weil die Konjunkturlage mehr nicht hergibt. Die Familie steht jetzt mit weniger als der Hälfte des Einkommens da, das sie noch vor einem Jahr hatte, und selbst da hatte es aufgrund der Preissteigerungen kaum gereicht. In Griechenland kostet ein Pfund Butter inzwischen fünf Euro. Und meine Tante hat einen großen Teil ihrer ohnehin knappen Rente an das Sparpaket verloren. Wie wird es weitergehen? „Niemand weiß, was morgen ist. Oder ob morgen noch ist.“

Paul Ronzheimer ist der so genannte Journalist, der nach Griechenland gefahren ist und sich auf dem Athener Syntagma-Platz fotografieren ließ, wie er vor demonstrierenden Menschen, die nicht mehr wissen, wie sie ihre Familien ernähren sollen, mit Drachmen-Scheinen wedelte wie mit Bananen vor Affen im Zoo. Nikolaus Blome ist der Mann, der jede verfügbare Zahl aus dem Zusammenhang gerissen hat, um zu belegen, dass diese Menschen faul und zu korrupt sind und deshalb nichts Besseres verdienen. Wenige Stunden, nachdem sie ihren gemeinsam verfassten Artikel darüber, dass sie immer recht hatten, veröffentlichten, lief klein und kaum beachtet die Nachricht über den Ticker, dass das griechische Konsulat in Berlin in der Nacht von Vermummten mit Steinen und Farbbeuteln angegriffen worden war. Der Mob hatte sich ein Ventil gesucht für den Volkszorn auf die faulen, korrupten Griechen, die sie aus der Bild-Zeitung und aus den Ausführungen der Bundeskanzlerin kennen.

Heute läuft die Nachricht über den Ticker, dass Ronzheimer und Blome für ihre Griechenland-Berichterstattung den Herbert-Quandt-Preis für Wirtschaftsberichterstattung erhalten, dotiert mit 10000 Euro – mehr Geld, als es viele normale, arbeitende Familien in Griechenland im Jahr zur Verfügung haben, obwohl die Lebenshaltungskosten in Athen längst höher sind als in Berlin.

Ich kann nicht einmal sagen, dass es vor allem Verachtung ist, die ich empfinde. Natürlich empfinde ich die auch, aber was soll das bei Menschen, die offensichtlich keine Scham empfinden können. Für mich bedeutet die Auszeichnung der Werke dieser beiden auch eine weitere und vielleicht entscheidende Niederlage des Journalismus, wie ich ihn verstehe. Eine Branche, in der das, was diese beiden tun, preiswürdig ist, ist verloren.

PS. Heute Mittag hat mir Dr. Jörg Appelhans geschrieben, Vorstand der Johanna-Quandt-Stiftung, wofür ich mich bedanke. Mit seiner Zustimmung veröffentliche ich hier seine Mail an mich.

Sehr geehrter Herr Pantelouris,

in Ihrem Blog üben Sie Kritik an der Vergabe des diesjährigen Herbert Quandt Medien-Preises. In diesem Zusammenhang möchte ich Sie gern auf folgendes hinweisen:

Wir haben nicht die Berichterstattung der „BILD“ zu den sogenannten „Pleite-Griechen“ ausgezeichnet, sondern eine sehr faktenstarke und an wirtschaftspolitischen Hintergrundinformationen reiche Reportageserie aus dem Herbst 2010 über das Zustandekommen des EU-Beitritts Griechenlands. Wenn Sie es wünschen, können wir Ihnen diese Serie zur weiteren Meinungsbildung zukommen lassen.

Im übrigen ist die Würdigung und Auszeichnung von journalistischen Leistungen immer auch geprägt von subjektiver Betrachtung. Wir sind aber der Überzeugung, dass wir aufgrund des in der Jury zum Herbert Quandt Medien-Preis versammelten journalistischen Sachverstands auch in diesem Jahr wieder eine gute und richtige Wahl getroffen haben.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Jörg Appelhans
Vorstand

Der versammelte journalistische Sachverstand, der hier angesprochen wird, sind der HR-Intendant Dr. Helmut Reitze und die Chefredakteure Stephan-Andreas Casdorff (Tagesspiegel) und Roland Tichy (Wirtschaftswoche), die neben Johanna und Stefan Quandt in der Jury sitzen.

Ich persönlich halte schon die Argumentation, dass eine fünfteilige Serie innerhalb einer inzwischen mehr als hundertteiligen Hetz-Kampagne preiswürdig sein kann für völlig unhaltbar – abgesehen davon, dass auch die Serie selbst im gleichen Stil verfährt –, aber ich danke hier ganz ausdrücklich für die Bereitschaft zur Diskussion.

70 Kommentare

Och Herr Beduhn, so schwer ist das doch alles nicht zu verstehen. Man kann sich natürlich auch blöder stellen als man ist.

by Klaus Thomas Heck on 3. Juni 2011 at 01:52. #

Ich bin vor zwei Tagen von einem zweiwöchigen Griechenland-Aufenthalt zurückgekehrt und war vor Ort auch entsetzt

1. Wie sehr die Berichterstattung in deutschen Medien („Qualität“ und Boulevard gleichermaßen) von der tatsächlichen Situation vor Ort abweicht.

2. Was für einen enormen Schaden Merkel’s billige Demagogie und deren mediale Wiederkäuerei hinsichtlich der Völkerverständigung bewirkt.

Die Ursachen der besonderen Krise in Griechenland sind komplex und über die Schuldfrage und -verteilung lässt sich streiten. Das ein großer Teil der Grichen jedoch weder die Hilfe der EU, noch des IMF wünscht ist eine meist unterschlagene Tatsache. Deutschland als großzügigen Retter nach Hilfe flehender Griechen zu stilisieren ist eine extreme Verzerrung der Realität.

Das Land hätte m.E. (vor allem im Interesse der Griechen) den Staatsbankrott erklären müssen. Im letzten Jahr hat sich die Situation nur verschlechtert, die faulen Kredite von Banken und Privatinvestoren wurden mal wieder sozialisiert. Die androhende Privatisierungswelle macht eine wirtschaftliche Erholung nach der immer noch drohenden Pleite zusätzlich um einiges schwerer.

by Frederik Fischer on 3. Juni 2011 at 09:53. #

[…] Pantelouris Bild gewinnt. Gegen den Journalismus und Wenn Zeitungen dumm machen Mikis gleich zweimal. Es lohnt sich. Noch mehr Hintergrund hat Niels […]

by Glanzlichter 68 « … Kaffee bei mir? on 3. Juni 2011 at 17:32. #

@ void
„Dass dieser Preis mit wertvollem Journalismus soviel im Sinn hat wie die BILD, legt der Name Quandt allein schon nah, oder?“

Wieso denn jetzt? Die Mutter von Harald Quandt hatte auch eine große Nähe zur Presse und nutzte sie hervorragend:

http://de.wikipedia.org/wiki/Magda_Goebbels

by Lina on 3. Juni 2011 at 21:45. #

[…] findet sich hier einträchtig versammelt, nicht nur in den genannten Überschriften, sondern als durchgängiger Tenor in allen diesen ‘Texten’. Und wer die Griechen würgt, der hat keine Hand mehr für unsere Banken frei […]

by stilstand» Blogarchiv » Lies sell! on 4. Juni 2011 at 11:52. #

Der Dank der Mietmäuler an die Quandts, ist gewiss.

http://www.bild.de/politik/wirtschaft/sex/reichste-frau-deutschlands-plant-spektakulaere-investitionen-11858532.bild.html

Kommentar Nr. 7 ist nichts hinzuzufügen.

.

by Deddi on 4. Juni 2011 at 20:11. #

[…]   “…Gilt der Quandt-Preis denn unter tatsächlichen Journalisten überhaupt als besonders … […]

by 05.06.2011: Das Lob der reichen Erben on 5. Juni 2011 at 10:32. #

[…] sich die "etablierte Presse" weiter das Grab schaufelt: http://print-wuergt.de/2011/06/01/bild-gewinnt-gegen-den-journalismus/ […]

by Nachrichten aus Absurdistan » Twitter Weekly Updates for 2011-06-05 on 5. Juni 2011 at 11:02. #

Ich finde es wenig verwunderlich, das Monopolisten anderen Monopolisten Preise verleihen. Ist schließlich ein altbekanntes Phänomen, dass die Scharlatane sich gegenseitig Titel und Auszeichnungen verleihen.

by Spartakus on 5. Juni 2011 at 14:04. #

Dazu in Ergänzung auch eine Bild-Studie der Otto-Brenner-Stiftung über die Griechenland- und Eurokrise: „Eine Marke und ihre Mägde“.

http://www.bild-studie.de/bild-studie-der-obs/printfassung.html

vorgestellt auf dem Mainzer Medien Disput in Berlin und beim RadioEins Medienmagazin noch mal thematisiert:
http://www.wwwagner.tv/?p=7612
(Siehe Marketing-Maschine Bild, Interview mit Wolfgang Storz, Leiter der Bild-Studie)

by Eleni Klotsikas on 6. Juni 2011 at 11:58. #

Ich bin davon überzeugt, daß Griechenland erst dann „pleite gehen“ und/oder den Schuldenschnitt machen darf, wenn sich alle privaten Firmen die entsprechenden Staatsbesitz-Stücke des griechischen Staates gesichert haben (natürlich für wenig Geld – auch Privatisierung genannt). Denn dann ist da nix mehr zu holen, dann kann es ruhig den Bach runter gehen…(und die Schulden werden einmal mehr sozialisiert. Abartig, das Ganze.

by Frank on 7. Juni 2011 at 18:53. #

[…] Deshalb wird Paul Ronzheimer, 25-jähriger “Bild”-Redakteur, der auch gerne schon mal “den Pleite-Griechen die Drachmen zurück” gibt, mit dem Herbert-Quandt-Medien-Preis (immerhin benannt nach einem anderen großen Menschenfreund und Wohltäter) ausgezeichnet. […]

by Coffee And TV: » Journalisten on 9. Juni 2011 at 16:37. #

@ Frank
Vielleicht macht „man“ die Rechnung ohne den Wirt?

by Lina on 13. Juni 2011 at 22:17. #

[…] Bild gewinnt. Gegen den Journalismus (print-wuergt.de, Michalis Pantelouris) Memo an alle: Der Herbert-Quandt-Medienpreis hat sich ins aus katapultiert und ist wertlos. Warum schreibt Michalis Pantelouris. […]

by Morgenlinks mit schwulen Mädchen, Fürsprechern & Celebrities | netzfeuilleton.de on 16. Juni 2011 at 09:32. #

Stellungnahme der Autoren der Bild-Studie zur Verleihung des Quandt-Preises an Bild: http://www.bild-studie.de/material-zur-studie/texte.html

by OBS on 16. Juni 2011 at 11:27. #

@ OBS
Ich wundere mich nur über diesen Satz hier:

„Dies führt zu
dem Schluß, dass es sich bei „Bild“ in summa um kein journalistisches Produkt handelt, sondern um einen
fachlich noch neu zu definierenden Kommunikations-Hybriden…“

Was gibt es denn da NEU zu definieren? Da gibt es ein ganz treffendendes, altes Wort: PROPAGANDA.

Guckst Du hier:
„Propaganda bezeichnet einen absichtlichen und systematischen Versuch, Sichtweisen zu formen, Erkenntnisse zu manipulieren und Verhalten zu steuern, zum Zwecke der Erzeugung einer vom Propagandisten erwünschten Reaktion.[1] Der Begriff „Propaganda“ wird vor allem in politischen Zusammenhängen benutzt; in wirtschaftlichen spricht man eher von „Werbung“, in religiösen von „Missionierung“.

http://de.wikipedia.org/wiki/Propaganda

by Lina on 16. Juni 2011 at 15:02. #

Wollte sagen:

PROPAGANDA-ORGAN

by Lina on 16. Juni 2011 at 15:03. #

[…] gelernt hat, nach Griechenland reiste und — in den Worten meines Kollegen Michalis Pantelouris: sich auf dem Athener Syntagma-Platz fotografieren ließ, wie er vor demonstrierenden Menschen, […]

by Und die Eulen wollen wir auch zurück! « Stefan Niggemeier on 22. Juni 2011 at 13:17. #

[…] da in Athen stand und “mit Drachmen-Scheinen wedelte wie mit Bananen vor Affen im Zoo” (Michalis Pantelouris). Ich wüsste gern, ob seine Eltern stolz sind auf das, was ihr Sohn da macht, oder ob sie sich […]

by Coffee And TV: » Jugend hetzt on 22. Juni 2011 at 16:23. #

[…] und ihre Steigbügelhalter hier agieren. Es kommt ja nicht unvorbereitet zu einer Zeit, in der z.B. mediale Volksverhetzung prämiert wird (gesponsort durch die Stiftung einer Familie, die ihr Geld in der Rüstungsindustrie […]

by Spätrömische Dekandenz, tatkräftig umgesetzt on 23. Juni 2011 at 08:48. #

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